Into the Woods

Seit der Uraufführung 1987 ist Steven Sondheims Musical "Into the Woods" in immer neuen Versionen aufgeführt worden und findet nun auch den Weg ins Kino. Ein wahres Starensemble ist unter der Regie von Rob Marshall zu sehen, der hier zwar nicht so visuell opulent inszeniert wie in seinem großen Erfolg "Chicago", dafür aber die vielen Subtexte der postmodernen Märchengeschichte herausstellt.

Webseite: www.into-the-woods.de

USA 2014
Regie: Rob Marshall
Buch: James Lapine, nach dem Musical von Steven Sondheim und James Lapine
Darsteller: Anna Kendrick, Emily Blunt, Meryl Streep, James Corden, Johnny Depp, Chris Pine, Lucy Punch, Tracey Ullman
Länge: 124 Minuten
Verleih: Disney
Kinostart: 19. Februar 2015
 

FILMKRITIK:

Es war einmal. Wie sonst sollte ein Film beginnen, in dem zahlreiche berühmte Märchenfiguren in einer gemeinsamen Welt existieren. Die Erzählungen von Rotkäppchen und dem Wolf, Rapunzel, Jack und die Bohnenranke und Aschenputtel werden ergänzt durch die Geschichte eines Bäckers und seiner Frau, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein Baby. Doch auf ihrem Haus lastet ein Fluch, den eine böse Hexe (Meryl Streep) einst auf sie gelegt hat. Um den Fluch zu lösen, müssen der Bäcker (James Corden) und seine Frau (Emily Blunt) vier Gegenstände finden: Einen roten Umhang, so wie den, der von Rotkäppchen (Lilla Crawford) getragen wird, eine weiße Kuh, so wie die, die Jack (Daniel Huttlestone) verkaufen will, einen goldenen Schuh, so wie der, den Aschenputtel (Anna Kendrick) trägt, und schließlich Haar, so gelb wie Getreide, gerade so wie das Haar, das Rapunzel (Mackenzie Mauzy) aus ihrem Burgverlies herablässt. Verbunden sind die Figuren zusätzlich durch ihre jeweiligen Wünsche, Wünsche, die zum Teil in Erfüllung gehen, sich zum Teil als Chimären erweisen, zum Teil unvorhergesehene  Konsequenzen nach sich ziehen.

Als Steven Sondheim – der als junger Mann zusammen mit Elmar Bernstein die legendäre „West Side Story“ geschrieben hatte – 1987 sein postmodernes Märchen schrieb, war sein Ansatz fraglos revolutionär. Während heutzutage selbst in einer Fernsehserie wie "Once upon a Time" Märchen-Motive dekonstruiert und modernisiert werden, war es Mitte der 80er Jahre noch ungewöhnlich, die konservative Moral vieler Märchen, ihre schlichten Glücksversprechen wie "..und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute" zu hinterfragen und mit ihnen die traditionellen Rollenmuster, die für jede Frau die Ehe als höchstes und einzig erstrebenswertes Gut zeigen.

Dass dieses moderne Meta- oder Anti-Märchen nun ausgerechnet als Disney-Film ins Kino kommt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, ist der Disney-Konzern doch für seine zahllosen Märchen-Filme bekannt, die ein zumindest altmodisches Weltbild präsentieren. Doch dank eines geringen (für Hollywood-Verhältnisse) Budgets von kaum 40 Millionen Dollar ist es Rob Marshall in seiner Verfilmung möglich, sämtliche Subtexte der Vorlage zu erhalten. So wird der dunkle Wald zur offensichtlichen Metapher für das Unterbewusste, für den Ort, wo Träume jeglicher Ort gedeihen, die dann aber mit der Realität konfrontiert werden. "Be careful what you wish for – Sei vorsichtig was du dir wünschst" lautet ein englisches Sprichwort, dass sich für viele der Figuren in "Into the Woods" bewahrheitet. Am Ende des ersten langen Aktes, nach etwas mehr als der Hälfte des Films, scheinen sich alle Wünsche zu erfüllen, gerade so wie in einem Märchen, doch im zweiten Akt wird diese heile Welt zerstört. Nicht unbedingt die Realität hält Einzug – immerhin hat man es trotz aller Moderne noch mit Riesen und Hexen zu tun – aber ein realistischeres Weltbild, in dem Handlungen oft unvorhergesehene Folgen haben.

So vielschichtig die Subtexte jedoch sind (nicht zuletzt die Begegnung zwischen Rotkäppchen und dem bösen Wolf, den Johnny Depp in einem kurzen Auftritt als pädophilen Wüterich spielt): vor allem ist "Into the Woods" ein mitreißendes Musical mit Staraufgebot. Angeführt von Meryl Streep als Hexe, ziehen die Darsteller alle Register und überzeugen nicht zuletzt dank Sondheims brillanter Texte voller Wortspiele und Mehrdeutigkeiten. Das gilt zumindest in der Originalversion, denn wie sich "Into the Woods" in der deutschen Synchronfassung anhören mag, will man sich lieber nicht vorstellen.
 
Michael Meyns