Intrige

Roman Polański polarisiert. Noch vor der Uraufführung seiner neuen Regiearbeit „Intrige“ entbrannten hitzige Diskussionen über die Frage, ob man einem Mann, der sich des sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen schuldig gemacht hatte, beim Festival von Venedig eine Bühne geben dürfte. Im Zuge der #MeToo-Bewegung ließ der schon oft thematisierte Fall die kritischen Stimmen wieder lauter werden. Allen Kontroversen zum Trotz erhielt Polańskis jüngstes Werk, das die sogenannte Dreyfus-Affäre aufarbeitet, bei den Filmfestspielen am Lido den Großen Preis der Jury.

Webseite: www.facebook.com/Intrige.DerFilme

Originaltitel: J‘accuse
Frankreich/Italien 2019
Regisseur: Roman Polański
Drehbuch: Roman Polański und Robert Harris nach Harris‘ gleichnamigem Roman
Darsteller: Jean Dujardin, Louis Garrel, Emmanuelle Seigner, Grégory Gadebois, Hervé Pierre, Wladimir Yordanoff, Didier Sandre, Melvil Poupaud, Mathieu Amalric, Laurent Stocker, Vincent Grass
Länge: 132 Minuten
Verleih/Vertrieb: Weltkino
Kinostart: 06.02.2020

FILMKRITIK:

Kann man den Künstler von seinem Werk trennen? Und ist es noch möglich, sich einen Film des Oscar-Preisträgers guten Gewissens anzuschauen? Diese Fragen drängen sich bei Polański unweigerlich auf und haben allemal Berechtigung. Der Regisseur bekannte sich 1977 schuldig, die damals 13-jährige Samantha Geimer sexuell missbraucht zu haben, und ließ sich während des Verfahrens auf einen Deal ein, an den sich der vorsitzende Richter – so erfuhr Polańki – dann aber doch nicht halten wollte. Aus diesem Grund flüchtete er aus den Vereinigten Staaten und betrat seither nie mehr amerikanischen Boden, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen.
 
Neue Nahrung erhielt die durch die #MeToo-Bewegung befeuerte Debatte um den Umgang mit dem Filmemacher nicht nur vor der Venedig-Premiere von „Intrige“. Auch der französische Kinostart des Historiendramas war von Protesten und Diskussionen begleitet, zumal plötzlich neue Vergewaltigungsvorwürfe gegen Polański erhoben wurden. Einfach beiseite wischen kann man die Begleitumstände sicher nicht. Am Ende muss aber jeder Zuschauer selbst entscheiden, welche Schlüsse er aus der Causa zieht und ob man den Besuch eines Polański-Films vertreten kann.
                                                                                                                           
Fakt ist, dass „Intrige“ nun auch in Deutschland auf die großen Leinwände kommt und die Ende des 19. Jahrhunderts Frankreich in Atem haltende Dreyfus-Affäre in Erinnerung ruft. Anfang 1895 muss der jüdische Offizier Alfred Dreyfus (Louis Garrel) kurz nach seiner Verurteilung wegen Hochverrats eine öffentliche Entwürdigung über sich ergehen lassen. Vor den Augen zahlreicher Soldaten wird der junge Mann unehrenhaft aus der Armee entlassen und findet sich nur wenig später auf der berüchtigten Teufelsinsel wieder, wo er eine lebenslange Haftstrafe verbüßen soll.
 
Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin), der Zeuge der feierlichen Degradierung geworden ist, erhält kurz darauf den Chef-Posten bei der militärischen Spionageabwehr, jener Einheit, die Dreyfus überführt und zu Fall gebracht hat. Während sich der prinzipientreue neue Behördenleiter darum bemüht, frischen Wind in die etwas angestaubte Abteilung zu bringen, kommen ihm auf einmal Zweifel an den Ermittlungen gegen den verbannten Offizier. Vor allem ein zentrales Beweisstück wirft große Fragen auf, weshalb Picquart weitere Nachforschungen anstellt. Seine Vorgesetzten zeigen sich über die Recherchen allerdings wenig erfreut und drängen ihn dazu, sie zu beenden.
 
„Intrige“ erzählt die Geschichte eines historischen Whistleblowers, der sich den Mund nicht verbieten lässt und die Wahrheitsfindung als höchstes Gut betrachtet. Wie er mehrfach betont, ist Picquart kein Freund der Juden, was ihn jedoch nicht davon abhält, sich für Dreyfus und dessen Begnadigung einzusetzen. Der Spionagechef ist selbst Teil des Systems, arbeitet voller Stolz für das Militär, geht in seinem Kampf für Gerechtigkeit aber trotzdem seine eigenen Dienstherren an und legt einen ungeheuerlichen Skandal offen, der viel über den Antisemitismus der französischen Gesellschaft zur Jahrhundertwende aussagt.
 
Die Rekapitulation der Ereignisse, die auf Robert Harris‘ gleichnamigem Roman basiert, bereitet Polański auf eher konventionelle Weise auf. Die Handlung vollzieht sich in weiten Teilen chronologisch. Gelegentliche Rückblenden sind stets deutlich als solche auszumachen. Das Tempo ist – vor allem in der ersten Hälfte – nicht übermäßig hoch. Und einiges an Aufwand kommt in den Kostümen und im Szenenbild zum Vorschein. Die meiste Zeit spielt „Intrige“ in irgendwelchen Amtsstuben und verströmt allein deshalb ein leicht stickiges Gefühl.
 
Auch wenn der Regisseur die Thriller-Elemente nur verhalten ausschöpft, gibt es hier und da kleine Spannungsspitzen. Langweilig ist das Geschehen ohnehin nicht, da erstaunliche Parallelen zur Gegenwart hervortreten. Zum einen illustriert der Film, wie einflussreiche weiße Männer ihre Machtpositionen schamlos ausnutzen und sich das Recht nach eigenem Gutdünken stricken. Zum anderen löst die beschriebene judenfeindliche Stimmung großes Unbehagen aus, wenn man bedenkt, dass antisemitische Strömungen aktuell wieder auf dem Vormarsch sind.
 
„Intrige“ zeigt Alfred Dreyfus als Opfer eines von Klüngel und Vorurteilen durchdrungenen Apparats, was den Verdacht nahelegt, Polański wolle seine eigene Geschichte mit dem Schicksal des französischen Soldaten vergleichen. Ein solches Bemühen hinkt freilich gewaltig. Immerhin hat der Regisseur, im Gegensatz zu Dreyfus, im Jahr 1977 tatsächlich Schuld auf sich geladen.
 
Christopher Diekhaus