Jackie

Die Ermordung John F. Kennedys war das große Trauma der jüngeren amerikanischen Geschichte. Die Bilder vom Staatsbegräbnis gingen um die Welt. Der chilenische Regisseur Pablo Larraín beschränkt sein mitreißendes Drama klug auf diese schicksalhafte Zeit nach dem Attentat im November 1963. Sein erster englischsprachiger Spielfilm lenkt den Blick auf die geschockte Witwe. In den Tagen nach der Tragödie in Dallas steht das Leben der First Lady Kopf. Bravourös verleiht Oscarpreisträgerin Natalie Portman der kosmopolitischen Stilikone und beneideten High-Society-Lady ein menschliches Antlitz. Gleichzeitig zeigt sie damit, wie sehr die facettenreiche Kultfigur, allen Boulevardklischees zum Trotz, gegen das konventionelle Frauenbild ihrer Zeit ankämpft und unerschütterlich versucht, ein von Gewalt zerrissenes Amerika als zivilisierte, kultivierte Nation in die Geschichte einzuschreiben.

Webseite: www.jackie-film.de

USA 2016
Regie: Pablo Larraín
Drehbuch: Noah Oppenheim
Darsteller: Natalie Portman, Peter Saarsgard, Greta Gerwig, John Hurt
Länge: 100 Minuten
Verleih: Tobis 
Kinostart: 26.1.2017

FILMKRITIK:

November 1963 im Weißen Haus. „Ich habe versucht, seinen Kopf zusammenzuhalten“, stammelt Jackie Kennedy, als sie sich erinnert, wie ihr Mann auf dem Weg ins Krankenhaus mit zertrümmertem Schädel in ihrem Schoss lag. Allein sitzt sie in der Nacht nach dem Attentat in Dallas in ihrem Schlafzimmer. Fast mechanisch rollt sie sich die blutverschmierten Nylonstrümpfe von den Füßen. In diesem Moment ist die schmale, grazile First Lady mit dem perfekten Haaren und makellosen Outfits, die einsamste Frau der Welt.  Immer noch trägt sie ihr blutbeflecktes Chanel-Kostüm. Sie wechselte die Kleidung auch nicht bei der raschen Vereidigung des nächsten Präsidenten Lyndon B. Johnson an Bord der Air Force One, den Sarg ihres Mannes neben sich.
 
„Sie sollen sehen was sie getan haben“, beharrt die vom Schmerz zerrissene Frau auf einer Prozession wie einst bei Abraham Lincolns Beerdigung. Die Staatsmänner sollen zu Fuß hinter dem Sarg hergehen, allen Sicherheitsbedenken zum Trotz. Im Oval Office erklärt sie dem empörten Sicherheitsbeamten Jack Valenti (Max Casella): „Und Mr. Valenti, würden Sie den Trauergästen bitte ausrichten, dass ich mit Jack zu Fuß gehen werde. Allein, wenn es nötig ist. Und sagen Sie General Charles De Gaulle, wenn er in einer gepanzerten Limousine oder in einem Panzer zur Kirche fahren möchte, werde ich ihm das nicht nachtragen“.
 
Unter den Augen der Welt verwandelt sich Jackie bei ihrer Trauerarbeit zur großen, fast griechischen Tragödin. Unerschütterlich versucht sie, bis zum bitteren Ende, ein von Gewalt zerrissenes Amerika als zivilisierte, kultivierte Nation in die Geschichte einzuschreiben. Die Bilder, als JFKs Witwe und Mutter der gemeinsamen Kinder, werden zu Ikonen. Natalie Portman verausgabt sich in dieser Rolle. Sie weint, zittert, tröstet ihre beiden Kinder, versucht, Haltung zu bewahren, fragil und stark zugleich.
 
Die 35jährige sieht Jacqueline Bouvier Kennedy nicht nur verblüffend ähnlich. Die Oscarpreisträgerin überzeugt vor allem durch ihre schauspielerische Leistung. Berührend schafft sie es dieser legendären Figur Lebendigkeit zu verleihen. Schließlich bewies sie ihr Talent bereits beim Psychodrama „Black Swan“. Gleichzeitig zeigt sie wie sehr die facettenreiche Kultfigur, allen Boulevardklischees zum Trotz, gegen das konventionelle Frauenbild ihrer Zeit ankämpft.
 
Das wahrhaft intensive, collagenartige Drama des chilenischen Regisseurs Larraín ist auch für den Zuschauer eine emotionale Tour de force zwischen Fassungslosigkeit, Trauer, Wut und Kampf um die Kontrolle im absoluten Ausnahmezustand. Die Rahmenhandlung seines vielschichtigen Porträts bildet ein Interview, das die Witwe auf dem Landsitz in Hyannis Port dem Life-Magazin-Journalisten Theodore H. White (Bily Crudup) kurz nach dem Auszug aus dem Weißen Haus gibt. Rückblenden zeigen die Szenen um die schrecklichen Ereignisse in der düstersten Zeit ihres Lebens.
 
Wie sehr Jackie Kennedy in dem vor Biederkeit strotzenden Weißen Haus für kosmopolitisches Flair sorgt, demonstrieren Ausschnitte aus einem aufwendig nachinszenierten, zeithistorischen Dokument. Sichtlich stolz führt die frischgebackene First Lady der USA da den CBS-Journalisten Charles Collingwood 1962 live durch das Weiße Haus. Damals ein absolutes Novum. Und auch hier gelingt Filmemacher Pablo Larraín  eine Meisterleistung. Am Ende freilich, gesteht selbst er: „Sie bleibt die große Unbekannte unter den Berühmtheiten der Welt“. Nachdem die Schüsse von Dallas das Leben John F. Kennedys einst auslöschten, war Robert angetreten, sich um das Erbe des toten Bruders zu bewerben. Hellsichtig erklärte Jackie im Frühjahr 1968: „Ich kann nicht sehr froh sein. Denn ich weiß, er wird erschossen wie mein Mann.“
 
Luitgard Koch