Jacques – Entdecker der Ozeane

Ein klassisches Biopic mit manchen Schwächen, aber auch vielen Stärken ist Jérôme Salles „Jacques – Entdecker der Ozeane“, der den Forscher, Filmemacher und Entdeckungsreisenden Jacques Cousteau mit all seinen Widersprüchen porträtiert. Dank eines Budgets, von dem deutsche Regisseure nur träumen können, gelingt Salle ein bildgewaltiges Epos, doch nichts überzeugt mehr als die großartigen Hauptdarsteller Lambert Wilson und Pierre Nineny als Vater und Sohn Cousteau.

Webseite: www.jacques-film.de

OT: L'Odyssée
Frankreich 2016
Regie: Jérôme Salle
Buch: Laurent Turner, Jérôme Salle
Darsteller: Lambert Wilson, Pierre Niney, Audrey Tautou, Benjamin Lavernhe, Laurent Lucas, Vincent Heneine
Länge: 122 Minuten
Verleih: DCM
Kinostart: 8. Dezember 2016

FILMKRITIK:

Mit dem Unfalltod des Sohnes Philippe (Pierre Niney) beginnt das Biopic „Jacques“, das vorgeblich das Leben von Jacques Cousteau nachzeichnet, oft aber einer Doppelbiographie gleicht. Schon das Leben von Cousteau Senior hätte Stoff für zwei Filme geboten: Ausgezeichneter Pilot, im Zweiten Weltkrieg Teil der Résistance, passionierter Taucher und Forscher, der mit seinen bahnbrechenden Aufnahmen von Fischen, Riffen und Korallen den Naturfilm revolutionierte und mit „Die schweigende Welt“ die Goldene Palme gewann, Kapitän des legendären Forschungsschiff Calypso, Familienvater und Träger des Ordens der Ehrenlegion. Doch Cousteau war auch ein Frauenheld, hatte neben den zwei leiblichen Söhnen Philippe und Jean-Michel zwei uneheliche Kinder, war ein Egomane und brachte sich und seine Familie durch seine oft größenwahnsinnigen Ideen an den Rand des Ruins.
 
Es ist eine der großen Stärken von Jérôme Salles „Jacques“, dass diese Widersprüche, die Ambivalenz in Cousteaus Charakter, nicht unter den Tisch gekehrt, sondern offensiv in den Mittelpunkt gestellt wird. So bildgewaltig die Aufnahmen der Expeditionen auch sind, oft mutet „Jacques“ wie ein dramatisches Kammerspiel an, in dem Vater und Sohn Cousteau aneinander geraten, bald zusammenarbeiten, dann getrennte Wege gehen, um schließlich doch gemeinsam gegen die Verschmutzung der Meere zu kämpfen. Eine Umweltzerstörung, zu der Cousteau ironischerweise einen kleinen Teil beigetragen hat, ließ er sich in den 50er Jahren doch vom Verband der Ölgesellschaften finanzieren, ein faustischer Deal, der ihm zwar ermöglichte mit dem legendären Forschungsschiff Calypso um die Welt zu fahren, den Ölgesellschaften aber wertvolle Gesteinsproben vom Meeresboden, mit denen nach viel versprechenden Ölfeldern gesucht wurde.
 
Ganz beiläufig wird das erzählt, wie so vieles in einem Film, der drei Jahrzehnte umspannt und dabei einmal um die Welt reißt: Von der Côte d'Azur über New York, den persischen Golf bis zur Antarktis führt die filmische Reise, meist sonnendurchflutet und atemberaubend schön. Satte 30 Millionen Euro ließ sich die französische Filmindustrie diesen Spaß kosten, eine Summe, die in Deutschland kaum denkbar wäre. Auch im Kino ist Geld zwar nicht alles, bestimmte Schauwerte haben jedoch ihren Preis.
 
Wie fast allen Biopics mag man auch „Jacques“ vorwerfen, allzu viele Ereignisse in zwei Stunden zu pressen, sich bisweilen etwas sprunghaft durch die Jahre zu bewegen, doch dank seiner Bilder und vor allem seiner zwei außerordentlichen Hauptdarsteller gelingt es Jérôme Salle, die faszinierende, abwechslungsreiche, aber auch ambivalente Lebensgeschichte Jacques Cousteau zu einem überzeugenden, oft berührenden Film zu formen.
 
Michael Meyns