Jane Eyre

Weder sentimental noch kitschig oder pathetisch, sondern äußerst prägnant inszeniert Ausnahmetalent Cary Fukunaga („Sin Nombre“) seine zeitlose Liebesgeschichte aus dem puritanisch viktorianischen England. Dabei entsteht aus Charlotte Brontës literarischen Welt-Klassiker „Jane Eyre“ erzählerisch eigenständiges Gefühlskino der besonderen Art. Genial verbindet das gleichnamige Period Piece des 34jährigen Regisseurs Elemente von Psychodrama und schaurigen Horrorfilm. Beeindruckend verkörpert dabei die junge Australierin Mia Wasikowska die Titelheldin als Vorbotin einer selbstbewussten Weiblichkeit.

Webseite: www.janeeyre.de

Großbritannien 2011
Regie: Cary Fuji Fukunaga
Darsteller: Mia Wasikowska, Michael Fassbender, Judy Dench, Jamie Bell, Sally Hawkins, Imogen Poots, Su Elliot
Drehbuch: Moira Buffini
Kamera: Adriano Goldman
Länge: 120 Minuten
Verleih: Filmverleih Tobis
Kinostart: 1.12.2011

PRESSESTIMMEN:

…fühlt sich absolut zeigemäß an. Es geht um Emanzipation, Selbstachtung und Unabhängigkeit, die von einer großen Liebe ins Taumeln gebracht werden.
Stern

Mia Wasikowska spielt mit einer unschlagbaren Mischung aus Lässigkeit und Natürlichkeit – so nah wie in dieser "Jane Eyre"-Verfilmung ist uns Charlotte Brontes berühmte Heldin noch nie gekommen.
Brigitte

FILMKRITIK:

England Mitte des 19. Jahrhundert: Auf dem entlegenen, düsteren Landsitz Thornfield Hall fühlt sich die 18jährige Gouvernante Jane Eyre (Mia Wasikowska) zum ersten Mal in ihrem Leben anerkannt. Nach ihrer tragischen Kindheit und Jugend ist die junge, gebildete Frau dankbar über ihre Stelle als Erzieherin der kleinen Adele. Auch die gutmütige Haushälterin Mrs. Fairfax (Judy Dench) nimmt sie wohlwollend auf. Und selbst der Herr des Hauses, der unberechenbare Edward Rochester (Michael Fassbender), findet bald Gefallen an Jane. Er schätzt ihre geradlinige Offenheit. Ungeniert genießt er es, eine junge, kluge Frau um sich zu haben, die es wagt, ihm ihre Meinung zu sagen. Eine unstandesgemäße Liebe entspinnt sich zwischen beiden. Doch dunkle Geheimnisse aus der Vergangenheit überschatten ihr Glück.

Die Faszination für die englische Novelle „Jane Eyre“ aus dem Jahre 1847 scheint ungebrochen. Bis zum heutigen Tage wurde der romantische Entwicklungsroman vielfach verfilmt. Zuletzt von dem italienischen Opernregisseur Franco Zeffirelli mit Charlotte Gainsbourg in der Hauptrolle. Kein Wunder, denn die Titelheldin bietet Frauen eine starke Identifikationsfigur. Die unkonventionelle Protagonistin besteht ihre Feuerproben nicht, weil sie gut aussieht oder vermögend ist. Ihr Rüstzeug fürs Leben ist vielmehr ihr Mut, Entscheidungen zu treffen und dabei ins Ungewisse zu gehen, ihr Durchhaltevermögen, ihr Witz und ihre Beherztheit. Außerdem ist der Stoff eine fesselnde Story über zwei starke Hauptfiguren und deren spannungsgeladene Beziehung.

Die meisten der früheren Verfilmungen ähnelten freilich melodramatischen Epen, die kaum, die feministischen Bezüge des zu seiner Zeit als revolutionär verstandenen Skandal-Bestsellers streiften. Die Version der Regieentdeckung Cary Fukunaga dagegen rückt diesen Aspekt in den Vordergrund. Seine Adaption zeigt, was den Reiz des viktorianischen Liebes- und Schicksalsdramas über unterdrückte Leidenschaft auch heute noch ausmacht. Dabei belässt der 34jährige Amerikaner seine Titelheldin zwar in ihrem historischen Umfeld. Trotzdem inszeniert das Ausnahmetalent sein kunstvoll durchkomponiertes Filmgemälde keineswegs als verstaubtes Kostümdrama sondern als zeitloses Stück über das Streben nach persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung.

Bewusst nutzt Fukunaga auch die unterschwellig bedrohlich gespenstische Atmosphäre des Romans. Die erlesenen Bilder mit dem fahlen Licht der kargen nordenglischen Landschaft um Derbyshire seines brasilianischen Kameramanns Adriano Goldman verfehlen dabei nicht ihre Wirkung. Streckenweise gelingen ihm Einstellungen, die an Landschaftsgemälde des britischen Malerstars der Romantik John Constable oder an die Porträts des Niederländer Johan Vermeer erinnern. Dunkle Szenen bei Kerzenlicht arbeiten immer wieder mit dem intensiven Spiel von Licht und Schatten. Nicht zuletzt dadurch entsteht der Eindruck von großer Natürlichkeit und Authentizität. In geschickten Rückblenden skizziert Fukunaga Janes tragische Kindheit und beobachtet ihren Aufstieg als Gouvernante in Thornfield Hall.

Ohne unnötige Dramatik entwickelt dabei die junge Australierin Mia Wasikowska eine minimalistische Anlage ihrer Rolle. Die 22jährige wird dem unterdrückten, aber vom Freiheitsdrang geprägten Wesen ihrer Figur mehr als gerecht. Mit beinahe unbewegter Miene gelingt es der ehemaligen Balletttänzerin intensivste Innigkeit und Leidenschaft auszudrücken. Aber auch ihr männlicher Gegenpart, der deutsch-irische Shooting-Star Michael Fassbender, besticht durch sein eindringliches Spiel. Beide brillieren in der Darstellung einer Beziehung, die Klassenunterschiede verhindern. Und selbst in der kleinen Rolle als Haushälterin zeigt die wandlungsfähige britische Charakterdarstellerin Judi Dench ihre enorme Leinwandpräsenz.

Luitgard Koch

Jane Eyre (Roman von Charlotte Brontë) ist im Kino (und Fernsehen) keine Unbekannte. Offenbar immer wieder wird die Geschichte verfilmt. Hier ist die neueste, eigene Wege gehende Version.

Um 1840. Jane wird von einer bösartigen Tante ins Internat gesteckt und erlebt dort eine bittere und schlimme Zeit. Noch dazu muss sie den Tod ihrer einzigen Freundin Helen verkraften.

Später als Erwachsene ist sie Gouvernante und Hauslehrerin für die kleine Adèle auf Thornfield Hall bei Edward Rochester, dann, von der Pfarrersfamilie St. John Rivers vor der totalen Erschöpfung gerettet und liebevoll aufgenommen (zudem vom Pfarrer verehrt), eine Zeit lang Dorfschullehrerin für Mädchen.

Rochester ist ein gestandener und freundlicher, verständiger und gescheiter Mann, aber andererseits auch nicht offen, etwas verdrückt. Jane entwickelt Gefühle für ihn, Rochester geht es ebenso. Sie führen Gespräche, bei denen der literarische Wert der Dialoge von Brontës Roman klar zutage tritt.

Edward Rochester hat auch etwas Geheimnisvolles. Er liebt Jane, soll oder will aber Blanche Ingram heiraten, eine schöne Frau und gute Partie. Schließlich siegt Jane doch, aber dann stellt sich heraus, dass Edward bereits seit 15 Jahren verheiratet ist. Seine Ehefrau ist geisteskrank. Um sie vor der Irrenanstalt zu bewahren, hält Rochester sie seit Jahren eingesperrt.

Wie soll Jane das aushalten?

Und wird es nach Jahren doch noch eine Versöhnung, einen Fortbestand der Liebe zwischen Jane und Edward geben?

Eine geistig wie formal eher düster und kammerspielartig gehaltene Verfilmung. Eine ausgewählte Ausstattung, aber keine Massenszenen, keine Feste, keine Bälle usw. Dafür die Konzentration auf die Personen, auf die Landschaft, auf die Natur. Bejaht man diese Einschränkung, wird man belohnt mit einer intensiven Vertiefung der Charaktere, mit den literarisch wertvollen Dialogen, mit dem eindringlichen Spiel einer Mia Wasikowska (Jane Eyre), eines Michael Fassbender (Edward Rochester), einer Judi Dench (Haushälterin auf Thornfield Hall und Mentorin Janes), einer Sally Hawkins (Janes böse Tante) oder einer Amelia Clarkson (Jane als Kind). Hier liegen mit die größten Stärken des Films.

Thomas Engel