Jasmin

Kammerspiele bilden eigentlich Antipoden zum Kino. Wenige Darsteller in räumlicher Enge wiedersetzen sich dem cineastischen Streben nach Perspektivenerweiterung, Sinnestäuschung und Verwandlung. Gegenbeispiele sind Roman Polanskis "Der Gott des Gemetzels", Ingmar Bergmans "Persona", "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" von Mike Nichols, oder Romuald Karmakers "Der Totmacher": Sie liefern großes Kino innerhalb von vier Wänden. "Jasmin", nach einem realen Gerichtsfall um eine Kindsmörderin konstruiert, erreicht eine ähnliche Intensität. Die profilierten Bühnendarstellerinnen Wiebke Puls und Anne Schäfer entfalten ein durchweg fesselndes Zwiegespräch. Ihr intensives Spiel verleiht der Leinwand eine dritte Dimension.

Webseite: www.jasmin-derfilm.de

Deutschland 2011
Regie und Kamera: Jan Fehse
Buch: Christian Lyra
Darsteller: Anne Schäfer, Wiebke Puls
Länge: 88 Min.
Verleih: Camino Filmverleih
Format: Digital
Start: 14. Juni 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Knapp 90 Minuten lang sind nur diese zwei Frauen zu sehen, die sich gebannt taxieren. Auf der einen Seite des Tisches sitzt die Ärztin Dr. Feldt (Wiebke Puls), die eine "psychiatrische Exploration" für einen Gerichtsgutachten erstellen soll. Ihr Gegenüber ist Jasmin (Anne Schäfer), die unter dem Verdacht steht, ihr Kind ermordet zu haben, ehe sie versuchte, sich zu erhängen. An ihrem Hals zeichnen sich noch die Druckstellen ab.

Bereits in den Gesichtern der beiden offenbaren sich diametrale Lebensweisen und -wege. Hier die analytische Gutachterin mit hochgeschlossenem Pullover, spießiger Kette und kalt prüfenden, schmalen Augen. Dort die konfuse, aufgelöste Depressive, weich, trotzig und kindlich. "Ich bin eigentlich ein lebensfroher Mensch", sagt Jasmin zu Anfang. Sie kann und will sich nicht erklären, was passiert ist. "Erst einmal müssen wir in groben Zügen durch Ihr Leben", antwortet Dr. Feldt kalt. Sie nennt dies ihren "Auftrag vom Gericht", eine Umschreibung für das benötigte Geständnis.

Der Weg in Jasmins verzweifelte und verfinsterte Seele ist beschwerlich. Er reicht über vier Sitzungen. Wird sie der Psychiaterin die Wahrheit sagen? Was treibt sie, wer oder was brachte die vielen Risse in ihr Leben? Ist sie wirklich so arglos? Was verschweigt sie und warum? Sehr reserviert, aber mit detektivischen Spürsinn, gräbt Dr. Feldt in der Vergangenheit der Angeklagten, hakt bei scheinbar belanglosen Details nach. Die Anspannung, mit der sie ihre Haltung bewahrt, ist mit Händen greifbar. Ihre Wachsamkeit färbt sich vollständig auf die Zuschauer ab. Aber in dieser konzentrierten Konstellation wird das Unverständnis, das Jasmin in ihrem jungen Leben immer wieder erfahren musste, schmerzhaft spürbar. Das nüchterne Gespräch zeichnet Schritt für Schritt den langsamen Sturz in die Katastrophe nach.

Die Kameraführung und Ausleuchtung sind ebenso unauffällig wie grandios. Mit ihren gedämpften Farben, den Halbschatten, den sparsam auf die Gesichter platzierten Lichtkegeln erinnern die Bilder an holländische Barockmalerei. Jan Fehse arbeitete viele Jahre als Kameramann. Sein erster Spielfilm "In jeder Sekunde" (2008, mit Sebastian Koch) kreiste ebenfalls um einen Psychiater. In seiner zweiten Regiearbeit legt er frei von Effekten ein Kinokunststück hin. Und ein weiteres Beispiel dafür, dass heutige Filmregisseure häufig eine intensivere Schauspielerarbeit präsentieren als zeitgenössische Theaterregisseure.

Dorothee Tackmann

Jasmin befindet sich in der geschlossenen Psychiatrie. Sie hat ihr Töchterchen getötet, und jetzt hängt alles von der Gutachterin Dr. Feldt ab. Die Sitzungen zwischen den beiden bilden den Inhalt dieses Zwei-Personen-Stücks.

Jasmin liebte ihren Vater über alles, doch der starb. Von ihrem ersten Freund wurde sie schwanger, aber der wollte das Kind nicht. Auch die folgende Beziehung brach auseinander. Das Verhältnis zur Mutter war lange nicht gut. Jasmin hatte ernsthafte Existenzsorgen. Die Freundin, die, während Jasmin arbeitete, auf das Kind aufpassen sollte, war drogensüchtig. Das kleine Mädchen, Franziska, musste mit einem Loch in der Herzscheidewand leben; eine Operation war notwendig. Die Kleine weinte nur noch.

Jasmin erstickte sie mit einem Kissen. Sie wollte sich danach auch selbst umbringen. Das misslang. Jetzt ist sie des Totschlags schuldig, wenn nicht gar des Mordes.

Minutiös muss alles bis ins Kleinste seziert werden. Anfänglich ist Jasmin nicht sehr kooperativ. Das wird zusehends besser. Die Gutachterin kann bis ins Detail die Gründe und Vorgänge eruieren. (Vielleicht wäre etwas weniger Leid doch besser gewesen!)

Ist unter diesen überaus negativen Umständen Jasmin schuldig? Jetzt muss der Richter entscheiden – und jeder, der diesen Film sieht.

Nüchtern und bewegend wird das dargstellt. Keine Ausflüchte, keine Unterlassung, keine Schonung. Nur die alles Schlimme und alles Positive berücksichtigende Wahrheit kann die Frau retten. Radikal sind denn auch Dialoge, Regie und Film.

Ein Wort zu den beiden Darstellerinnen. Sie spielen beide, vor allem Anne Schäfer als Jasmin, derart wahrhaftig, dass man meint, dabei zu sein. Eine erlebenswerte Leistung.

Thomas Engel