Jean Seberg – Against All Enemies

Im Alter von 40 Jahren nahm sich die Schauspielerin und politische Aktivistin Jean Seberg im Jahr 1979 das Leben. In seinem ergreifenden Thriller-Biopic „Jean Seberg – Against All Enemies“ widmet sich Regisseur Benedict Andrews diesem letzten Teil ihres Lebens, in dem ihr politisches Engagement wichtiger war als ihre Schauspielkarriere und sie offen mit dem Freiheitskampf der Black Panthers sympathisierte und damit ins Fadenkreuz des FBI geriet. In der Titelrolle brilliert eine überragende Kristen Stewart.

Webseite: http://jeanseberg-derfilm.de

UK/USA 2019
Regie: Benedict Andrews
Drehbuch: Joe Shrapnel, Anna Waterhouse
Darsteller: Kristen Stewart, Jack O’Connell, Margaret Qualley, Gabriel Sky, Vince Vaughn, Anthony Mackie, Stephen Root
Verleih: Prokino, Vertrieb: Studiocanal
Länge: 102 Min.
Start: 17. September 2020

FILMKRITIK:

Ende der Sechzigerjahre. Jean Seberg (Kristen Stewart) ist noch immer eine Schauspielikone. Seit Neuestem unterstützt die politisch engagierte Frau Mitglieder der Black-Power-Bewegung. Mit dem Aktivisten Hakim Jamal (Anthony Mackie) beginnt sie sogar eine Affäre. Diese Liaison rückt sie ins Visier des FBI. Von ihr unbemerkt wird Jean Sebergs Haus verwanzt und steht fortan permanent unter Beobachtung. Doch die junge Schauspielerin hat empfindliche Antennen für das, was um sie herum passiert. Sie ahnt, dass sie verfolgt wird, doch ausgerechnet in ihrem Ehemann Roman (Yvan Attal) findet sie nicht den Halt, den sie benötigt. Jean Seberg stürzt in eine tiefe Depression, stetig genähert von der Angst, verfolgt zu werden. Die beiden Abhörspezialisten und FBI-Agenten Jack Solomon (Jack O’Connell) und Carl Kowalski (Vince Vaughn) erleben den psychischen Verfall ihres Ziels zwar hautnah mit, doch nur bei einem von beiden schleichen sich langsam Skrupel ein…

Es sind die kleinen Dinge, die einen manchmal darüber nachdenken lassen, wie fest verankert die unterschiedliche Wahrnehmung von Frauen und Männern im Film oder der Popkultur generell ist. Drehen Filmschaffende Biopics über berühmte männliche Persönlichkeiten, so genannte Biopics, dann rückt man bereits im Titel schon häufig das in den Mittelpunkt, wofür diese Person berühmt wurde. „The Social Network“, „A Beautiful Mind“, „The King’s Speech“, oder man nutzt direkt jenen Namen, unter dem diese Person bekannt wurde: „Gandhi“ etwa. Im Falle von frauenzentrischen Filmporträts sieht das dagegen etwas anders aus. In den meisten Fällen belässt man es hier nämlich beim Vornamen als Titel für den Film. Beispiele: „Frida“ über Frida von Julie Taymor, „I, Tonya“ über Tonya Harding,„Violette“ über die Schriftstellerin Violette Leduc oder „Paula“ über die Malerin Paula Modersohn-Becke. Das wohl aktuellste Beispiel: „Judy“ über Judy Garland. Und nutzt man doch einmal einen anderen Titel, weiß man auf den ersten Blick überhaupt nicht, worum es eigentlich geht. Wie sollen die „Hidden Figures“ denn im Nachhinein aus dem Schatten der Männer treten, wenn sie noch nicht einmal einen aussagekräftigen Filmtitel spendiert bekommen?

Benedict Andrews‘ „Jean Seberg“ hätte vielleicht den für den deutschen Markt extra hinzugefügten Untertitel „Against All Enemies“ nicht zwingend gebraucht, aber der Regisseur des Drama-Geheimtipps „Una & Ray“ gibt schon mit dem Filmtitel (im Original heißt der Film sogar einfach nur „Seberg“) vor, dass er die im Mittelpunkt stehende Aktrice als vollwertige Person ansieht. Jean Seberg ist hier nicht einfach nur Jean, ein emotionales Persönchen, sondern eine Frau, die abseits ihrer Schauspielkarriere ein gleichermaßen aufregendes wie bemitleidenswertes Dasein fristete, als sie ins Visier des FBI geriet und dadurch tief in eine Depression gedrängt wurde. Benedict Andrews inszeniert sein Biopic als Mischung aus Thriller und Drama, in dem die Schauspiellegende Jean Seberg kaum eine Rolle spielt. Man sieht sie nur einziges Mal, verkörpert von einer überragenden Kristen Stewart („Die Wolken von Sils Maria“), wenn diese hier in einem Filmset liegt und sich der Blicke eines Kameramanns zu erwehren versucht. Eine Szene, in der die professionelle Bühnen- respektive Leinwandpersona mit der durch die Ereignisse gebeutelten Frau zusammenkommen.

„Jean Seberg“ stellt die titelgebende Hauptfigur als resolute Politikaktivistin vor. Eine der ersten Szenen überhaupt zeigt sie auf einem Flughafen-Rollfeld, wie sie sich gemeinsam mit einer Gruppe Black-Power-Aktivistin ablichten lässt. Dass das FBI fortan die Jagd auf sie eröffnet, nagt zunächst weniger an ihr als erwartet; im Gegenteil. Die fest im Leben stehende Frau kokettiert bisweilen sogar mit ihrer Popularität, um diese gezielt für die Aufmerksamkeit politischer Belange zu nutzen. Doch mit zunehmender Laufzeit legt Andrews den Fokus auf die sich sukzessive immer enger um Sebergs Hals legende Schlinge und darauf, mit welcher Selbstverständlichkeit die Ermittler in ihrem Leben herumschnüffeln. Schon das alleinige Abhören von Sebergs Privatgesprächen, inklusive Einschüchterungsversuche über Telefonate, ist ein enormer Eingriff in die Privatsphäre. Doch so richtig die Kehle zu schnüren sich einem Momente wie diese, in denen die FBI-Mitglieder wie selbstverständlich die Wohnung der Schauspielerin betreten und sich dort bewegen, als wäre nicht Jean Seberg sondern sie selbst hier zuhause.

Insbesondere in der zweiten Hälfte von „Jean Seberg – Against all Enemies“ ist das von den Ermittlern heraufbeschworene (und irgendwann einfach nicht mehr abzuwendende) Leid für die Protagonistin kaum noch zu ertragen. Wenn sie nachts verzweifelt nach den Wanzen in ihrem Appartement sucht, der Zuschauer genau weiß, dass sie mit all ihren Ängsten Recht hat und Sebergs Ehemann wiederum kurz davor ist, seine Gattin für wahnsinnig zu erklären, würde man am liebsten vor Wut in die Leinwand springen. Auch die sich zuspitzende und in ihrer auf wahren Ereignissen basierende Konsequenz, die sogar ein Menschenleben kostete, macht den Fall Seberg endgültig zu einem verfilmten Mahnmal. Vielleicht kommen bei all dieser Tragik und dem Fokus auf Sebergs psychische Verfassung mitsamt ihrem Kampf für Anerkennung einige ebenfalls aufgegriffene Aspekte zu kurz. Die Beziehung zwischen ihr und dem verheirateten Hakim Jamal (Anthony Mackie) und – natürlich – auch ihr Leben als Schauspielerin. Doch Benedict Andrews wollte sichtbar von etwas anderem, etwas Wichtigerem erzählen als von einer grandiosen Mimin. Und so wie er das hier tut, bleiben nicht nur der Film, sondern auch die Person Jean Seberg auf eine eindringliche Weise im Gedächtnis.

„Jean Seberg – Against all Enemies“ ist ein Biopic im Gewand eines Spionagethrillers, das uns zwar nicht die Schauspielerin Jean Seberg, wohl aber ihre komplexe Persönlichkeit, ihre Kraft, ihre Furchtlosigkeit und ihre Emotionalität hervorragend vor Augen führt.

Antje Wessels

Sie war eine der Ikonen der Nouvelle Vague – und wurde vom FBI wie ein Staatsfeind verfolgt: Jean Seberg, amerikanische Schauspielerin, die in Frankreich mehr geschätzt wurde als in ihrer Heimat. So wie auch Kristen Stewart, deren Darstellung „Jean Seberg- Against all Enemies“ sehenswert macht, der inhaltlich dagegen etwas zu altbacken ist.

„Du bist widerlich“ sagt Jean-Paul Belmondo Figur im Moment des Sterbens zu der von Jean Seberg gespielten Amerikanerin in Paris, deren Blick jene Mischung aus Unschuld und Verführung trug, der die damals 22jährige weltberühmt machen sollte. „Außer Atem“ hieß der Film, nicht Sebergs erster, das war ein paar Jahre davor Otto Premingers „Die heilige Johanna“, in der Seberg im wahrsten Sinne des Wortes verbrannt wurde: Unachtsamkeiten während der Dreharbeiten verursachten Brandverletzungen, Narben am Körper, aber auch an der Seele, wie Seberg später betonte. Benedict Andrews stellt diese Szene – Johanna auf dem Scheiterhaufen, als Hexe verbrannt – an den Anfang seines Films „Jean Seberg – Against all Enemies“ und gibt damit den Ton vor.

Die eigentliche Handlung beginnt gut zehn Jahre später, im berühmt berüchtigten Mai 1968. Seberg ist inzwischen eine etablierte Schauspielerin, mit dem französischen Regisseur Romain Gary (Yvan Attal) verheiratet und Mutter. Rollen bekommt sie zwar genug, doch meistens sind das wenig inspirierende Parts und keineswegs die starken Frauen, die Seberg gerne spielen würde.

Während Gary in Paris zurückbleibt, um die Kämpfe der Studenten zu verfolgen – und mit Studentinnen anzubändeln, wie Seberg weiß – fliegt sie zurück nach Hollywood. Im Flugzeug begegnet ihr der Mann, der ihr Leben ändern und für einige Zeit zur Hölle machen wird: Hakim Jamal (Anthony Makim), ein radikaler, schwarzer Aktivist. So wie in Frankreich oder Deutschland die Studenten auf die Barrikaden gehen, protestieren in Amerika auch Teile der schwarzen Bevölkerung gegen den zwar gesetzlich abgeschafften, aber real immer noch existierenden Rassismus. Besonders die radikale Black Panther Party ruft dabei zu militanten Aktionen auf und wird vom FBI überwacht. Der junge Agent Jack Solomon (Jack O’Connell) wird auf Seberg angesetzt und bekommt schnell Skrupel, als das FBI die Verbindung zwischen Seberg und Jamal an die Öffentlichkeit bringt, um einen Skandal zu lancieren.

Es überrascht nicht, dass Kristin Stewart Interesse für die Person Jean Seberg entwickelte, steht sie doch auf ähnliche Weise in der Öffentlichkeit, wird jede ihrer Aussagen, jeder Partner, jede Änderung der Frisur auf ähnlich unerbittliche Weise wahrgenommen und analysiert. Welche Maske Personen der Öffentlichkeit oft aufsetzen, welche Rollen sie spielen müssen, weiß Stewart sicherlich nur zu gut. Die besten Momente des lose biographischen Films sind dann auch solche in denen Stewarts Seberg in einer ungeschnittenen Einstellung von einer Rolle in eine andere schlüpft: Eben noch nachdenklich und vom Druck belastet, tritt sie vor eine Kamera, erstrahlt, fixiert den Blick des Objektivs und wird zur verführerischen Ikone.

So gut Stewart oft ist, so konventionell ist der Rest des Films. Überdeutlich ist Benedict Andrews Versuch, mit seiner Geschichte an der Gegenwart anzudocken, auch über die Missstände der Trump-Ära zu erzählen, in der staatliche Überwachung und Diskriminierung von Minderheiten immer noch Thema sind. Dank seiner schönen Ausstattung voller 60er Jahre Möbel und grellbunter Kleider überzeugt „Jean Seberg – Against all Enemies“ zwar als authentischer Blick auf eine vergangene Ära, als psychologisch überzeugende Darstellung der Paranoia einer verfolgten Frau dagegen weniger.

Michael Meyns