Jeder siebte Mensch

Trotz der rasanten Entwicklung, die in den letzten Jahrzehnten Millionen Chinesen in die boomenden Metropolen des Landes getrieben hat, macht die Landbevölkerung immer noch die Mehrheit der Bevölkerung aus. 800 Millionen Menschen leben in Dörfern, etwas mehr als die Hälfte der chinesischen Bevölkerung oder – global betrachtet – jeder siebte Mensch. Einige dieser Menschen zeigt der Film in ihren Dörfern, fernab der technischen Errungenschaften der Moderne, fernab der üblichen China-Klischees. Den Autorinnen Elke Groen und Ina Ivanceanu gelingt ein zwar kurzer, aber sehr informativer Blick auf China.

Webseite: neuevisionen.de

Österreich/ Luxemburg 2006 (Dokumentation)
Regie und Buch: Elke Groen, Ina Ivanceanu
Kamera: Elke Groen, Alexander Binder
Schnitt: Pia Dumont
Musik: Dietmar Schipek
75 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 31. Juli 2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Das China das bevölkerungsreichste Land der Erde ist, ist bekannt. Doch angesichts der rasanten Entwicklung in den Metropolen wird leicht übersehen, dass China immer noch von der Landbevölkerung dominiert wird. Um diese Menschen ging es den  Regisseurinnen Elke Groen und Ina Ivanceanu in ihrer Dokumentation „Jeder siebte Mensch.“ Fernab der Städte machten sie sich auf die Suche nach exemplarischen Dörfern und wählten schließlich drei aus. 

Streng unterteilt in drei Episoden werden die Besonderheiten der Dörfer Beisuzha, San Yuan und Jiangjiazhai dargestellt. Zu Beginn jedes Abschnittes informiert eine stilisierte Karte über die Lage des Dorfes, werden Statistiken über Anzahl der Bewohner – zwischen 500 und 1700 – Fernseher, Autos und Traktoren geliefert. Augenscheinlichstes Merkmal der drei Dörfer ist das Fehlen praktisch jeder Form der Moderne. Wie aus vergangenen Zeiten wirken die Aufnahmen von staubigen Straßen, baufälligen Häusern, Feldarbeit mit kaum fahrtüchtigen Traktoren. 

Von der Entwicklung der Städte, die binnen kürzester Zeit die Lücke zum Westen geschlossen haben, ist hier kaum etwas zu spüren. Lautsprecher ermöglichen dem Dorfvorsitzenden, über aktuelle Ereignisse zu informieren oder zu Zusammenkünften einzuladen, an vielen Mauern finden sich Parolen oder Lehrsprüche. Wobei hier eine Entwicklung insofern festzustellen ist, als der Bevölkerung klar gemacht wird, dass Mädchen nicht weniger wert sind als Jungen. Abgesehen von solchen Momenten wäre es kaum möglich präzise zu sagen ob die Aufnahmen für diesen Film in den letzten Jahren oder schon in den 80er oder gar 60er Jahren gemacht wurden. 

Und so fühlt man sich des Öfteren an „Chung Kuo-Cina“ erinnert, Michelangelo Antonionis berühmte Dokumentation von 1972. Beide Filmteams hatten die Möglichkeit, ohne Restriktionen zu filmen, Interviews zu führen und ihr ganz persönliches Chinabild zu zeigen. Der größte Unterschied ist auch der einzige wirkliche Schwachpunkt von „Jeder siebte Mensch“: Die Länge. Kaum mehr als 70 Minuten dauert der Film, den drei Dörfern werden jeweils nur 20-25 Minuten gegönnt. Das reicht zwar für einen ersten Eindruck, für Momentaufnahmen, allerdings nicht für mehr. Gerade angesichts der Qualität des Materials, das Elke Groen und Ina Ivanceanu eingefangen haben, hätte man sich manches Mal eine ausführlichere Darstellung der Besonderheiten jedes Dorfes gewünscht. Doch auch so ist dies eine bemerkenswerte Dokumentation, die sich fernab der üblichen China-Klischees bewegt.

 

Michael Meyns