Jeder stirbt für sich allein

Historische Stoffe und Literaturadaptionen sind der Dauerbrenner im deutschen Kino. Das Drama „Jeder stirbt für sich allein“ nach dem 1946 veröffentlichten Kriegsroman von Hans Fallada vereint nun beide Pole. Die inzwischen fünfte Verfilmung des Romans erzählt die Geschichte des Berliner Ehepaars Otto und Elise Hampel (in Buch und Film: Otto und Anna Quangel), die in der Zeit der Nazidiktatur Postkarten mit regimekritischen Botschaften unters Volk brachten. Der franko-schweizerische Regisseur und Schauspieler Vincent Pérez („In deiner Haut“) inszeniert die Drehbuchadaption von Achim und Bettine von Borries („Good Bye Lenin!“) als gediegenes Kriminaldrama vor historischem Hintergrund, das im diesjährigen Berlinale-Wettbewerb mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurde.

Webseite: www.jederstirbtfuersichallein.x-verleih.de

OT: Alone in Berlin
Großbritannien, Frankreich, Deutschland 2016
Regie: Vincent Perez
Drehbuch: Achim von Borries & Bettine von Borries; Roman von Hans Fallada
Darsteller: Daniel Brühl, Emma Thompson, Brendan Gleeson, Mikael Persbrandt, Katharina Schüttler, Louis Hofmann, Lars Rudolph, Jacob Matschenz
Länge: 103 Min.
Verleih: X Verleih
Kinostart: 17. November 2016

FILMKRITIK:

Berlin 1940: Die Bewohner des Mietshauses in der Jablonskistraße 55 im Prenzlauer Berg lavieren sich durch den Kriegsalltag. Als der Werksmeister Otto Quangel (Brendan Gleeson) und seine Ehefrau Anna (Emma Thompson) erfahren, dass ihr einziger Sohn Hans (Louis Hofmann) im Frankreichfeldzug gefallen ist, regt sich Widerstand in ihren Köpfen. Otto beginnt, anonyme Postkarten mit aufrührerischen Botschaften zu versehen und in der Hauptstadt zu verteilen, wobei ihn seine Frau bald unterstützt. Mit seiner krakelig verstellten Handschrift äußert der Handwerker seinen Unmut über das Naziregime im Allgemeinen und die fehlende Pressefreiheit im Besonderen. Die meisten Finder der aufrührerischen Botschaften geben die Postkarten schleunigst bei der nächsten Polizeidienststelle ab. Und so dauert es nicht lang, bis der von der Gestapo drangsalierte Kommissar Escherich (Daniel Brühl) die Ermittlungen aufnimmt…
 
Das Mehrparteienhaus in der Jablonskistraße beherbergt einen recht holzschnittartigen Querschnitt durch die deutsche Gesellschaft im Dritten Reich. Ein ehemaliger Richter versteckt eine untergetauchte Jüdin, die Briefträgerin sorgt sich um die Bewohner und ein Kleinkrimineller ist dem Alkohol verfallen. Auch wenn die Nebenfiguren von Charakterdarstellern wie Lars Rudolph („Er ist wieder da“), Jacob Matschenz („Die Welle“) oder Katharina Schüttler („Elser“) gespielt werden, bleiben sie eher Typen aus einem Theaterstück als nuancenreiche Filmfiguren. Bis auf einen stürmischen, eindeutig beeinflussten Hitlerjungen und einen überzeichneten SS-Standartenführer erscheinen alle Figuren als verführte, im Grunde unschuldige Bürger. Auch der von Daniel Brühl („Rush“) gespielte Escherich will den Fall eher aus einem kriminologischen Antrieb heraus lösen als aus ideologischem Fanatismus.
 
Warum mit Brendan Gleeson („Am Sonntag bist du tot“) und Emma Thompson („Sinn und Sinnlichkeit“) ausgerechnet ein Ire und eine Engländerin für die Hauptrollen besetzt wurden, bleibt wohl ein Geheimnis der Filmemacher. Im Reigen der sonst rein deutschsprachigen Besetzung wirken sie zunächst wie Fremdkörper und es ist davon auszugehen, dass dem unter dem Titel „Alone in Berlin“ auf englisch gedrehten Film dadurch ein Gutteil an Lokalkolorit verloren geht. Höchst befremdlich (und unfreiwillig komisch) wirkt auch, dass die Darsteller im englischen Originalton einen deutschen Akzent imitieren. Dennoch akzeptiert man die Charaktermimen Gleeson und Thompson nach ein paar Filmminuten als deutsches Ehepaar Quangel. Vor allem Brendan Gleeson, auf dem hier der Fokus liegt, drückt das Innere seiner stoisch agierenden Figur ohnehin größtenteils nonverbal aus.
 
Produktionstechnisch bewegt sich „Jeder stirbt für sich allein“ auf einem soliden Niveau. Gedreht wurde unter anderem in Berlin, Köln und Görlitz, wo Straßenzüge mit Propagandaplakaten und Statisten in zeitgenössischer Garderobe den historischen Rahmen auf generische Weise nachstellen. Anders als in NS-Widerstandsdramen wie „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ wirkt hier alles etwas zu ordentlich und klinisch, was zugleich auch für die schematische Figurenzeichnung gilt. Unterm Strich bleibt vor allem das ehrenwerte Anliegen, denn immerhin ruft das Geschichtsdrama die im Vergleich zu den Geschwistern Scholl, Elser oder Stauffenberg eher unbekannten Widerstandskämpfer Otto und Elise Hampel in Erinnerung.
 
Christian Horn