Jenseits der Mauern

In seinem Debütfilm „Jenseits der Mauern“ erzählt der belgische Regisseur David Lambert von einer schwulen Liebe, die durch die Mauern eines Gefängnisses in Frage gestellt wird. Formal streng, schauspielerisch emotional, gelingt Lambert ein intimes Drama, das weniger ein Film über eine homosexuelle Liebe ist, sondern einfach ein Film über die Liebe.

Webseite: www.salzgeber.de

Belgien/ Kanada/ Frankreich 2012
Regie, Buch: David Lambert
Darsteller: Guillaume Gouix, Matila Malliarakis, David Salles, Mélissa Désormeaux-Poulin
Länge: 98 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 28. März 2013

PRESSESTIMMEN:

"Der belgische Regisseur David Lambert erzählt in seinem Erstlingsfilm von jenem frühen Stadium der Liebe, das alles verspricht und nichts beweisen muss."
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

FILMKRITIK:

Es beginnt mit scheuen Blicken in einer Kneipe: Während Ilir (Guillaume Gouix) serviert, sitzt Paulo (Matila Malliarakis) mit Freunden am Tisch und trinkt – viel zu viel. Später bringt Ilir den sturzbetrunkenen zu sich nach Hause, wo sie am nächsten Morgen am Tisch sitzen und Kaffee trinken. Eine SMS zwingt Paulo zum gehen, seine Freundin macht sich Sorgen. Doch auch wenn Paulo mit einer Frau zusammenlebt, liebt er vor allem Männer. Schnell landet er mit Ilir im Bett und drängt sich ihm bald komplett auf. Notgedrungen zwar (seine Freundin hatte ihn vor die Tür gesetzt), aber doch im bewussten Ausnutzen seiner weichen Augen, denen Ilir nichts abschlagen kann.

Die nun folgenden Minuten, sind die entspanntesten des Films, Momente, in denen Ilir und Paulo ganz bei sich sind, und nicht zuletzt durch die beiden exzellenten Darsteller eine tiefe, innige Liebe beschworen wird. Die jedoch nur von kurzer Dauer ist: Nach einem zärtlichen Abschied am Bahnhof folgt eine lange Schwarzblende, die voller Vorahnung das Ende der Unschuld markiert. Als Paulo das nächste Mal von Ilir hört, sitzt dieser im Gefängnis, wegen Drogenschmuggel und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Voller Verzweiflung nimmt Paulo die Aussicht zur Kenntnis, mindestens ein Jahr von Ilir getrennt zu sein. Ein paar Besuche macht er, doch dann verbietet Ilir weitere Besuche: Zu schmerzhaft sind die kurzen Treffen, die angespannte Situation.

Über weite Strecken seines sehenswerten Debütfilms gelingt es David Lambert eine schwule Liebesgeschichte zu erzählen, die völlig frei von Klischees ist. Ein im besten Sinne ganz moderner Liebesfilm ist er damit, bei dem es keine Rolle spielt ob es sich um ein hetero- oder homosexuelles Paar handelt. Erst als Ilir wegen Drogen im Gefängnis sitzt, verliert Lambert inhaltlich etwas die Originalität: Allzu stereotyp wirken da die Beziehungsmuster, die Abhängigkeitsstrukturen, die gerade in Person von Paulo angedeutet werden, die leichten SM-Spiele, die er mit einem neuen Liebhaber durchführt und der Versuch, Ilir Drogen ins Gefängnis zu schmuggeln.

Das „Jenseits der Mauern“ im letzten Abschnitt, nach der Entlassung Ilirs noch einmal zu ganz großer Qualität findet liegt nicht zuletzt an den beiden Hauptdarstellern und ihrem natürlichen Zusammenspiel. Trotz der formalen Strenge der Kameraarbeit, die teils in langen Einstellungen, teils mit extremen Nahaufnahmen arbeitet, gelingt es Guillaume Gouix und Matila Malliarakis eine außerordentliche Natürlichkeit zu evozieren. Was auch daran liegen mag, dass David Lambert seinen Film lose aus eigenen Erfahrungen geformt hat. Dennoch erlaubte er den Darstellern die Möglichkeit zur Improvisation, die sich mit der authentischen Geschichte und der souveränen Bildsprache zu einer gleichermaßen schönen, wie tragischen Liebesgeschichte formt – über weite Strecken völlig frei von schwulen oder sonstigen Klischees.

Michael Meyns