Jetzt.Nicht.

Sozialer Abstieg – in unserer Leistungsgesellschaft gibt es für viele Menschen nichts schlimmeres, wird oft der Wert des ganzen Lebens an beruflicher Erfüllung festgemacht. Wie ein erfolgsverwöhnter Mann mit der Situation umgeht, plötzlich ohne Job und damit ohne Lebensinhalt dazustehen, erzählt Julia Keller in ihrem dichten, souveränen Debütfilm „Jetzt.Nicht.“

Webseite: www.wfilm.de/jetzt-nicht

Deutschland 2017
Regie: Julia Keller
Buch: Julia Keller & Janis Mazuch
Darsteller: Godehard Giese, Loretta Pflaum, Ronald Kukulies, Tinka Fürst, Natalia Romanova, Patrick Simons
Länge: 88 Minuten
Verleih: wfilm
Kinostart: 9. November 2017

FILMKRITIK:

Walter Stein (Godehard Giese) lebt nur für seinen Job. In der Marketingabteilung eines Kosmetikherstellers ist der Mitvierziger aktiv und eigentlich auch erfolgreich. Umso überraschender kommt es, als ihm gekündigt wird, ohne bestimmten Grund, aber auch ohne Erklärung. Walter sieht sich vor dem nichts, auch wenn seine Frau Nicola (Loretta Pflaum) ihm einzureden versucht, dass er diesen Moment der Unbestimmtheit als Chance begreifen soll.

Doch ohne Arbeit fühlt sich Walter leer, beginnt in nichtige Momente Anzeichen für abnehmenden Respekt seitens Nicola hineinzulesen, kann sich aber auch nicht dazu durchringen, den harten Weg zu gehen und sich bei potentiellen Arbeitnehmern zu bewerben. Da stellt das Schicksal ihm den Geschäftsmann Anton Schneider (Ronald Kukulies) in den Weg, der ihn nach einer Autopanne mitnimmt. So verwandt sind sich die beiden Männer, so identisch scheinen ihre Lebenswege zu sein, dass Walter nach dem plötzlichen Herztod Antons eine folgenschwere Entscheidung trifft: Er schlüpft in die Rolle Antons, der gerade auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch war, und hat so scheinbar die Gelegenheit, ein ganz neues Leben anzufangen.

So fantastisch sich das Konstrukt anhört, das im Zentrum von „Jetzt.Nicht.“ steht, so beiläufig  inszeniert Julia Keller den Moment, in dem Walter in eine andere Rolle schlüpft, eine neue Identität annimmt. Für eine Weile erlaubt Walter dieser Rollenwechsel, sein altes Leben hinter sich zu lassen und damit auch sein Scheitern, das zumindest in seinen Augen identisch mit einem grundsätzlichen Versagen ist. Ein Versagen in einer kapitalistischen Gesellschaft zu funktionieren, Erfolg zu haben, sich weiterhin die äußerlichen Merkmale des Erfolgs leisten zu können.

Erst der Rollenwechsel erlaubt es Walter nun zu realisieren, dass er all das gar nicht will, dass er ein falsches Leben spielt, das er stets ein wenig neben sich selbst stand. Leicht entrückt wirkt Godehard Giese auch in dieser Rolle, in der er erneut einen Typ Mann spielt, der an sich und dem Leben, das er lebt zweifelt. Immer wieder hat Giese in den letzten Jahren solche Typen gespielt, in „Im Sommer wohnt er unten“, „Hedda“ oder zuletzt in „Liebmann“, allesamt Variation des auf den ersten Blick erfolgreichen, der aus dem ein oder anderen Grund aus der Bahn geworfen wird und an den Werten zweifelt, die bislang sein Antrieb waren.

In stilsicheren Scope-Bildern begleitet Julia Keller diesen Mann, schafft es dabei, eine Balance zwischen einem fast trockenen Drama und bisweilen ins surreale abdriftenden Momenten zu halten, die dem fantastischen Konstrukt gerecht werden. Ein überzeugender Debütfilm, der auf intelligente Weise vom Sinnverlust in der modernen Leistungsgesellschaft erzählt.
 
Michael Meyns