Jibril

Ab welchem Zeitpunkt kennt man einander wirklich und wie kann man echte Liebe von harmlosen Schwärmereien unterscheiden? Nur zwei der vielen Fragen rund um die Themen Beziehung, Sehnsüchte und Zweisamkeit, die Langfilm-Debütantin Henrika Kull in ihrem dokumentarisch gefärbten Werk „Jibril“ behandelt. Mit großer Natürlichkeit und in ungeschönten Bildern lässt sie den Zuschauer an der Entstehung einer alles andere als konventionellen Liebe teilhaben. Denn diese spielt sich ausschließlich innerhalb meterdicker Gefängnismauern ab.

Webseite: www.missingfilms.de

Deutschland 2018
Regie & Drehbuch: Henrika Kull
Darsteller: Susana Abdulmajid, Malik Adan, Jonas Nordin Daouiji
Länge: 83 Minuten
Kinostart: 09. Mai 2019
Verleih: Missing Films

FILMKRITIK:

Maryam (Susana Abdulmajid), eine Irakerin in Berlin, lebt als geschiedene Mutter dreier Mädchen ein weitestgehend erfülltes Leben. Sie ist mit der Erziehung voll ausgelastet, hat ein gefestigtes soziales Umfeld, ist emanzipiert und unabhängig. Nur nach einer neuen Liebe sehnt sie sich. Eines Tages scheint es das Glück gut mit ihr zu meinen, als sie nach Jahren Jibril (Malik Adan) wiedersieht, den sie einst auf einer Party kennengerlernt hat. Das Problem: Jibril sitzt hinter Gittern. Trotz der schwierigen Vorzeichen entwickelt sich zwischen Maryam und Jibril eine zarte Romanze. Wie realistisch aber ist eine Beziehung, oder gar eine Ehe, wenn ein Partner eine jahrelange Strafe absitzen muss?

Nach vier Kurzfilmen legt Henrika Kull mit „Jibril“ ihr Spielfilmdebüt vor. Die Schwarzwälderin studierte Soziologie, Produktion und Regie. „Jibril“ erlebte seine Weltpremiere bei der Berlinale 2018 und wurde im Anschluss auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt. Darunter dem „Cinema Jove“ in Valencia, dem „Cork Filmfest“ in Irland und dem deutschen Filmfestival in Moskau.

Während ihres Studiums realisierte Kull einige dokumentarische und halb-dokumentarische Arbeiten. Meist ging es dabei um Menschen, die sich nach Erfüllung und Glück sehnen. Suchende und Getriebene, einerseits stark und selbstsicher, andererseits feinfühlig und verletzlich. Genauso lässt sich auch Maryam charakterisieren. Wie Kull in den Lebenskosmos der jungen Frau eintaucht und diesen für den Zuschauer erlebbar macht, erinnert in Stil und Ausführung teils mehr an eine Doku als an einen klassischen (fiktionalen) Spielfilm.

Mit ihrer wackeligen Handkamera rückt die Regisseurin ganz dicht an die Protagonistin heran. Und es dominieren nahe Einstellungen: Mal in Groß- und mal in Detailaufnahmen nimmt Kull die (ausdrucksstarken) Gesichter ihrer handelnden Figuren ins Visier. So werden die Emotionen der Personen für den Kinobesucher unmittelbar deutlich. Es entsteht in der Folge ein Gefühl von Unmittelbarkeit und Intimität, das zu den großen Stärken des Films zählt. Kull intensiviert diesen Eindruck in den Gefängnisszenen noch. Maryam und Jibril verbringen immer mehr Zeit zusammen und die Gefühle füreinander werden immer stärker.

Schade ist, dass Kull bei all der Konzentration auf Maryams Lebenswelt und die Entwicklung einer neuen Liebe, die Hintergründe und Vorgeschichte etwas außer Acht lässt. So erfahren wir zum Beispiel wenig bis nichts über Jibrils „Vergehen“, über Maryams frühere Beziehung (es wird lediglich öfter angedeutet, dass ihr Ex ein „Versager“ gewesen sei) oder die genauen Gründe dafür, wieso sie Jibril – immerhin ein völlig Fremder hinter Gittern – überhaupt so oft besucht. Genügt dafür wirklich ein flüchtiges Aufeinandertreffen auf einer Party, das bereits viele Jahre zurückliegt? Doch selbst wenn vieles nur Vage und Angedeutet bleibt: Die feine, geduldige Ausarbeitung und Darstellung der Beziehung zwischen Maryam und Jibril ist das Beste am Film.

Zu Beginn unterhalten sie sich lediglich, doch ein gewisses Prickeln liegt stets in der Luft. Ersten, vorsichtigen Berührungen folgt schließlich ein Kuss. Kull nimmt sich für diese, leidenschaftlich und jederzeit glaubhaft gespielten Szenen viel Zeit. Die Gefühle füreinander sollen sich entwickeln dürfen – und der Kinobesucher während dieser unterschiedlichen Stadien der Liebe hautnah dabei sein. Höhepunkt dieser lebensnahen, einfühlsamen Momente ist eine rund zehnminütige Sequenz in Jibrils Zelle im letzten Drittel des Films, in der die ganzen, angestauten Emotionen und Bedürfnisse der Figuren ungefiltert zum Vorschein kommen.

Björn Schneider