Jonathan

Zwei Brüder, gefangen im selben Körper, über den sie jeweils zwölf Stunden am Tag verfügen können: US-Regisseur Bill Oliver überrascht in seinem Spielfilmdebüt mit einer irritierend-reizvollen Prämisse und legt dem Publikum ein melancholisches Drama mit leichtem Science-Fiction-Einschlag vor. Wer sich auf das bedächtige Erzähltempo einlassen kann, wird mit einigen spannenden Überlegungen zur Identität, zum Wunsch nach Selbstbestimmung und zur Sehnsucht nach Nähe belohnt.

Webseite: jonathan.kinostar.com

USA 2018
Regisseur: Bill Oliver
Drehbuch: Bill Oliver, Gregory Davis, Peter Nickowitz
Darsteller: Ansel Elgort, Suki Waterhouse, Patricia Clarkson, Matt Bomer, Douglas Hodge, Shunori Ramanathan
Länge: 100 Minuten
Verleih: Kinostar Filmverleih
Kinostart: 23.05.2019

FILMKRITIK:

Bei den Geschwistern Jonathan (Ansel Elgort) und John (ebenfalls Elgort) verläuft jeder Tag in geregelten Bahnen. Von 7 Uhr morgens bis 19 Uhr abends gehört der Körper, den sich die beiden mithilfe eines hinter dem Ohr sitzenden Time-Splitters teilen, dem schüchternen, stets kontrollierten Jonathan, der in einem Architekturbüro arbeitet. Ab 19 Uhr übernimmt schließlich der impulsivere, abenteuerlustigere, bis dahin schlafende John die Kontrolle, während nun sein Bruder für zwölf Stunden ruhen darf. Um ihre geheime Doppelexistenz aufrechterhalten zu können, fassen sie nach ihrer jeweiligen „Schicht“ das Geschehene in einer Videobotschaft zusammen und bringen den anderen so auf den neuesten Stand.
 
Die vereinbarten Routinen geben ihrem ungewöhnlichen Dasein Sicherheit, ersticken persönliche Entwicklungen allerdings im Keim. Obwohl Jonathan in seinem Beruf äußerst talentiert ist, sieht er sich nicht im Stande, eine Vollzeitstelle anzunehmen, und behauptet vor seinen Kollegen, dass er zu Hause einen kranken Verwandten pflegen müsse. John wiederum begibt sich gerne unter Menschen, ist neugierig und aufgeschlossen. Emotionale Bindungen sind aber tabu, da sie das sorgsam ausbalancierte Leben der Brüder aus dem Gleichgewicht bringen könnten. Eines Tages lernt er jedoch die sympathische Kellnerin Elena (Suki Waterhouse) kennen und verliebt sich in sie. Als Jonathan, der einen Privatdetektiv (Matt Bomer) auf seinen Bruder angesetzt hat, von der Beziehung erfährt, kommt es zwischen John und ihm zu immer größeren Spannungen – die auch die eingeweihte Ärztin Dr. Nariman (Patricia Clarkson) zunehmend beunruhigen.
 
Ohne Vorwissen dauert es eine ganze Weile, bis man sich in Bill Olivers Langfilmdebüt zurechtgefunden und die Ausgangslage in Gänze verstanden hat. „Jonathan“ führt dem Publikum den durchstrukturierten Alltag anschaulich vor Augen und beschränkt sich fast ausschließlich auf die Sicht des ordnungsliebenden, distanzierten Titelhelden. John lernen wir lediglich durch die regelmäßig eingestreuten Videos kennen, die dank einer umsichtigen Montage des Öfteren den Eindruck vermitteln, die Geschwister würden direkt miteinander kommunizieren und aufeinander reagieren. Jonathan und John haben eine besondere, innige, über das normale Bruderverhältnis weit hinausgehende Verbindung, sind jedoch gefangen in einer Situation, die eine Selbstverwirklichung unmöglich macht. Ein Zustand, der – wenig verwunderlich – Frustrationen und Zweifel produziert.
 
Oliver und seine Koautoren Gregory Davis und Peter Nickowitz hätten ihre faszinierende wie unbehagliche Grundidee in eine konventionelle, reißerische Thriller-Richtung lenken können. Stattdessen präsentieren sie dem Zuschauer jedoch ein leises, existenzialistisches Drama in aufgeräumten Bildern, dass seine Figuren, ihre Ängste und die philosophischen Anklänge ernst nimmt. Der herausfordernd langsame Erzählrhythmus dürfte sicherlich nicht jedem schmecken. Und manche Aspekte – etwa Johns Depressionen oder die wachsende Zuneigung zwischen Jonathan und Elena – hätten noch etwas stärker ausgearbeitet werden können. Sehenswert ist die bedächtige Science-Fiction-Mär aber allemal, da sie spannende Fragen zum Menschsein umkreist und trotz eines kühlen, sterilen, von Weißtönen bestimmten, Einsamkeit und Monotonie betonenden Looks einige ehrlich ergreifende Momente in den Kinosaal transportiert.
 
Christopher Diekhaus