Journey to Jah

Zu den Inspirationsquellen des Reggaes führt diese musikalisch-spirituelle Reise mit dem deutschen Reggae-Star Gentleman, der in seiner Musik den Ausdruck für Rebellion, Freiheit und Hoffnung findet und weitergibt. Über einen Zeitraum von mehreren Jahren begleitet der Film Gentleman und seinen Mitstreiter Alborosie ins Studio, zu Interviews und Auftritten. Dabei geht es um das Leben auf Jamaika und um den Sound, der sich jenseits politischer Ideologien als musikalische Richtung und Lebenseinstellung von hier aus über die ganze Welt verbreitet.

Webseite: www.journeytojah-film.com/#de

Deutschland/Schweiz 2013 – Dokumentarfilm
Sprache: Deutsch und Englisch mit deutschen bzw. englischen Untertiteln
Regie: Noël Dernesch, Moritz Springer
Länge: 92 Minuten
Verleih: Zorro
Kinostart: 20. März 2014

FILMKRITIK:

Tilmann Otto kam als 16-Jähriger aus dem kalten Deutschland nach Jamaika und verliebte sich unsterblich in die Insel, ihre Bewohner und ihren Sound. Unter dem Künstlernamen Gentleman wurde er Reggae-Musiker, und nicht nur das: Er gilt als einer der wenigen Europäer, die sich auf Jamaika durchsetzen konnten, vielleicht sogar als würdiger Nachfolger von Bob Marley, dessen Sohn Damian ebenfalls im Film zu Wort kommt. Mit Ehrgeiz und Beharrlichkeit perfektionierte Gentleman seinen Sound, schulte seine soulige, rauchige Stimme. Gentleman beherrscht Patois, den kreolisch-englischen Dialekt der Jamaikaner, ebenso gut wie sie. Seine Leidenschaft für den Reggae und für Jamaika wird gespeist von einem Lebensgefühl, das er nur hier findet und das er in Deutschland schmerzlich vermisst: ein extremes Miteinander, große Offenheit und viel Mitgefühl – und das trotz der Armut, in der viele Jamaikaner leben müssen. Während im reichen Deutschland Angstdenken und Orientierungslosigkeit regieren, zeigen sich die Jamaikaner kämpferisch, lebensfroh und optimistisch.
 
In Besuchen bei Musikerkollegen, im Studio oder im Radiosender, vor und bei Auftritten entfaltet sich das Bild eines talentierten Künstlers, der im Reggae für sich selbst die Lösung seiner Probleme gefunden hat und seine Botschaft an andere weitergibt. Dabei zeigt er sich nicht etwa als koketter Grenzgänger, der gern mal zwischen den Kulturen balanciert, sondern als ernsthaft philosophischer Vertreter eines universellen Miteinanders auf der Grundlage göttlichen Willens. „Journey to Jah“ ist nicht nur der Filmtitel und Name eines Albums von Gentleman, sondern auch sein Bekenntnis; „Jah“ ist der Name Gottes auf Patois. Doch es geht hier nicht um klerikale oder konfessionelle Befindlichkeiten, sondern eher um eine universelle Form des Glaubens. Ein paar Interpretationen werden hierzu und zum Leben auf Jamaika präsentiert, in Gesprächen mit einer ziemlich taffen Kulturwissenschaftlerin und mit Weggefährten von Gentleman und Alborosie.

Doch mehr als diese ehrenwerten Interviews bewirkt die wunderbar rotzige Sängerin Terry Lynn als Interpretin eines modernen, sehr bewussten Reggaes. Durch ihre Songs ballern MP-Salven, sie bellt die Lyrics heraus wie eine wütende 14-Jährige. Das ist mehr Dancehall als Reggae, ein bisschen weniger gelassenes, karibisches Rum-Feeling, aber dafür die pure sprühende, zornige Leidenschaft, die sie vielleicht ihrer Vergangenheit im berüchtigten Waterhouse-Viertel von Kingston verdankt. Hier brennt jedes Feuer heißer und höher, die Gefühle sind größer, die guten wie die schlechten, und trotzig stellen sich die Jamaikaner mit ihrer Musik gegen die Gewalt der Straßengangs. „Gib niemals auf!“, heißt die Devise. Und damit steht Terry Lynn vermutlich genau für das Lebensgefühl, das Gentleman Tilmann Otto auf Jamaika gesucht und gefunden hat.
 
Obwohl sich üppige Sonnenuntergänge wie besonders schöne Gedankenstriche durch den Film ziehen, wird Jamaika also keinesfalls als exotisches Idyll gezeigt. Im Gegenteil: Licht und Schatten liegen dicht beieinander, oder wie einer von Gentlemans Freunden sagt: „Gott lebt hier, aber Satan auch.“ Und in diesem kleinen Satz liegt nicht nur Wahrheit, sondern wohl auch das Geheimnis, das den Reggae zum universell einsetzbaren Mittel gegen Hoffnungslosigkeit, Gewalt und Angst macht.
 
Gaby Sikorski