Jud Süß

Veit Harlans "Jud Süß" aus dem Jahr 1940 gilt als Inbegriff des antisemitischen NS-Propaganda­films. Lose basierend auf dem Tatsachenroman "Ich war Jud Süß" von Friedrich Knilli, erzählt Oskar Roehler von der Entstehung und Wirkung des Nazi-Propaganda­films als Melodram, provozierende Satire und schillernde Variation über Künstler als Marionetten. Ihm gelingt es vor allem, die bedrohliche Atmosphäre der Nazi-Welt spürbar zu machen, die bedingungslos Menschen ausnutzte, überwachte, drangsalierte, spürbar zu machen, wie Schauspieler ins Rampenlicht gestellt oder auch verhaftet werden konnten – und wie schwer es war, in solch einem totalitären System ein aufrechter Mensch zu bleiben. Auf der Berlinale in diesem Jahr, wo der Film erstmals lief, wurde er heftig diskutiert.

Webseite: www.jud-suess-film.de

Österreich/Deutschland 2010
Regie: Oskar Roehler
Darsteller: Tobias Moretti, Martina Gedeck, Moritz Bleibtreu, Justus von Dohnanyi, Armin Rohde, Ralf Bauer, Robert Stadlober, Anna Unterberger, Heribert Sasse, Paula Kalenberg, Gudrun Landgrebe, Rolf Zacher
Laufzeit: 114 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 23.09.2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Berlin 1939. Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu) will das Kino als Medium missbrauchen, um das Judentum zu diskreditieren und vor dem Zuschauer die systematische Verfolgung der Juden zu legitimieren. Geplant ist ein NS-Propagandafilm mit dem Titel „Jud Süß“. Ein Film, der mit antisemitischen Klischees und rassistischen Stereotypen arbeiten soll, um den Juden als geldgierigen und skrupellosen Volksfeind zu instrumentalisieren. Das Drehbuch ist geschrieben und der Regisseur, Veit Harlan (Justus von Dohnanyi), verpflichtet. Nun fehlt lediglich noch die wichtigste Figur in diesem diabolischen Spiel, der Hauptdarsteller.

Der nur mittelmäßig erfolgreiche Theaterschauspieler Ferdinand Marian (Tobias Moretti) kommt da wie gerufen. Zwar weigert der sich zunächst, sich vor den Nazi-Karren spannen zu lassen, doch muss auch er dem Drängen eines Goebbels bald nachgeben. Dabei nutzt er die Last der Rolle als Chance, der Figur des Juden Joseph Süß Oppenheimer möglichst sympathische Züge zu verleihen und so gegen die gewollte Karikatur anzuspielen. Ein Vorhaben, das letztlich misslingt. Und so vergeht er nicht nur Verrat an seinen jüdischen Mitmenschen sondern verliert überdies den Respekt und die Nähe seiner Frau Anna (Martina Gedeck). Ein Zustand, der durch den großen Propagandaerfolg des Films zeitweilig erträglich bleibt.

Es ist wahrlich nicht neu, dass die Realität für die filmische Aufbereitung mal mehr und mal weniger umgeschrieben wird. Das ist vor dem Hintergrund der künstlerischen Freiheit grundsätzlich auch legitim und nachvollziehbar. Man erinnere sich nur an das jüngste Werk von Quentin Tarantino („Inglourious Basterds“), in dem das Ende Hitlers in einem effektvollen Showdown beschrieben wurde. Im Falle von „Jud Süss“ jedoch, kommen historische Ungenauigkeiten zutage, die in einer seriösen Biografie nichts verloren haben. So wird die Ehefrau des Schauspielers Marian plötzlich zur Halbjüdin und ihr damit in der Erzählung verbundene Tod ganz einfach vorverlegt. Eine Abweichung, die jedoch nicht zwingend verärgern muss.

Nachhaltig verärgern kann hingegen die Inszenierung als solche, die sich offenbar nicht so recht entscheiden kann, ob sie als ernstzunehmendes Kriegsdrama oder als groteske Komödie wahrgenommen werden will. Zu den wenigen Lichtblicken des Films zählen all jene Montagen, die das 1940 inszenierte Original „Jud Süß“ passagenweise nachstellen. Hier fällt vor allem ein Armin Rohde in der Rolle des Heinrich George, welcher seinerzeit den Herzog von Württemberg mimte, positiv auf. Leider einer der wenigen Darsteller, die man für ihre Arbeit explizit loben möchte. Wenngleich ein Tobias Moretti als Ferdinand Marian eine durchaus solide Leistung abliefert und in den besten Momenten sogar zu glänzen vermag. Als absolute Fehlbesetzung entpuppt sich dagegen ein Moritz Bleibtreu, der hier ausnahmsweise mal kein glückliches Händchen bei der Rollenauswahl beweist. Seine Interpretation eines Joseph Goebbels ist in keiner Sekunde glaubhaft. Sie leidet spürbar unter der Unentschiedenheit des gesamten Films. Dieser wurde dann auch auf der Filmpremiere der diesjährigen Berlinale ausgebuht. Das gehört zwar nicht gerade zum guten Ton, ist allerdings ein Stück weit nachvollziehbar.

Gary Rohweder

Der Originalfilm „Jud Süss“ von Veit Harlan, der Öffentlichkeit noch immer vorenthalten, war einer der schlimmsten nazistischen Hetzfilme. Es geht um den jüdischen Bankier Joseph Oppenheimer, der im 18. Jahrhundert den damaligen württembergischen Herzog Karl Alexander durch Kredite und die Beschaffung von lukrativen Geldquellen praktisch in seine Gewalt brachte und übermächtig wurde. Nach dem Tode des Herzogs ist er von seinen Feinden angeklagt, verurteilt und gehenkt worden.

Die Nazis, allen voran Goebbels, wollten die Geschichte zu ihren Gunsten filmisch ausschlachten, was ihnen auch gelang. Eine Reihe damals bekannter Schauspieler lehnte es aber ab, die Rolle des Jud Süss zu übernehmen, Emil Jannings, Gustaf Gründgens oder Paul Dahlke beispielsweise. Da verfiel Goebbels auf den Österreicher Ferdinand Marian. Auch der wollte sich weigern, wurde aber vom „Reichspropagandaminister“ mit subtilen Mitteln unter Druck gesetzt und musste schließlich annehmen.

Um sein Leben geht es in diesem Roehler-Film. Heinrich George und Werner Krauß waren übrigens mit von der Partie.

Marians Frau Anna war gegen die Annahme der Rolle, ein Umstand, der später die beidseitig tragisch endende Trennung beeinflusste. Anna hatte in erster Ehe einen jüdischen Mann.

Anfang der 40er Jahre. Marian und Anna halten in ihrem Anwesen den Juden Wilhelm Adolf Deutscher versteckt. Die Sache wird jedoch von dem Nazi-Dienstmädchen Britta aufgedeckt. Deutscher wird gefangen genommen, überlebt aber den Holocaust.

Marian wollte zu seinem eigenen künstlerischen Schutz den Jud Süss mit möglichst viel Antipathie spielen – wurde damit aber umso erfolgreicher. Der Film sprengte alle Zuschauergrenzen. 20 Millionen Menschen sahen ihn. Unzählige wurden gezwungen ihn anzuschauen.

Zwischen dem Minister und dem Schauspieler kam es schließlich wegen dessen Weigerungen zum Zerwürfnis.

Ferdinand Marian überwand den unglücklichen Missbrauch seines Berufs nie. Er verfiel dem Alkohol. 1946 kam er bei einem Autounfall ums Leben.

Die Drehbuchautoren bemühten sich um historische Authentizität, was ihnen in vielem auch gelang. Sie dachten sich allerdings für das Thema und die Epoche symptomatische und typische Handlungszusätze (z.B. Auschwitz) aus, die eher kontraproduktiv wirken. Der zweite Teil des Films weist nicht die Dichte des ersten auf. Der von manchen Kritikern erhobene Vorwurf der Geschichtsfälschung ist aber keineswegs gerechtfertigt.

„Jud Süss“ ist trotz allem sehenswert. Tobias Moretti als Ferdinand Marian, Martina Gedeck als Ehefrau Anna, Moritz Bleibtreu als Goebbels, Justus von Dohnanyi als Veit Harlan, Heribert Sasse als Deutscher, Anna Unterberger als Britta, sie spielen schon auf hohem Niveau – Bleibtreu gut, allerdings hart an der Grenze der Übertreibung.

Nachbildung eines von den Nazis, vor allem von Goebbels verursachten Künstlerdramas. Historisch bemüht und in vielem – nicht in allem – gelungen. Hervorragend interpretiert.

Thomas Engel