Judgment – Grenze der Hoffnung

Von Grenzen und wie sie sich und die Menschen, die an ihnen Leben verändern erzählt Stephan Komandarev in seinem neuen Film „Judgment – Grenze der Hoffnung.“ Darüber hinaus reißt er noch zahlreiche andere Themen an, die seinen Film bisweilen ausufern lassen, so dass besonders das akute Thema der Flüchtlingsproblematik etwas in Hintertreffen gerät.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

OT: Sadilishteto
Deutschland, Bulgarien, Kroatien, Mazedonien 2014
Regie: Stephan Komandarev
Buch: Stephan Komandarev, Marin Damyanov, Emil Spahiyski
Darsteller: Assen Blatechki, Ovanes Torosian, Ina Nikolova, Miki Manojlovic, Paraskeva Djukelova
Länge: 107 Minuten
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart: 23. April 2015
 

FILMKRITIK:

In einem kleinen Dorf in den bulgarischen Bergen, unweit von der Grenze zur Türkei lebt Mityo (Assen Blatechki) nach dem Tod seiner Frau alleine mit seinem Sohn Vasko (Ovanes Torosian). Als die Molkerei, in der Mityo arbeitet, geschlossen wird, gerät er bald in Geldnöte, zumal ein Kredit abgetragen werden will. In seiner Not nimmt Mityo das Angebot des Kapitans (Miki Manojlovic) an, Flüchtlinge über die Grenze zu bringen. Mityo und den Kapitan verbindet eine lange Geschichte, die bis in die Armeezeit des damals noch zum Ostblock gehörenden Staates zurückreicht: Mit eiserner Faust verteidigte der Kapitan damals die Grenze und verhinderte mit allen Mitteln, dass Bürger des Ostblocks die Grenze zur Türkei überschritten. Nun verdient er sein Geld praktisch auf umgekehrte Weise und ermöglicht Flüchtlingen den Sprung über die EU-Außengrenze.

Die ersten nächtlichen Schleuseraktionen gehen auch gut, Mityo glaubt, bald genug Geld verdient zu haben, um seine Schulden zu tilgen, doch immer neue Ausgaben zwingen ihn, das schmutzige Geschäft weiter zu betreiben. Und zu allem Überfluss bleibt das Verhältnis zu seinem Sohn angespannt, denn der entdeckt ein dunkles Geheimnis in der Vergangenheit seines Vaters.

Einen schönen Ansatz bemüht Stephan Komandarev für „Judgment – Grenze der Hoffnung“ und erzählt mit dieser Geschichte auch viel über die Entwicklung Europas. Besonders aus deutscher Sicht ist das interessant, versuchten doch auch viele damalige DDR-Bürger, einen vorgeschobenen Urlaub an den Stränden des Schwarzen Meers dazu zu nutzen, in die Türkei zu flüchten. Heute gehen die Flüchtlingsströme in die andere Richtung, ein beschwerlicher, gefährlicher Weg, den Komandarev in einigen dokumentarisch anmutenden Passagen schildert. Über Bergkämme, durch Mindenfelder, über Flüsse führt der Weg der Flüchtlinge, die dann sich selbst überlassen werden. Und auch der Film fokussiert sich weniger auf das Schicksal der Flüchtlinge, sondern nimmt eine Täter-Perspektive ein. Wobei vor allem der Kapitan der skrupellose Menschenschleuser ist, während Mityo auch Mitleid zeigt.

Das wäre an sich schon genug Story für einen Spielfilm, doch damit gibt sich Komandarev nicht zufrieden. Die schlechte wirtschaftliche Situation der Gegenwart, Probleme zwischen Vater und Sohn, mythische Felsklippen (der titelgebende Judgment soll schon von Griechen und Römern zur Vollstreckung von Todesurteilen benutzt worden sein) dazu noch ein wenig Vergangenheitsbewältigung: Manchmal fasert „Judgment – Grenze der Hoffnung“ aus, will zuviel erzählen und tut dies oft auch noch auf allzu plakative Weise. Umso bedauerlicher ist dieser fehlende Fokus angesichts des im Kern spannenden Themas, der einen originellen, ungewöhnlichen Blick auf die so gegenwärtige Flüchtlingsthematik innerhalb der EU wirft.
 
Michael Meyns