Judy

Renée Zellweger darf als Judy Garland alles geben und zeigt mit einer oscarreifen Leistung, was sie kann: Sie schlüpft in die Persönlichkeit des Stars, streift sich Judy Garlands Geschichte über und wird ihr beinahe gespenstisch ähnlich.  Rupert Goolds Biopic ist ein gelungenes Melodram, das ohne jeden Kitsch auskommt und dennoch ans Herz geht. Das liegt vor allem an der Musik, wunderbar interpretiert von Renée Zellweger selbst, in der sich das Leben des Stars zu spiegeln scheint. Somewhere over the Rainbow…

Webseite: www.judy-derfilm.de

Großbritannien 2019
Regie: Rupert Goold
Drehbuch: Tom Edge, Peter Quilter (nach dem Bühnenstück „End of the Rainbow“ von Peter Quilter)
Darsteller: Renée Zellweger, Jessie Buckley, Finn Wittrock, Rufus Sewell
Länge: 118 Minuten
Verleih: Entertainment One Germany GmbH
Kinostart: 02.01.2020

FILMKRITIK:

Judy Garland ist gerade ziemlich am Boden, auch wenn sie das selbst nicht wahrhaben will. Ihr Starruhm ist verblasst, das ständige Auf und Ab ihrer Karriere, die Abhängigkeit von Aufputsch- und Beruhigungsmitteln sowie vom Alkohol, finanzielle Probleme, eigenes und fremdes Missmanagement, noch dazu vier gescheiterte Ehen haben ihre unübersehbaren Spuren hinterlassen. Inzwischen ist sie Mitte vierzig und pleite. So entschließt sie sich widerwillig, die beiden jüngeren Kinder Lorna und Joey bei ihrem geschiedenen Ehemann Sidney Luft zu lassen, und reist nach London, wo sie mehrere Wochen in einem Nachtclub auftreten kann. Kein Vergleich mit dem, was sie aus früheren Zeiten gewöhnt ist, aber immerhin eine Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen. Gesundheitliche Probleme machen ihr zu schaffen, vor allem ihre Schlaflosigkeit, die sie mit Drinks und Tabletten zu bekämpfen versucht, ebenso wie ihre wachsende Angst, überhaupt auf die Bühne zu gehen. Zu den meisten Auftritten kommt sie viel zu spät, obwohl ihre Assistentin, die liebevoll energische Rosalyn, den Auftrag hat, dafür zu sorgen, dass Judy pünktlich und halbwegs nüchtern im Theater erscheint. Die Liebe zu dem deutlich jüngeren Mickey Deans bringt für kurze Zeit positive Impulse in ihr Leben – er sorgt für sie, er kümmert sich um sie, und so wird er Ehemann Nr. 5, doch bald muss Judy erkennen, dass er sie, so wie fast alle anderen Menschen in ihrem Leben, nur benutzt, um selbst seine Schäfchen ins Trockene zu bringen.
 
Die beiden Drehbuchautoren Tom Edge und Peter Quilter konzentrieren sich in ihrem Biopic mit viel Geschick auf einige Monate im Leben von Judy Garland. Sie zeigen vor allem die Zeit in London, das hier angemessen swinging dargestellt wird, ergänzt durch Rückblenden auf die Dreharbeiten zu „The Wizard of Oz“. Dadurch werden die Gemeinsamkeiten und Gegensätze noch klarer: hier das naive Kind, das alles glauben möchte, was man ihm sagt – dort die alternde Frau, die immer noch nicht ganz desillusioniert ist, und die singen will, weil sie für den Gesang lebt. Sehr deutlich erklärt sich Judy Garlands Schicksal aus der Vergangenheit. Aus dem unschuldigen Kind, das immer funktionieren musste, ist eine kranke Frau geworden, ein kleiner, verängstigter Mensch auf der Suche nach Liebe.
 
Renée Zellweger ist Judy Garland, und zwar auf eine frappant berührende und manchmal geradezu zärtliche Weise. Abgemagert, schrecklich dünn, nervös und rastlos hat ihre Judy etwas von einem schwachen Vögelchen, das sich immer wieder aufzurappeln versucht. Sie taucht ein in den Körper und in den Geist dieser kranken und dennoch immer noch beeindruckend lebendigen Frau und lebt die Rolle in einer beinahe gespenstischen Ähnlichkeit bis in die kleinsten Gesten, wobei ihre Unruhe und Nervosität vor allem deshalb so mitleiderregend ist, weil die Gründe dafür so furchtbar klar sind: Seit sie ein kleines Mädchen ist, steht sie auf der Bühne und wird manipuliert, zunächst von ihrer Mutter und später von Louis B. Mayer, der sie während der Dreharbeiten zu „The Wizard of Oz“ tablettensüchtig macht, mit Aufputschmitteln, damit sie durchhält, und mit Beruhigungsmitteln, damit sie schlafen kann. Darci Shaw spielt die junge Judy, den Teenager, der sich wünscht, wie alle anderen zu sein, ein begabtes Mädchen mit einer großen Stimme, das mit riesigen, naiven Augen in die Welt schaut und geliebt werden möchte. Das macht sie wirklich gut, sie macht deutlich, wie dieses Kind vom Studiosystem benutzt wird, wie es mit allen Mitteln gebrochen und zum Funktionieren gebracht wird. Renée Zellweger zeigt das Ergebnis und die Folgen dieser Methoden. Wie sie spielt, wie sie singt und wie sie in die Persönlichkeit des Stars schlüpft, ist beinahe unheimlich. Da ist viel Traurigkeit, aber auch ein ab und an aufblitzender Humor, ihre Schlagfertigkeit und natürlich immer noch das Talent: die Stimme. Und Renée Zellweger singt und spielt sich ins Herz des Publikums.
 
Gaby Sikorski