Juliette im Frühling

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Eine sanfte Dramödie mit viel Esprit und Situationskomik über Familienirrsinn, Emotionen und die Herausforderungen des Lebens. Im Mittelpunkt steht Juliette, eine junge Künstlerin, die Kinderbücher illustriert. Für einen Urlaub bei ihrer Familie verlässt sie Paris und hofft auf ein bisschen Erholung und Abstand von ihren Alltagsproblemen. Aber Pustekuchen! Statt Ruhe und Entspannung zu finden, wird Juliette in einen schier bodenlosen Strudel innerfamiliärer Angelegenheiten gezogen, bei dem sich auch die einen oder anderen Rätsel der Vergangenheit lösen.
Blandine Lenoir hat nach ihrem Überraschungserfolg mit „Madame Aurora und der Duft von Frühling“ wieder eine leichtfüßige und sehr unterhaltsame Komödie gedreht, die im Grunde vom Familienlebens handelt.

Webseite: https://www.pandorafilm.de/filme/juliette-im-fruehling.html

Juliette au printemps
Frankreich 2023
Regie: Blandine Lenoir
Drehbuch: Maud Ameline, Blandine Lenoir
Darsteller: Izïa Higelin, Sophie Guillemin, Jean-Pierre Darroussin, Salif Cissé, Noémie Lvovsky, Liliane Rovère
Kamera: Brice Pancot

Länge: 95 Minuten
Verleih: Pandora
Start: 18. Juli 2024

FILMKRITIK:

Was für eine chaotische Familie! Niemand holt Juliette am Bahnhof im Provinzstädtchen ab, und so muss sie die ganze Strecke bis zur Wohnung ihres Vaters (Jean-Pierre Darroussin) laufen. Er ist irgendwie vergesslich geworden. Wollte Juliette wirklich heute schon ankommen? Im schicken Häuschen von Juliettes Schwester Marylou (Sophie Guillemin), ihrem Mann Stéphane (Eric Caravaca) und den beiden Töchtern brennt derweil die Luft: Die supergestresste Marylou versucht verzweifelt, die Kontrolle über das häusliche Wirrwarr zurückzugewinnen, um rechtzeitig die Kinder in die Schule zu bringen und pünktlich zum ersten Termin als mobile Frisörin einzutreffen. Sobald sie ihre Jobs erledigt hat, trifft auch schon ihr Liebhaber (Thomas de Pourquery) ein. Als Juliette zum Antrittsbesuch vorbeikommt, ist er gerade wieder weg, und nun wirkt Marylou tatsächlich ein wenig entspannt. Trotzdem hat sie für Juliettes Probleme, die sie leichthin als „kleine Nöte“ abtut, absolut kein Verständnis.

So ist es auch bei allen anderen. Jede Person in dieser Familie ist aus den unterschiedlichsten Gründen hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Niemand nimmt Juliette ernst. Statt sich zu erholen, findet sich Juliette immer mehr in einer Art familiärer Aufregungsspirale wieder. Und alle haben irgendwie eine leichte bis mittelschwere Bild- und Tonstörung: Juliettes und Marylous Mutter (Noèmie Lvovsky), eine lebenslustige Malerin, oder Juliettes geliebte Oma (Liliane Rovère), die gerade ins Pflegeheim umziehen musste, der zauselige Vater, der sich ständig selbst bemitleidet, oder Marylou, die sich mit ihrer Affäre von der Leere in ihrem Leben ablenkt. Der einzig normale Mensch in Juliettes Umfeld scheint Polux (Salif Cissé) zu sein, der Untermieter ihrer Oma. Bei ihm findet Juliette Verständnis, und die beiden freunden sich an.

Blandine Lenoir hatte mit „Madame Aurora und der Duft von Frühling“ einen schönen Überraschungserfolg im Arthouse-Bereich. Gemeinsam mit der Drehbuchautorin Maud Ameline schuf sie aus der autobiographisch angehauchten Graphic Novel von Camille Jourdy – in der deutschen Übersetzung heißt sie „Juliette – Gespenster kehren im Frühling zurück“ – eine flotte und feine Komödie, in der sie immer den richtigen Ton trifft: Obwohl der Film sehr unterhaltsam bleibt, verfügt er doch über einigen Tiefgang, der sich allerdings nicht aufdrängt, sondern angenehm unterschwellig daherkommt. Da wird nicht groß erklärt, aber auch nicht drumherum geredet – das Publikum darf anhand von beiläufigen Indizien selbst darauf kommen, was mit Juliette los ist. Doch im Vordergrund steht die abwechslungsreiche Handlung in Juliettes alte Heimat, die immer mehr zur Reise in ihre Kindheit wird.

Ähnlich wie in „Madame Aurora“ verzichtet Blandine Lenoir auf eine straight geführte Handlung, die auf direktem Weg von A nach B führt, sondern sie verlässt sich lieber auf eine stark verzweigte und verästelte Geschichte mit vielen unterschiedlichen Charakteren, die immer mehr auszuufern scheint. Das macht den Film sehr abwechslungsreich und amüsant, auch wenn keine großen Krisen und Höhepunkte im Sinne einer klassischen Dramaturgie vorhanden sind. Blandine Lenoir behält dabei immer die Übersicht und führt am Ende alle Fäden zusammen. Und außerdem bietet sie ein buntes und immer liebenswertes Humorprogramm zwischen Slapstick und sanfter Komödie – ob da ein nackter Mann durch den Garten hüpft oder eine Katze aus der Dachrinne springt. Es gibt dazu auch einige anrührende Szenen, aber vor allem eine Fülle an komischen Details und Running Gags, zu denen die ungeschickte, aber ambitionierte Katze ebenso gehört wie das Entenküken Norbert à l’Orange oder die fantasievollen Verkleidungen von Marylous Lover, mit denen er das Liebesleben im Gewächshaus aufpeppt.

Kleinere Ausflüge in die Krawallkomik gehören ebenfalls zum Gesamtpaket, bleiben aber eine durchaus erfreuliche Randerscheinung, denn im Kern geht es hier um etwas Ernsthaftes: um die Familie, um den Zusammenhalt im Irrsinn und um die Absurdität des Alltags. Jeder der Charaktere hat seine sympathischen Eigenheiten, und Blandine Lenoir erforscht sie ebenso liebevoll wie klarsichtig. Juliette ist zwar ein Teil dieser durchgeknallten Familie, aber sie ist anders als die anderen, denn sie beobachtet das seltsame Treiben ihrer Angehörigen aufmerksam, aber distanziert. Izïa Higelin macht das ganz großartig. Sie spielt die komplizierte Persönlichkeit einer verwirrten jungen Frau, die – gut versteckt – jede Menge Seelenschmerz mit sich herumschleppt, mit viel Ernsthaftigkeit und mit leicht ironischer Distanz. Und dabei ist Izïa Higelin, die in Frankreich als Rockstar und Schauspielerin gleichermaßen bekannt ist, so gut, dass es manchmal wehtut. Ihre Juliette ist es gewohnt, dass man ihr nicht zuhört. Deshalb spricht sie wenig. Ihre ausdrucksvollen dunklen Augen verfolgen unablässig und aufmerksam, was um sie herum geschieht. Und sie zeichnet, was sie beobachtet. Dabei zeigt Izïa Higelin in ihrem zurückhaltenden Spiel, dass sie mit großartigen und erfahrenen Darstellerinnen wie Noémie Lvovsky („Der Glanz der Unsichtbaren“) und Liliane Rovère (die Arlette aus „Call my Agent“) scheinbar mühelos mithalten kann. Ihre größte Leistung aber ist, dass sie eine Frau mit vielen Problemen spielt, ohne dass die Probleme im Vordergrund stehen. Es geht ihr vor allem um ihre eigene Familie, die inmitten der Fährnisse des Lebens für sie so etwas wie der Fels in der Brandung sein könnte. Jedenfalls theoretisch ... vorausgesetzt, dass ein Hauch von Normalität in den täglichen Irrsinn einzieht. Aber was ist schon normal?

 

Gaby Sikorski