Junges Licht

Adolf Winkelmanns Hommage an das ursprüngliche Ruhrgebiet lässt den Pott in poetischen Bilder wieder auferstehen, gleichzeitig entmystifiziert die stimmige Adaption des gleichnamigen Romans von Ralf Rothmann die Ruhrpott-Romantik. Erzählt wird vom zwölfjährigen Julian, der in den 1960er Jahren in einer typischen Bergarbeitersiedlung aufwächst. Die Luft ist schlecht und das Klima rau. Zu rau für einen unschuldigen Jungen. Julian hat ein feines Auge für das Geschehen in seiner Umgebung. Als Julians Mutter den Sommer bei Verwandten an der See verbringt, wird der Junge unmittelbar mit der Welt der Männer konfrontiert – eine Welt, zu der auch Sex und Gewalt gehören.

Webseite: www.jungeslicht.weltkino.de

D 2016
Regie: Adolf Winkelmann
Darsteller: Oscar Brose, Charly Hübner, Lina Beckmann, Peter Lohmeyer, Ludger Pistor
Filmlänge: 110 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 12 Mai 2016

 

FILMKRITIK:

Der zwölfjährige Julian Collien (Oscar Brose) lebt in den 1960er Jahren mit seiner Schwester und den Eltern auf beengten Raum in einer typischen Bergarbeitersiedlung im Ruhrgebiet. Die Luft ist schlecht und das Klima rau. Zu rau für einen unschuldigen Jungen, der sich bemüht, den Bedrohungen zu entkommen, die drinnen und draußen gleichermaßen lauern. Julian hat ein feines Auge für das Geschehen in seiner Umgebung. Er sieht, dass die malochenden Männer, wie sein Vater Walter (Charly Hübner), mit den Ehefrauen streiten, während die Blicke, die sie auf das frühreife Nachbarsmädchen Marusha werfen, von einem Wissen künden, das Julian noch verborgen ist. Greifbar ist dafür die Gewalt, die Julian von seiner migränegeplagten Mutter Liesel (Lina Beckmann) droht. Immer wieder entlädt sie ihren Alltagsfrust in Aggressionen gegen den Jungen. So freut er sich, als die Mutter und die kleine Schwester während der Sommerferien zu Verwandten nach Norddeutschland ans Meer fahren, während er mit dem Vater allein zu Hause bleibt – das Geld reicht nicht für einen richtigen Familien-Urlaub. Der Vater malocht im Schichtdienst unter Tage und Julian streift mit einer geliehenen Kamera durch die Gegend, als stiller Beobachter und kindlicher Chronist einer proletarischen Welt, die nicht nur wegen der rußgeschwängerten Luft keinen weiten Horizont zulässt.
 
Auf sich alleingestellt, werden seine Begegnungen mit den Älteren bedrohlicher. Er muss den Halbstarken auf der Strasse ebenso entkommen wie den Nachstellungen des pädophilen Vermieters Gorny (Peter Lohmeyer), der die Abwesendheit des Vaters ausnutzt. Dabei kreisen Julians Gedanken um Marusha, deren Schlafzimmerfenster an den kleinen Balkon der Familie Collien grenzt. Marusha versetzt mit ihrer koketten Offenherzigkeit Julians erwachende Sexualität in Schwingung, doch als sich die erotischen Spannungen in einer heißen Sommernacht entladen, ist es nicht seine Schuld, die der Junge am nächsten Tag dem Pfarrer beichtet.
Adolf Winkelmann hat sich mit Sittengemälden über das Ruhrgebiet ("Die Abfahrer", "Jede Menge Kohle", "Nordkurve") einen Namen gemacht, doch mit der Adaption von Ralf Rothmanns Familienroman „Junges Licht“ erzählt er noch einmal ganz anders vom Ruhrgebiet. Aus der Perspektive eines jugendlichen „Danebenstehers“ liefert der Film einen facettenreichen Gesamtentwurf der sechziger Jahre im Pott und des Milieu der Kumpel. Dabei verzichtet der Film auf verklärenden Zierrat, findet aber immer die richtige Symbolik, um die inneren Konflikte seiner Figuren sichtbar werden zu lassen.
 
Winkelmann und sein Kameramann David Slama setzten auf brillante Bilder, die, authentisch und poetisch zu gleich, das Geschehen einfangen. Realistisch und zwingend in ihrer literarischen Qualität sind auch die Dialoge, die das raue Ruhrgebietsmilieu vermitteln und dennoch den Charakteren eine Würde und Zartheit zugestehen, die berührt. Dabei kann sich Adolf Winkelmann auf ein Ensemble von Schauspielern verlassen, das stimmig die Figuren zum Leben erweckt. Vor allem Charly Hübner als melancholischer Malocher und der natürlich aufspielende Oscar Brose als fragiles Unschuldslamm veredeln dieses gelungene Epochenbild einer entschwundenen Welt.
 
Norbert Raffelsiefen