Jungs bleiben Jungs

Auch Teenager-Komödien haben ihre festen Rituale. Die französische Pubertäts-Studie „Jungs bleiben Jungs“ weiß um die Spielregeln des Genres, bedient diese und schafft es dennoch, erfrischend anders zu sein. Zu verdanken ist das einem wohl durchdachten, in seinem Humorverständnis mitunter durchaus zotigen Skript und zwei uneingeschränkt sympathischen Hauptdarstellern.

Webseite: www.jungsbleibenjungs.de

OT: Les beaux gosses
F 2009
Regie: Riad Sattouf
Drehbuch: Riad Sattouf, Marc Syrigas
Musik: Flairs, Riad Sattouf
Kamera: Dominique Colin
Darsteller: Vincent Lacoste, Anthony Sonigo, Noemie Lvovsky, Alice Tremolieres, Emmanuelle Devos
Laufzeit: 90 Minuten
Kinostart: 1.7.2010
Verleih: Kool
 

PRESSESTIMMEN:

Eine ebenso lustige wie intelligente Komödie …lebensnah und mit viel Herz für die Figuren.
STERN

FILMKRITIK:

Die Pubertät ist ein seltsames Phänomen. Wenn die Hormone das erste Mal verrückt spielen und aus kleinen Jungs allmählich Männer werden, dann steht die Welt plötzlich Kopf. Selbst wer sich bislang nur für „Jungssachen“ interessierte, entdeckt mit der Zeit, dass es da noch etwas anderes gibt: Mädchen. Das weibliche Geschlecht übt seit kurzem auch auf den vierzehnjährigen Hervé (Vincent Lacoste) und seinen besten Kumpel Camel (Anthony Sonigo) eine fast schon hypnotische Anziehungskraft aus. Die beiden Jungs leiden jedoch darunter, dass sie nicht unbedingt zu den coolsten Typen in ihrer Schule gehören. Regelmäßig laufen ihre nicht immer wohlüberlegten Annäherungsversuche ins Leere, was für reichlich Liebesfrust und einen regelrechten Hormonstau sorgt.

Mit dem pickligen Vincent und seinem von sich überzeugten Freund Camel ähnelt das Personal in Riad Sattoufs Kinodebüt zunächst dem anderer Teenager-Komödien. Wir haben es einmal mehr mit zwei leicht sonderbaren Typen zu tun, deren Streben nach dem ersten Sex beinahe tragikomische Züge annimmt. Und auch bei den Erwachsenen findet sich ein bekanntes Strickmuster. Gab es in „American Pie“ den von Eugene Levy großartig verkörperten Vater, so ist es hier Vincents etwas zu verständnisvolle Mutter (Noemie Lvovsky), die mit ihrer toleranten Art für reichlich Situationskomik und Lacher sorgt – sehr zum Missfallen ihres Filius. Dieser weiß nicht wie ihm geschieht, als gänzlich unverhofft eines der schönsten Mädchen der Schule sich für ihn zu interessieren beginnt.

Dass sich „Jungs bleiben Jungs“ dennoch wohltuend von den meisten anderen Teenager-Komödien abhebt, erklärt sich hauptsächlich mit Sattoufs klugem Drehbuch, das mit seinen präzisen Beobachtungen von Vincents adoleszentem Gefühlschaos mehr einer episodischen Alltagsbetrachtung denn einer ausformulierten Geschichte entspricht. Sattouf versucht erst gar nicht, die Erlebnisse der Jungs, ihre ersten sexuellen Erfahrungen in das Korsett einer vorhersehbaren, zu oft gesehenen Handlung zu packen. Sein Film endet gänzlich unvermittelt und zu einem Zeitpunkt, an dem man das nicht unbedingt vermuten würde. Dabei lässt sich eine geistige Nähe zu den in ihrem Humor ebenfalls wunderbar unverkrampften Slacker-Geschichten eines Judd Apatow nicht wegdiskutieren. Wie beim derzeit vielleicht besten Komödien-Regisseur schwingt auch bei Sattouf jederzeit eine unmissverständliche Sympathie und Wertschätzung für seine Filmfiguren mit.

Über diese gelingt es „Jungs bleiben Jungs“ schließlich, den Zuschauer für seine Betrachtung einer nicht immer an den Vorgaben des guten Geschmacks orientierten Lust- und Frustbewältigung einzunehmen. Die beiden Hauptdarsteller Vincent Lacoste und Anthony Sonigo wurden für ihre Darstellung völlig zu Recht mit diversen Schauspielpreisen – u.a. dem „Lumière“ für das beste Debüt – geehrt. Sie bewegen sich mit einer charmanten Leichtigkeit und Unschuld durch einen Ausschnitt jugendlicher Erfahrungswelten, den man im Rückblick nur zu gerne verklärt, der aber zugleich so aufregend und chaotisch wie kein zweiter sein kann. Genau diesen Eindruck hinterlässt Sattoufs sympathisches Debüt.

Marcus Wessel

Eine Schule im französischen Rennes. Hervé und Camel gehen dort ein und aus. Viele andere natürlich auch. Der Film richtet die Scheinwerfer auf die, die voll in der Pubertät stehen: Vierzehnjährige.

Hervé lebt allein mit seiner Mutter. Sie liebt und nervt ihn gleichermaßen. Der Vater ist Pilot und sehr viel fort. Das bringt mit sich, dass ab und zu auch ein anderer Kerl die Mutter besucht.

Camel ist tunesisch-arabischer Abstimmung. Vielleicht tut er sich deshalb mit den französischen Mädchen etwas schwerer.

Die Jungs müssten lernen, Tests schreiben. Aber sie haben altersgemäß anderes im Kopf: Mädchen, Mädchen, Mädchen. Wie es anstellen, dass man eine küssen kann, dass man eine herumkriegt, dass man mit einer schlafen kann?

Natürlich muss zuerst einmal unter den Jungs selbst das entsprechende Renommee hergestellt sein. Da wird angegeben, geflunkert, gelogen, auf falsche Fährten gelockt, versucht, besser dazustehen als andere. Der Rest besteht aus Musik hören, fernsehen, sich langweilen, natürlich auf die Pirsch nach Mädchen gehen.

Hervé hat eigentlich noch Glück. Denn da macht sich plötzlich Aurore an ihn heran. Sie will seine Freundin sein. Aber sie scheint in dem genau gleich schwierigen Alter zu stecken. Sie ist unentschlossen, launisch, dann wieder leidenschaftlich, später verärgert, abweisend – und kommt wieder.

Für alle eine schmerzliche, verrückte und zugleich schöne Zeit.

In raschen Schnittfolgen zwischen Schulstunden, Alltagsdingen, Liebesgeschäften und Beratschlagungen unter den Jungs wird das präsentiert. Der Situationswitz fehlt ebenso wenig wie viele pubertär bedingten Peinlichkeiten! Der junge Drehbuchautor und Regisseur weiß offenbar wovon er spricht, denn vieles im Verhalten Hervés, Camels, Aurores und der anderen ist verdammt echt und läuft so unverbogen, spontan und auch leidvoll ab, wie es hier zu sehen ist.

Der „César“ für den besten Debütfilm ist deshalb kein Wunder.

Für die beiden Nachwuchsdarsteller Vincent Lacoste (Hervé) und Anthony Sonigo (Camel) gab es ebenfalls Preise. Nicht verwunderlich, denn sie sind wirklich gut: Hervé der Sensible und Liebe Suchende, Camel, der sich immer im Hintertreffen Befindende aber Sympathie Ausstrahlende.

Eine Million Besucher in Frankreich.

Waschechtes Schüler- und Pubertätsleben mit Liebesversuchen, einigem Witz und manchen Peinlichkeiten.

Thomas Engel