Just Mercy

Gerechtigkeit ist das höchste Gut des Justizwesens, ein Gut, das in Amerika besonders der schwarzen Bevölkerung oft verwehrt bleibt. Welche emotionalen Folgen ein Justizsystem haben kann, das gerade in den Südstaaten noch oft von Rassismus geprägt ist, davon erzählt Destin Daniel Cretton in seinem Drama „Just Mercy".

Webseite: www.warnerbros.de

USA 2019
Regie: Destin Daniel Cretton
Buch: Destin Daniel Cretton & Andrew Lanham, nach dem Buch von Bryan Stevenson
Darsteller: Michael B. Jordan, Jamie Foxx, Brie Larson, Tim Blake Nelson, O'Shea Jackson Jr., Rafe Spall, Rob Morgan
Länge: 137 Minuten
Verleih: Warner
Kinostart: 27. Februar 2020

FILMKRITIK:

Mitte der 80er Jahre hat der junge, schwarze Anwalt Bryan Stevenson (Michael B. Jordan) sein Jurastudium an der Eliteuniversität Harvard abgeschlossen. Doch statt bei einer etablierten Kanzlei in einer Großstadt anzuheuern und viel Geld zu verdienen, zieht er in den Süden und wird Teil der Equal Justice Initiative. Diese Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen ein gerechtes Strafverfahren zu ermöglichen, die sich ansonsten keinen guten und damit auch teuren Anwalt leisten können.
 
Auch armen Weißen wird geholfen, vor allem aber den vielen Schwarzen, die gerade in den Südstaaten, der früheren Hochburg des Rassismus, immer noch oft wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. So wie Walter McMilian (Jamie Foxx), ein einfacher, unbescholtener Mann, der allein auf Grund einer offensichtlich falschen Zeugenaussage wegen des Mordes an einer weißen Frau zum Tode verurteilt wurde.
 
Bald nach seiner Ankunft im Süden erfährt Stevenson von dieser falschen Verurteilung und setzt fortan alles daran, McMilian freizubekommen.
 
Man muss es kaum erwähnen, aber auch diese Geschichte eines haarsträubenden Justizskandals basiert auf wahren Ereignissen, die 1993 mit der Freilassung des unschuldig inhaftierten Walter McMilian endeten. Über 25 Jahre sind zwar seitdem vergangen, doch für die schwarze Bevölkerung Amerikas hat sich nicht allzu viel gebessert. Ohnehin haben die USA mit gut 2,2 Millionen die höchste Anzahl an Inhaftierten weltweit, und darunter befinden sich überproportional viele Schwarze oder Latinos. Zwar sind nur die wenigsten davon vollkommen unschuldig, doch durch die systemimmanenten Vorurteile gegen Minderheiten, die besonderen Eigenschaften des Jury-Systems, haben es diese Gruppen vor Gericht besonders schwer, ein gerechtes Urteil zu erlangen.
 
Von all diesen Themen erzählt Destin Daniel Cretton in einem betont ruhigen Film, der dezidiert nicht die Muster typischer Gerichtsfilme bedient. Schon nach wenigen Minuten besteht kein Zweifel über die Unschuld von William McMilian, die auch am Ende nicht mit überraschenden Zeugen oder einem besonders brillanten Plädoyer bewiesen wird, wie es in diesem Genre meist der Fall ist. Statt dessen richtet sich Crettons Blick auf das große Ganze, auf eine Gesellschaft, die sich stets einredet, dass Gerechtigkeit ihr höchstes Gut ist und dabei kaum merkt, wie tief Vorurteile und Rassismus in ihr verhaftet sind.
 
Doch nicht nur erzählerisch verzichtet „Just Mercy“ auf Dramatisierungen, auf oberflächliche Emotionen: Sowohl Michael B. Jordan als Anwalt aus dem Norden, der im Süden mit einer für ihn neuen Form von offenem Rassismus konfrontiert wird, als auch Jamie Foxx als unschuldig Inhaftierter, der kaum noch auf Gerechtigkeit hofft, legen ihre Figuren ähnlich an. Sie fressen die Demütigungen in sich hinein, wohl wissend, dass jeder emotionale Ausbruch den weißen Gefängniswärter oder anderen Autoritätspersonen im Süden nur willkommene Einladung für Repressalien wären. Selbst wenn Stevenson am Ende im Gerichtssaal um Gerechtigkeit bittet, nicht nur für seinen Mandanten, sondern für eine ganze Bevölkerungsschicht, ist sein inneres Brodeln nur zu ahnen. Gerade diese Zurückhaltung lässt „Just Mercy“ zu einem kraftvollen Film werden. So offensichtlich sind die Ungerechtigkeiten dieses Justizsystems, dass es reicht, sie mit großer Ruhe zu benennen und unermüdlich um Reformen zu kämpfen.
 
Michael Meyns