Kind 44

Die  atmo­sphä­risch dichte Verfilmung des in der Stalin-Zeit angesiedel­ten Krimi-Bestsellers von Tom Rob Smith – mit Tom Hardy, Noomi Rapace und Gary Oldman in den Hauptrollen, produziert von Ridley Scott. (Der Film wurde übrigens gerade in Russland verboten! )Wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit wirkt der Thriller, der eine Serienkiller-Story mit düsterem Sozialrealismus verknüpft. Die Verflechtung von Genregeschichte und Realismus glückt nur bedingt, doch das außerordentliche Darstellerensemble sorgt trotz – zumindest in der Originalversion – übertrieben aufgesetztem russischen Akzent für Unterhaltung wie weiland im Kalten Krieg.

Webseite: www.kind44-film.de

OT: Child 44
USA/GB 2014
Regie: Daniel Espinosa
Buch: Richard Price, nach dem Roman von Tom Rob Smith
Darsteller: Tom Hardy, Noomi Rapace, Gary Oldman, Vincent Cassel, Joel Kinnamann, Jason Clarke, Paddy Considine
Länge: 137 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 4. Juni 2015
 

FILMKRITIK:

Moskau, 1953. Leo Demidow (Tom Hardy) ist Offizier beim sowjetischen Geheimdienst, dem berüchtigten MGB. Regimekritiker und andere subversive Elemente verfolgt er mit unerschütterlichem Glaube an das System. Zu Hause ist er dagegen liebevoller Ehemann von Raisa (Noomi Rapace) – doch bald wird sein Leben in allen Bereichen erschüttert. Der Sohn eines Kollegen wird tot aufgefunden, angeblich ein Unfall. Denn Mord darf es in der UdSSR offiziell nicht geben, die Doktrin sagt, dass Mord nur durch die Auswüchse des Kapitalismus entsteht. Wer sich gegen dieses Gesetzt stellt, sieht sich bald selbst den Ermittlungen des MGB ausgesetzt. So ergeht es auch Leo, der durch die Denunzierung eines eifersüchtigen Kollegen auf seine eigene Frau angesetzt wird. Doch da er sich weigert, Raisa zu verraten, wird er in die Provinz versetzt. Dort arbeitet er in der Miliz unter General Nesterow (Gary Oldman) und sieht sich bald mit den Leichen weiterer toter Kinder konfrontiert. Wie es scheint, treibt ein Serienmörder sein Unwesen entlang der Bahnstrecken Russlands.

Dass "Kind 44" trotz seines historischen Settings nicht mit der Ankündigung beginnt, eine Geschichte basierend auf wahren Ereignissen zu erzählen, verrät einiges. Stattdessen erzählen Texttafeln vom so genannten Holodomor, der von Stalin verursachten Hungersnot, die in den 30er Jahren Millionen Ukrainer qualvoll sterben ließ. Zahllose Waisenkinder gerieten damals in das unbarmherzige System, einer davon ist Leo, der 1945 auch beim Sturm auf Berlin mitkämpft und dadurch zum Held der Nation wird. Ein epischer Bogen wird hier geschlagen, dessen Sinn allerdings weitestgehend offen bleibt. Schon hier deuten sich die Probleme an, die Drehbuchautor Richard Price dabei hatte, die 500 Seiten der Romanvorlage von Tom Rob Smith in eine filmische Form zu bringen.

Besonders frappierend wird dies jedoch bei der Serienkiller-Story, die bald die Geschicke der Figuren bestimmt, auch wenn sich der Film gar nicht wirklich für sie zu interessieren scheint. Viel mehr Augenmerk wird auf die Paranoia eines Systems gerichtet, in dem jede Figur mit der ständigen Gefahr lebt, denunziert zu werden. Wie dieses Gefühl der ständigen Bedrohung, ein konstantes Misstrauen gegenüber alles und jedem die Psyche der Menschen belastet, ist der spannendste Aspekt des Films. Wie hier die Strukturen von Korruption, Bedrohung und Verrat aufgezeigt werden, das zersetzende Gefühl, niemandem Trauen zu können, selbst der eigenen Ehefrau nicht, hat eine universelle Qualität, die "Kind 44" für Momente zu mehr macht, als einen merkwürdig rückständig wirkenden Film.

Dass der Film in Russland verboten wurde, spricht nicht gegen ihn, zeigt aber doch, wie unverblümt anti-sowjetisch er erzählt ist. Dass dabei wüst mit der Zeitgeschichte gespielt wird, die schlimmste Phase der stalinistischen Unterdrückung aus den 30er Jahren in die Nachkriegszeit verlegt wird, dazu eine auf wahren Ereignissen basierende Serienkiller-Story zwei Jahrzehnte vorgezogen wird, sorgt für einen oft überladenen Plot, in dem Daniel Espinosa keine Linie findet. Doch ein außerordentliches Darstellerensemble, angeführt vom einmal mehr herausragenden Tom Hardy lässt über manche inhaltliche Schwäche hinwegsehen. Und auch darüber, dass hier englische, amerikanische, irische, schwedische, französische, polnische und tschechische Schauspieler russische Figuren spielen, die merkwürdig getöntes russisches Englisch sprechen, was zu einer seltenen Feststellung führt: In diesem Fall ist die deutsche Synchronfassung einmal die empfehlenswertere.
 
Michael Meyns