Kindeswohl

Das bewegende und exzellent gespielte Justiz- und Ehedrama nach dem gleichnamigen Bestseller von Ian McEwan wagt sich an ein heikles Thema. Im Mittelpunkt steht die sich für ihren Beruf aufopfernde Familienrichterin Fiona May. Der Fall eines 17jährigen leukämiekranken Jungen bringt sie an ihre Grenzen. Seine Eltern verweigern als Zeugen Jehova die lebensrettende Bluttransfusion. Endlich wieder eine Rolle für die zweifache Oscarpreisträgerin Emma Thompson, die ihrem unvergleichlichen Können gerecht wird. Zusammen mit Stanley Tucci als Partner beherrscht die begnadete Charakterdarstellerin die Leinwand und hebt den Film auf ein erstaunliches Niveau. Jede Minute ihres Auftritts ist mehr als sehenswert.

Webseite: www.Kindeswohl-Film.de

Großbritannien 2017
Regie: Richard Eyre  
Darsteller: Emma Thompson, Fionn Whitehead, Stanley Tucci, Ben Chaplin, Eileen Walsh, Anthony Calf, Jason Watkins, Dominic Carter.
Länge: 105 Minuten
Verleih: Concorde
Kinostart: 30. August 2018

FILMKRITIK:

Fiona Maye (Emma Thompson) ist eine renommierte Familienrichterin am Londoner High Court. Sie verhandelt überwiegend heikle Familienangelegenheiten. Mit ihrer Ruhe, ihrer Kompetenz, ihrer Fähigkeit, Argumente sachlich einleuchtend zu gewichten, hat sich die verheiratete, kinderlose Juristin einen Namen gemacht. Da ist ein siamesisches Zwillingspaar, dessen Eltern die Trennung der beiden Kinder aus religiösen Gründen strikt ablehnen, obwohl dann beide Kinder dem sicheren Tod geweiht wären.
 
Wenn dem so sei, argumentieren die Eltern, dann sei dies Gottes Wille. Fiona Maye ordnet die Operation an. Ein Aufschrei geht durch die Presse. Damit verurteile sie eines der beiden Kinder zum Tod, um das Leben des anderen zu retten. Doch die engagierte Richterin reagiert besonnen. Denn ihr Beruf ist für sie mehr Berufung als nur reiner Broterwerb. Ihre Ehe jedoch leidet darunter. Wieder einmal sitzt sie am Wochenende abends zuhause und studiert ihre Akten. „Kommst Du“, versucht ihr Mann Jack (Stanley Tucci) sie ins Bett zu locken. Frustriert wartet er auf eine Reaktion von ihr. Geistesabwesend verweist sie auf ihre Arbeit.
 
Diesmal steht sie im Fall des 17jährigen Adam Henry (Fionn Whitehead)vor der Frage, ob Eltern die Therapie ihres kranken Sohnes richterlich verordnet werden darf, wenn ihre Religion es verbietet? Der junge Mann ist an Leukämie erkrankt. Seine Eltern verweigern als Zeugen Jehova die lebensrettende Bluttransfusion. Vor Gericht trifft sie am nächsten Tag eine unkonventionelle Entscheidung. Fiona unterbricht die Verhandlung, setzt sich ins Auto und fährt zu Adam ins Krankenhaus.
 
Dort trifft sie auf einen hochintelligenten, sensiblen jungen Mann, der Gedichte schreibt, Gitarre spielen lernt und genau zu wissen scheint, was er tut. Rhetorisch gewandt, hellwach, trotz seines Zustandes. Schließlich spielt er auf seiner Gitarre „Beim Weidengarten unten“, nach einem Gedicht von William Butler Yeats. Fiona kann nicht anders als am Krankenbett mitzusingen. Sie liebt dieses Lied. Der intime Moment ist für beide sehr emotional.
 
Die sonst so professionelle Frau ringt um Fassung und verabschiedet sich schnell. Ein Damm scheint gebrochen. Zurück im Gerichtssaal verkündet sie: Adam soll leben. Der Junge „muss vor seiner Religion und vor sich selbst geschützt werden“. Eine folgenschwere Entscheidung, die auch ihr Leben tangieren wird und sie in einen emotionalen Strudel stürzt. Nicht zuletzt, weil ihr Mann ihr offen ins Gesicht sagt, dass er vorhat, sich eine Affäre zu gönnen und sie betrügen wird.
 
Das exzellente Justiz- und Ehedrama behandelt das komplexe Thema anschaulich, klug und packend. Nicht zuletzt hebt die zweifache Oscar-Preisträgerin Emma Thompson die gradlinige Inszenierung auf ein erstaunliches Niveau. Zusammen mit Stanley Tucci als Partner beherrscht die begnadete Charakterdarstellerin mit ungeheurer Präsenz die Leinwand. Jede Minute ist sehenswert, jede Geste, jeder Blick ihres ausdrucksstarken Gesichts. Die 59jährige Britin prägt durch ihr überzeugendes Schauspiel die wohl emotionalste Szene des Filmes.
 
Wenn sie am Krankenbett des todkranken Teenagers mit ihm zusammen ihr Lieblingslied singt zählt das sicherlich zu den bewegendsten Momenten. Beeindruckend zeigt sie auch unter welchem Druck, insbesondere Frauen, in diesem Beruf, der immer noch hauptsächlich der Männerwelt vorbehalten ist, stehen. Dass natürlich eine ambitionierte Frau, die mit ihrer Arbeit verheiratet ist, nicht unbedingt auf das Verständnis ihres Ehemanns stößt, ist eine Sache.
 
Wie viele Frauen freilich mit solchen Workoholics verheiratet sind, ohne sie mit Affären zur brüskieren, sicher eine andere. Doch der weltgewandte Stanley Tucci, Meister seines Fachs und Hollywoods König der Nebenrollen, kann sich erlauben der Heldin ins Gesicht sagen, dass er eine Affäre anfangen wird – und trotzdem verliert er damit nicht gänzlich die Sympathie des Publikums. Dass Bestsellerautor Ian McEwan selbst das Drehbuch nach seinem gleichnamigen Meisterwerk verfasste war sicher ebenfalls äußerst hilfreich für das bildstarke Drama voller Intensität.
 
Luitgard Koch