King Cobra

Ein Mordfall, der vor knapp zehn Jahren die amerikanische Pornoindustrie erschütterte, ist Thema von Justin Kellys Drama „King Cobra“. Eine ansehnliche Besetzung konnte Kelly zusammenstellen, ähnlich wie bei seinem Debütfilm „I am Michael“, mit dem nicht nur seine Zusammenarbeit mit James Franco begann, sondern auch seine ungeschönte, visuell oft drastische Darstellung schwuler Themen, die ihn zu einer sehr interessanten Randfigur des amerikanischen Independent-Kinos machen.

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USA 2016
Regie, Buch: Justin Kelly
Darsteller: James Franco, Christian Slater, Garrett Clayton, Alicia Silverstone, Molly Ringwald, Keegan Allen
Länge:  91 Minuten
Verleih: 12. Januar 2017
Kinostart: Edition Salzgeber

FILMKRITIK:

Noch ist er nicht volljährig, doch der 17jährige Sean Paul Lockhart (Garrett Clayton) träumt den Traum vieler junger Amerikaner: Er will berühmt werden, ein Star sein, Geld und schnelle Autos besitzen. Sein Weg zum Erfolg: Der Pornoproduzent Stephen (Christian Slater), der sich mit schwulen Pornos eine Firma namens Cobra Video aufgebaut hat und in Sean Paul einen zukünftigen Star sieht. Unter dem Künstlernamen Brent Corrigan wird aus dem etwas unbescholtenen jungen Mann auch bald ein Superstar der Szene, der zahllose Filme dreht und via dem expandierenden Online-Markt viel Geld verdient.
 
Allerdings fließt das meiste Geld in die Taschen Stephens, der seinen Schützling an der kurzen Leine hält. Doch bald erkennt Brent was er wert ist und versucht eigene Wege zu gehen, muss jedoch feststellen, dass Stephen die Rechte an seinem Namen hat. Dieses kleine Problem sehen auch die konkurrierenden Pornoproduzenten Joe (James Franco) und Harlow (Keegan Allen), doch im Gegensatz zu Brent sind sie gewillt alles dafür zu tun, Stephen auszuschalten, bis hin zum Mord.
 
In seiner peniblen Nachzeichnung der Ereignisse (allein die Namen der Hauptfiguren wurden geändert), seinem pragmatischen Stil, der das geringe Budget nicht kaschieren kann, ähnelt Justin Kellys Film oft einem Doku-Drama, wie man es aus dem Fernsehen kennt. Doch die auf den ersten Blick eher konventionelle Oberfläche wird immer wieder mit drastischen Sexszenen aufgebrochen, die hart an die Grenze dessen gehen, was in einem normalen, also nicht pornographischen Film möglich sind.
 
Mit seiner freizügigen, furchtlosen Darstellung des jungen Pornostars, der sich vom naiven Debütanten, zum professionellen Darsteller und bald auch Regisseur entwickelt, bricht der ehemalige Teeniestar Garrett Clayton radikal mit seiner bisherigen Karriere, in der er meist in weichgespülten Disney-Produktionen zu sehen war. Er ist nicht das einzige bekannte Gesicht, das Justin Kelly an Land ziehen konnte: Die 80er bzw. 90er Jahre Stars Molly Ringwald und Alicia Silverstone haben kurze Auftritte, doch angesichts der Thematik wenig überraschend, ist „King Cobra“ von Männern dominiert.
 
Während Christian Slater den Filmproduzenten als Mischung aus Ausbeuter und mitfühlendem Vaterersatz in eher realistischen Bahnen anlegt, lässt James Franco nichts aus: Am Rande des Klischees spielt er, schreit und wütet, ist von manischer Energie geprägt und in seinem Drang nach Geld und Erfolg doch eine uramerikanische Figur. Nicht zum ersten Mal begibt sich Franco hier in schwule Subkulturen, von denen er augenscheinlich fasziniert ist. Ob in den Filmen Kellys oder seiner eigenen Regiearbeit „Interior. Leather Bar“, in der er der Wirkung des berühmt-berüchtigten „Cruising“ nach ging, spielt Franco gegen sein Image als Sonnyboy an, nicht zuletzt gegen das Label Frauenschwarm, das ihm seit Beginn seiner Karriere anhängt. Weiter als Franco bewegen sich ähnlich bekannte Schauspieler selten aus ihrer Komfortszene, womit er ideal zu Justin Kelly passt, der auf ähnlich radikale Weise Grenzen auslotet, dabei zwar manchmal etwas krude ist, aber stets fasziniert.
 
Michael Meyns