King of Devil’s Island

Wer auf diese Insel geschickt wird, muss sich auf das Schlimmste gefasst machen. Die Jungen von Bastøy werden gedemütigt, missbraucht, gebrochen. In dieser norwegischen Besserungsanstalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelten Menschenrechte nicht viel. Doch einige Jungs lassen sich nicht unterkriegen. Eines Tages bricht der offene Aufstand aus – mit dramatischen Folgen.
Ohne offenkundige Gewaltdarstellungen, aber psychologisch geschickt umgesetzt, ist der ganze Film ein Appell an Menschlichkeit und Würde. Ein kraftvoller und enorm spannender Film über Macht, Gewalt und die furchtbaren Folgen von Erziehung als Dressur – nach wahren Begebenheiten. Sicherlich nicht für das ganz junge Publikum geeignet, aber enorm wirkungsvoll für alle, die großartige Bilder und eine anspruchsvolle Handlung schätzen.

Webseite: www.kingofdevilsisland-film.de

Preise:
Norwegischer Filmpreis „Amanda“: Bester Film, beste Musik, bester Nebendarsteller (Trond Nilssen)
Filmfest Hamburg: Publikumspreis
Nordische Filmtage Lübeck: Publikumspreis und Bester Film

Originaltitel: Kongen av Bastøy
Norwegen, Frankreich, Polen, Schweden 2010
Regie: Marius Holst
Darsteller: Stellan Skarsgård, Benjamin Helstad, Kristoffer Joner, Trond Nilssen, Magnus Langlete
115 Minuten
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 29.03.2012

PRESSESTIMMEN:

Faszinierende Landschaften in Schnee und Eis, ein starkes psychologisches Drama und eine feinfühlige Inszenierung machten den Film im Heimatland Norwegen zum Erfolgsfilm. (…) Ein gelungenes Drama über eine Besserungsanstalt für straffällig gewordene Jugendliche Anfang des 20. Jahrhunderts. Großes Kino aus Norwegen (…). Absolut empfehlenswert.
BR (Bayrischer Rundfunk)

FILMKRITIK:

Als Erling und Ivar auf die karge, winterliche Insel Bastøy gebracht werden, haben sie keine Ahnung, was sie erwartet: eine eiskalte Hölle am Ende der Welt. Kaum angekommen, werden sie zu Nummern. Warum sie hier gelandet sind, wie lange sie bleiben müssen – all dies spielt keine Rolle für die Jungs hier, die zwischen 6 und 21 Jahre alt sind. Direktor Bestyreren führt ein strenges Regiment, wobei ihn sein sadistischer Assistent Bråthen unterstützt. Die Institution nennt sich Besserungsanstalt, doch tatsächlich handelt es sich um ein Jugendstraflager, in dem es vor allem darum geht, eventuell vorhandenen Widerspruchsgeist zu zerstören. Dafür ist jedes Mittel recht: Kälte, Hunger, drakonische Strafen und Demütigung. Nur absoluter Gehorsam und bedingungslose Unterordnung werden vielleicht mit der Entlassung belohnt.

Dieses Ziel hat Olav beinahe erreicht. Er ist Bestyrerens Vorzeigehäftling und einer der Hausvorsteher. Auch er war einmal ein widerspenstiger Junge und wird Erling vor die Nase gesetzt, um ihn zum Wohlverhalten zu erziehen. Doch Erling, ein starker, junger Seemann, ist keiner, der sich etwas vorschreiben lässt. Der scheinbare Streber Olav entpuppt sich als intelligenter Junge, der im Gegensatz zu Erling lesen und schreiben kann. Gemeinsam denken sich die beiden Geschichten aus, mit denen sie sich die schwere Arbeit erleichtern. Erling ist schweigsam, aber er verfügt über einen großen Gerechtigkeitssinn, wenn es darum geht, andere zu beschützen. Zu denen gehört auch Ivar. Von Anfang an beschützt ihn Erling gegen die Älteren und Stärkeren. Unter den harten Lagerbedingungen festigt sich die Gemeinschaft der Jungs. Erling, Olav und Ivar freunden sich an. Als Ivar eines Nachts weinend von einer angeblichen Gesangsprobe bei Bråthen zurückkehrt, ahnen die anderen, was geschehen ist. Doch niemand spricht darüber, schon gar nicht Ivar selbst. Auch Erlings Interventionen beim Direktor nützen nichts: Ivar ertränkt sich im Meer. Sein Selbstmord löst eine Revolte aus, die von Erling und Olav angeführt wird.

Es gibt viele Gefängnisfilme, aber dieser zeigt in Inhalt, Anspruch und visueller Kraft wahre Klasse: Zum einen sind die Häftlinge sehr jung, was den Machtmissbrauch durch ein System der Willkür und seine unberechenbaren Repräsentanten – Bestyreren und Bråthen – noch offensichtlicher werden lässt. Zum anderen aber ist es der äußerst sorgfältige Umgang mit der Geschichte und mit den Charakteren, der die Qualität dieses aufwändigen Films deutlich werden lässt. Bestyreren, dargestellt von dem wunderbaren Stellan Skarsgård, ist eben nicht der eindimensional böse Sklaventreiber, sondern er zeigt durchaus Reste von Menschlichkeit. Er ist ein von seiner Arbeit überzeugter, gehorsamer Bürger, der sich eine Welt gebaut hat, an die er glaubt, weil es sonst nichts gibt, woran er glauben kann. Kristoffer Joner spielt Bråthen, den Päderasten – ein feiger Wicht, der verbrecherisch seine Macht ausnutzt.

Vor allem aber sind es die von Marius Holst brillant geführten jungen Darsteller, denen der Film seine Tiefe und seine emotionale Wucht verdankt. Benjamin Helstad ist Erling, ein zorniger junger Mann, der seine Wut kaum zügeln kann. Mit seinem trotzigen, melancholisch verletzten Blick erinnert er an den frühen Marlon Brando. Trond Nilssen ist Olav, der nicht immer ein brav gescheitelter, folgsamer Junge war. Seine weisen Augen haben schon viel zu viel gesehen, er ist entschlossen, sich zu fügen, damit er die Insel verlassen kann. Als Ivar zeigt Magnus Langlete einen sensiblen Jungen, ein unschuldiges, leidendes Kind, das keinen Ausweg findet aus seiner Not.

Hier wird kein Wort zu viel gesprochen, die Ohnmacht der Schwachen gegenüber den Starken zeigt sich in klaren, kühlen Bildern. Die Kälte der Farben steht für die Kälte in den Seelen und Herzen der Menschen, die zu allen Zeiten bereit waren (und sind!), ihre eigenen Kinder zu opfern, wenn es um die Staatsraison oder um die Erziehung für Krieg und Vaterland ging. Ein tragisch melancholisches Statement, das vollkommen unpathetisch, großartig gespielt und fein inszeniert für Menschlichkeit und Freiheit eintritt.

Gaby Sikorski

Norwegen um 1900. Unweit von Oslo liegt eine Insel, auf der sogenannte schwer erziehbare Jugendliche auf Vordermann gebracht werden sollen. Die Sitten sind dort sehr hart, noch härter als gewöhnlich zu jener Zeit.

Zwei Neuankömmlinge sind zu melden: Ivar und Erling. Sie erhalten die Nummer C 5 und C 19. Denn jetzt sind sie keine Menschen mehr, sondern nur noch Nummern. Von Tor Bråthen, dem „Hausvater“, einem Sadisten, werden sie empfangen und sofort über die dortigen Gebräuche informiert. Etwas menschlicher verhält sich der Anstaltsdirektor Håkon Bestyreren.

Die Jungen – es sind Dutzende – müssen arbeiten, je nach Verhalten schwerer oder leichter. Olav ist der Musterschüler, dessen Entlassung bevorsteht. Nicht so Erling. Er ist ein Rebell, er hält sich für den „King“, er begehrt auf, versucht zu fliehen, wird geschnappt, kommt in Einzelhaft. Kalt und dunkel ist es da, die Betten sind sogar nach oben wie Käfige verschlossen.

Körperliche Züchtigung gehört dazu. In einer Anleitung von damals heißt es: „ . . . dann erhält er zehn Peitschenhiebe oder wird so lange ausgepeitscht, bis er blutet“. Oft waren die Wärter harte und ungebildete Typen, denen man zuviel Macht anvertraut hatte.

Das dauert – bis es brodelt. Die „Gefangenen“ stehen auf. Rebellion, Chaos und Kampf. Sogar die Armee muss eingreifen.

Wird doch noch alles gut werden?

Ein Zeitbild, ein Fallbeispiel, die Schilderung einer in Erziehungsfragen rückschrittlichen Epoche. Realistisch, düster, kalt, wahrhaftig ist das gemalt. A propos gemalt: Tatsächlich sind in dem fast monochromen Farbton Anklänge an die skandinavische Malerei zu spüren. Die Inszenierung hält jeden Vergleich mit anderen guten Filmen aus. In Norwegen war „King of Devil’s Island“ ein Riesenerfolg.

Die Botschaft ist klar: Machtmissbrauch, übertriebene Demütigung, Ungerechtigkeit, irregeleitete Erziehung oder der Weg in die falsche Richtung – sie sollen nie mehr die Oberhand gewinnen.

Gespielt wird angemessen. Sehr gut wie immer Stellan Skarsgård als Direktor, dazu Benjamin Helstad als C 19 (Erling) oder Kristoffer Joner als Tor Bråthen (der „Hausvater“), aber auch Trond Nilssen als Olav (C 1) und schließlich Magnus Langlete als Ivar (C 5).

Thomas Engel