Kingsman – The Secret Service

Ähnlich wie in seiner Superheldenparodie „Kick-Ass“ verknüpft Matthew Vaughn auch in seinem neuen Film „Kingsman – The Secret Service“ ironische Momente mit exzessiver Gewaltdarstellung. Eine Mischung, die oft befremdet und die subtileren Momente der als Konzept durchaus interessanten James Bond-Variante oft übertüncht.

Webseite: www.kingsman-derfilm.de

GB 2014
Regie: Matthew Vaughn
Buch: Jane Goldman und Matthew Vaughn, nach dem Comic von  Mark Millar und Dave Gibbons
Darsteller: Colin Firth, Taron Egerton, Mark Strong, Michael Caine, Samuel L. Jackson, Sofia Boutella, Mark Hamil,
Länge: 129 Minuten
Verleih: FOX
Kinostart neu: 12.3.2015
 

FILMKRITIK:

Kaum jemanden mag man sich lieber in der Rolle des britischen Snobs vorstellen als Colin Firth, der nicht nur im maßgeschneiderten Anzug eine ausgesprochen gute Figur macht, sondern auch das hochgestochene Oxford-Englisch makellos beherrscht. In Matthew Vaughns „Kingsman – The Secret Service“ spielt Firth Harry Hart, Mitglied der streng geheimen Agententruppe Kingsman, die in der ehrwürdigen Saville Row – wo jeder, der etwas auf sich hält und genug Kleingeld hat, seinen Anzug schneidern lässt – ihr Hauptquartier haben. Zumindest das städtische, denn ganz standesgemäß residiert die Organisation in einem mondänen Herrenhaus auf dem Land – inklusive unterirdischem Flugzeughangar.

Wie die Ritter der Tafelrunde fühlen sich die Kingsman. Als einer der ihren im Dienst zu Tode kommt, muss Ersatz gefunden werden: Diverse Kandidaten werden berufen, darunter Harrys Vorschlag Gary Unwin, genannt Eggsy (Taron Egerton), der das ist, was man auf Englisch einen Bloke nennt. Augenscheinlich aus der Unterschicht, in Trainingshose und Turnschuhen herumlaufend, großmäulig und das exakte Gegenteil eines distinguierten Gentlemans.

Wie aus einem Proleten ein weltgewandter Geheimagent wird, ist jedoch nur ein Erzählstrang in „Kingsman“, der offensichtlich als Beginn einer Filmreihe angelegt ist. Denn was wäre ein Superagent ohne einen Superschurken, der in diesem Fall von Samuel L. Jackson gespielt wird. Der gibt mit lispelndem Akzent den Milliardär Valentine, der die Überbevölkerung der Erde mit einem etwas ungewöhnlichen Plan zu lösen gedenkt: Massenmord. Den zu verhindern ist die Aufgabe der Kingsman, und dabei hinterlassen sie eine Spur der Verwüstung.

Nicht zuletzt dank seines jungen Hauptdarstellers wirkt „Kingsman“ lange Zeit wie ein Teenager-Film, der sein erzählerisches Potenzial aus dem Kontrast der gesellschaftlichen Klassen schöpft. Mit Colin Firth und der Neuentdeckung Taron Egerton hat Matthew Vaughn hierzu ein sympathisches Duo gecastet, die als quasi Vater-Sohn-Doppel überzeugen. Doch mit zunehmender Länge kommt immer mehr der Aspekt ins Spiel, den Vaughn schon in seinem ebenfalls auf einem Comic basierenden Film „Kick-Ass“ zelebrierte: exzessive Gewalt. Mit erstaunlicher Freude (die man infantil, lustvoll oder menschenverachtend nennen könnte) inszeniert er in Superzeitlupe gefilmte Metzeleien, in denen etwa Colin Firth per Schirm, Messer, Gewehr und allen anderen Tötungswerkzeugen dutzende Gegner zerstückelt. In seiner ausufernden Darstellung ist der Effekt ein völlig anderer als der in einem James Bond-Film, in dem der Geheimagent ebenfalls nonchalant dutzende namenlose Gegner erledigt: Ist dort die Gewalt nur Beiwerk zu einer Geschichte, steht die Gewalt hier im Mittelpunkt, ist nicht mehr Zweck einer Erzählung, sondern nur noch Selbstzweck. Wenn man abgetrennte Gliedmaße, aufgespießte Körper und platzende Köpfe mag, hat „Kingsman“ viel zu bieten, doch bei all dem Exzess verliert der Film auf Dauer seine erzählerische Linie, die gerade in der ersten Hälfte auf sehenswerte Weise mit Klassenunterschieden gespielt hatte.
 
Michael Meyns