Kinshasa Symphony

Dort, wo es bestimmte Dinge einfach nicht gibt oder sie zu teuer sind, ist Improvisationsgeschick gefragt. Den Musikern des einzigen zentralafrikanischen Symphonieorchesters im kongolesischen Kinshasa muss man ein solches Geschick attestieren. Ihre Instrumente bauen sie sich teils selbst, als Saiten für Geigen dienen mitunter Bremszüge von Fahrrädern. Die beiden Filmemacher Claus Wischmann und Martin Baer haben das ungewöhnliche Orchester und einige seiner Mitglieder bei den Proben und im nicht immer einfachen afrikanischen Alltag begleitet. Feststellen lässt sich: für klassische Musik gelten auf dem schwarzen Kontinent andere Spielregeln.

Webseite: www.kinshasa-symphony.com

Deutschland 2010
Dokumentarfilm mit dem Orchestre Symphonique Kimbanguiste
Regie: Claus Wischmann und Martin Baer
Länge: 95 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 23.9.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Für Joséphine Nsimba beginnt der Alltag um fünf Uhr in der Frühe. Auf dem Markt der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa, mit rund neun Millionen Einwohnern die drittgrößte Metropole Afrikas, verkauft sie Omeletts. Ihre monatlichen Einnahmen reichen eben mal so zum Leben, erst recht, seit Eierimporte aus Brasilien und den Niederlanden die Preise lokaler Bauern kaputt machen. Doch Zeit zum Klagen bleibt in dieser Dokumentation nicht, auch wenn der Gang zum Eierhändler ein typisches Beispiel für die global verursachten ökonomischen Veränderungen in einem der ohnehin schon ärmsten Länder der Welt darstellt.

Die meisten der rund 200 Mitglieder des vor etwa 15 Jahren von einem ehemaligen Piloten gegründeten Orchestre Symphonique Kimbanguiste und des dazugehörigen Chores sind Autodidakten und Amateure auf ihren Instrumenten. So manche Flöte, Posaune oder Geige mag noch aus Zeiten der belgischen Kolonialisten stammen. Teils bauen sich die Musiker ihre Instrumente aber auch selbst, bzw. beweisen mit zum Teil abenteuerlichen Notbehelfen wie Fahrradbremszüge als Saitenersatz oder Busfelgen als Glocke Einfallsreichtum. Bei Problemen mit der Beleuchtung lässt der Bratschist dann schon mal sein Instrument liegen und tut, was er sonst als Elektriker auch zu tun pflegt.

Claus Wischmann und Martin Baer haben das ungewöhnliche Orchester während seiner Vorbereitungen für ein Open-Air-Konzert anlässlich des Unabhängigkeitstages der Demokratischen Republik Kongo begleitet. Auf Erklärungen und Erläuterungen aus dem Off verzichten sie, verlassen sich ganz auf die Beobachtung und den Schnitt, der immer wieder zwischen Probenarbeit und afrikanischem Alltag wechselt. Ganz trennen lässt sich das eine vom anderen allerdings nicht: wenn Musiker mitten auf einer verkehrsreichen Straße proben, weil in ihrer Hütte dazu kaum Platz ist oder sich kollektiver Hustenreiz breit macht, weil von einem nahegelegenen Straßenfeuer beißender Rauch zum Orchester weht, dann vermischen sich beide Welten auch.

Ob Standpauke wegen unzureichender Leistungen bei den Proben vor dem immer näher rückenden Tag X oder der tägliche Kampf ums Überleben mit Schwierigkeiten bei der Wohnungssuche und Problemen des Gesundheitswesens – die Dokumentation gibt interessante und unterhaltsame Einblicke in die Konflikte und Spannungen, ohne dabei aber zu werten. Amüsant für deutsche Zuschauer sind sicherlich die Proben zu Beethovens neunter Sinfonie – wenn der Chor sich am deutschen Text von „Freude schöner Götterfunken“ probiert.

Die musikalische Qualität eines europäischen Spitzenorchesters darf man hier nicht erwarten, eher wird beim Werke von Dvorak, Verdi oder Orffs „Carmina Burana“ behandelnden Programm das Niveau eines besseren Schulorchesters erreicht. Was gefällt, ist die Begeisterung der afrikanischen Musiker für die klassische europäische Musik, die sie ihren eigenen schweren Alltag für Momente vergessen lässt, während draußen das Chaos tobt. Von dieser Begeisterung hatte übrigens 2005 auch der südafrikanische Spielfilm „U-Carmen“ von Mark Dornfrod-May erzählt, in dem Bewohner eines Townships George Bizets „Carmen“ in ihrem Alltag nachspielten.

Thomas Volkmann

Kinshasa, Hauptstadt der Republik Kongo, rund zehn Millionen Einwohner.

Die meisten Menschen sind arm, viele unterernährt. Die durch Putsche und einen Krieg gebeutelte Stadt weist unzählige Ruinen auf.

Doch da gibt es auch Beispiele leuchtenden Lebens: das Kinshasa-Symphonie-Orchester zum Beispiel (übrigens das einzige in Zentralafrika). Da widmen sich Menschen der Musik, vergessen dabei ihre Nöte. Nach einem schweren Arbeitstag, der für viele unmenschlich früh beginnt, proben sie noch ein paar Stunden. Sie sind Autodidakten und Laien, Elektriker, Piloten oder Schreiner, Hausfrauen auch und alleinerziehende Mütter – in oft elenden Wohnungen.

Sie bauen sich zum Teil ihre Instrumente selber, suchen ihr Material im Schrott.

Aber sie führt Höheres. Die Liebe zur Musik verschafft ihnen erhebende Gefühle, Befriedigung – obwohl alles mühsam ist: das Lesen der Noten, die Erlernung einer fremden Sprache, wenn es sich um europäische Werke handelt.

Der Dirigent ist oft unzufrieden. Derzeit wird für ein großes öffentliches Konzert am Nationalfeiertag Beethovens Neunte geprobt. Äußerst schwierig. Und wie soll ein Schiller-Text („Freude schöner Götterfunken“) in einen kongolesischen Kopf hinein?

Andere vom Orchester präsentierte Werke: Mozart, Händel, Ravel.

Dazwischen immer wieder Bilder: von Kinshasa, von der Vielzahl von Menschen, vom öffentlichen Leben, von den Geschäften und Werkstätten, von den Märkten, vom chaotischen Verkehr.

Ein halbes Dutzend Orchester- und Chormitglieder werden persönlich näher vorgestellt.

Das Konzert muss gelingen, die Neunte mit dem Chor „An die Freude“. Und nach vieler Mühe gelingt auch alles. Viel Applaus. Ein kleiner Triumph.

Ein Film, der zu Herzen geht. Ein kleiner Glücksfall, von Claus Wischmann und Martin Baer dargeboten – dankenswerterweise von Salzgeber verliehen.

Ein Film, der beweist, was die Kunst, die Musik vor allem, vermag. Ein schöner, informativer, origineller Dokumentarfilm.

Publikumspreis beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen.

Thomas Engel