Kiss the Cook: So schmeckt das Leben

Kochshows im Fernsehen sind seit Jahren ein preiswertes Rezept für fette Quoten. Auf der Leinwand wird gleichfalls gerne gut gegessen, von „Brust oder Keule“ über „Eat Drink Man Woman“ bis zu „Bella Martha“. Auch die Berlinale ist längst auf den Geschmack gekommen und serviert dem „Kulinarischen Kino“ ein eigenes Programm. Nun zieht „Iron Man“-Macher Jon Favreau die Kochschürzen an und besinnt sich als Autor, Regisseur und Darsteller auf seine Indie-Urspünge. Er gibt den ambitionierten Küchenchef, der den Job im biederen Edel-Restaurant an den Nagel hängt, um sich mit einer fahrbaren Grill-Bude selbst zu verwirklichen und mehr Zeit mit seinem Sohn zu verbringen. Hübsch angerichtetes, fluffiges Comedy-Soufflé mit reichlich Kitschkalorien – und einer Starbesetzung als Sahnehäubchen. So wird Genuss-Kino zum Kino-Genuss: Eine leckere Alternative zum Hollywood-Fastfood.

Webseite: www.kissthecook-film.de

OT: Chef
USA 2014
Regie und Drehbuch: Jon Favreau
Darsteller: Jon Favreau, John Leguizamo, Scarlett Johansson, Dustin Hoffman, Robert Downey Jr.
Filmlänge: 114 Minuten
Verleih: KochMedia, Vertrieb: StudioCanal
Kinostart: 28. Mai 2015
 

FILMKRITIK:

Carl Caspers (Jon Favreau) ist ein leidenschaftlicher Koch, der seinen Beruf mit viel Liebe und großem Talent ausübt. Bereits das bloße Zerlegen eines Schweins gerät für ihn, wie gleich zum Auftakt zu erleben ist, zur eleganten Kunst. Bei seinem Chef (Dustin Hoffman) stößt die kulinarische Kreativität auf eher wenig Gegenliebe. Er will die Gäste in seinem Restaurant nicht verwirren und setzt beim Menü lieber auf Bewährtes. Zur Kraftprobe zwischen den beiden kommt es, als sich der berühmt berüchtigte Gourmet-Kritiker Ramsey Michel angekündigt hat. Die grandiosen Menü-Ideen des Chefkochs werden vom engstirnigen Restaurantchef wieder einmal schnöde abgeschmettert. Statt raffinierter Feinschmecker-Kreationen muss Carl das übliche Standard-Essen zubereiten – prompt folgt ein fieser Verriss des arroganten Kritikers.   
 
Carl ist geknickt und nimmt die Schmähung als persönliche Niederlage. Via Twitter, das ihm sein zehnjähriger Sohn Percy gerade erklärt hat, macht Papa seinem Ärger Luft – und löst damit unfreiwillig eine wahre Kommentar-Lawine im sozialen Netzwerk aus. Huldvoll gewährt der höhnische Kritiker dem Koch eine zweite Chance. Sein Chef jedoch bleibt beim Menü weiter stur, ein erneutes Fiasko ist vorprogrammiert. Ein lautstarker Streit im Restaurant bleibt nicht auf – und wird von fleißig mitfilmenden Smartphone-Zeugen sofort ins Netz gestellt. Carl wird zur viralen Sensation des Tages, seinen Job ist er jedoch los. In akuter Finanznot bleibt dem armen Ex-Koch nur eine Lösung: Er muss den exzentrischen Ex-Mann (Robert Downey Jr.) seiner hübschen Ex-Frau um Hilfe bitten. Der reiche Schnösel genießt die Niederlage des Rivalen sichtlich, wie zum Hohn überlässt er ihm einen schrottreifen Food-Truck. Der gebeutelte Held erträgt die Demütigung geduldig. Gemeinsam mit seinem Sohn und einem alten, treuen Mitarbeiter möbelt er die rostige Karre auf. Sein neuer Herd mag winzig sein, doch hier kann Carl seine Kreationen endlich kompromisslos verwirklichen. Beste Zutaten und originelle Rezepte sprechen sich bei der begeisterten Kundschaft schnell herum. Die Fahrt des Food-Trucks von Miami nach Kalifornien gerät nicht nur kulinarisch zum Triumphzug, auch das Verhältnis von geschiedenem Vater und vernachlässigtem Sohn bekommt auf dem Trip einen neuen Kick der nachhaltigen Art.   
 
Die Story selbst mag etwas altbacken klingen, doch Film-Koch Favreau bereitet als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller sein Komödien-Menü mit spürbar viel Liebe sowie den richtigen Zutaten zu. Das Vater-Sohn-Drama köchelt auf kleiner Flamme genüsslich vor sich hin, derweil der hitzköpfige Kochkünstler mit gut gewürzten Wutausbrüchen für dramaturgische Siedepunkte sorgt. Wie es sich für kulinarisches Kino gehört, verweilt die Kamera lange bei den Zubereitungen der diversen Köstlichkeiten und macht dem Publikum den Mund wässrig. Zu schauspielerischen Leckerbissen geraten die Auftritte der Nebendarsteller. Da gibt sich Scarlett Johansson selbstironisch als verführerische femme fatale, die für eine Portion von Carls leckeren Spaghetti fast alles tut. Dustin Hoffmann darf als chronisch grummelnder Restaurantchef seinem zunehmend verzweifelten Chefkoch mit sichtlichem Vergnügen die Suppe versalzen. Last not least spendiert Favreau seinen „Iron Man“-Star Robert Downey Jr. einen exzentrischen Auftritt als echtes Ekelpaket.
 
Ein lukullisches Feel-Good-Movie – die leckere Alternative zum Hollywood-Fastfood.
 
Dieter Oßwald