Klang der Seele

Wie entsteht Musik? Das ist die Frage, die Marian Czuras Dokumentarfilm stellt. Zur Annährung an eine Antwort beobachtet der Film vier jugendliche Musiker, die in einer Kompositionsklasse lernen sollen, Inspiration mittels Handwerk in Form zu bringen. Besonders im Diskurs mit ihrem Lehrer entstehen dabei interessante Einblicke in die Arbeitsweise und Psyche eines Musikers.

Webseite: www.klangderseele.com

Deutschland 2008 – Dokumentation
Regie: Marian Czura
Kamera: Gerry Brosius
94 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 9. Juli 2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Eigentlich versucht dieser Film etwas Unmögliches: Zu ergründen, wie Kunst, in diesem Fall Musik, entsteht, wie Inspiration in Form gebracht wird, aus losen Gedanken ein durchkomponiertes Stück wird. Dem Geniekult, der besonders in Deutschland immer noch weit verbreitet ist, kann man nach diesem Film getrost abschwören. „Klang der Seele“ zeigt, dass interessanter künstlerischer Ausdruck nicht zuletzt das Ergebnis von langer, harter Arbeit ist.

Vier junge Musiker, zwischen 14 und 19 Jahre alt, stellt der Film in den Mittelpunkt. Bine, Michelle, Christoph und Roman heißen die Jugendlichen, die an der Darmstädter Akademie für Tonkunst die Kompositionsklasse besuchen. Ihr Lehrer ist der Niederländer Cord Meijering, selbst ein etablierter Komponist, was nicht unwichtig im Umgang mit dem bisweilen etwas aufgeblasenen Ego eines jungen Musikers ist. Besonders die interessanteste Figur des Films, der polnischstämmige Roman, reibt sich aufs intensivste mit seinem Lehrer. Der bemüht sich, die Experimente seines Schülers in eine Form zu bringen, fordert ihn auf, seine vielen Ideen zu Papier zu bringen, um die Entwicklung einer Komposition nachvollziehbar zu machen. Roman dagegen ist so von seinem Talent überzeugt, dass er ein ums andere Mal die Ratschläge Meijerings ignoriert, glaubt, er müsste nicht erst das Handwerk des Komponierens lernen, sondern wäre berufen, gleich nach Höherem zu streben.

In diesem Konflikt deuten sich grundlegende Fragen an: Inwieweit ist künstlerische Darstellung lernbar? Wie viel Handwerk steckt in der Kunst? Und natürlich die Kardinalsfrage jeder Bewertung von Kunst: Was ist gut?

Antworten deutet der Film nur an, lässt die Diskussionen zwischen Schülern und Lehrern für sich stehen, was meistens vollkommen ausreicht, bisweilen aber auch etwas beliebig wirkt. Zumal die drei anderen Protagonisten neben Roman und Cord Meijering deutlich verblassen. Da sich der Film aber einmal dazu entschlossen hat, vier Schüler zu beobachten, die am Ende erste Kompositionen vor Publikum zur Aufführung bringen, muss er auch immer wieder die anderen drei Schüler ins Bild rücken, deren Reflektionen über ihre Musik aber meist eher wenig erhellend wirken. Endgültig ausgefranst wirkt der Film dann, wenn zwei ehemalige Schüler Meijerings für wenige Minuten auftauchen, die nichts Wesentliches zum Thema beitragen und nur wie Variationen der vier Hauptprotagonisten wirken.

Oft genug aber bleibt „Klang der Seele“ bei Roman und Meijering, einem geradezu emblematischen Konflikt zwischen Schüler und Lehrer, bei dem dankenswerterweise auch nie versucht wird, die Fachdiskussionen über Tempi, Tonhöhen und andere musikalische Fachthemen für den Laien verständlicher zu machen. Denn auch wenn man nicht jedes Detail begreift, versteht man doch, wie die Reibung an der Insistenz des Lehrers für den Schüler notwendig und ergiebig ist. Und das hat man in dieser klaren Form selten in einer Dokumentation gesehen.

Michael Meyns

Musik ist fester Bestandteil des Lebens. Es gibt keinen Tag, an dem man nicht irgendwann, irgendwo, irgendeine Musik hört. Natürlich heißen Bach, Händel, Haydn, Mozart oder Rock und Pop die Renner. Aber es gibt auch eine moderne Musik, und zu der führt dieser Dokumentarfilm hin.

In Darmstadt besteht eine Akademie für Tonkunst, dort ist der Film hauptsächlich angesiedelt. Die Akademie hat einen Direktor, einen Lehrer, wie man sich ihn vorstellt und wünscht. Cord Meijering ist sein Name. Seine Kompositionslehrtätigkeit ist intelligent, gebildet, fachmännisch, unnachgiebig. Vier junge Komponisten hat er in einer Meisterklasse um sich versammelt: Roman, Michelle, Jakobine, genannt Bina, und Christoph. Die jungen Musiker, die alle ein Instrument perfekt beherrschen, sind dabei, intellektuell und gefühlsmäßig ihre eigene Musik zu erfinden. Meijering ist ihr Freund, jedoch auch ihr unerbittlicher Korrektor.

Klar, dass es noch an Reife mangelt, schließlich sind die Jungkomponisten erst um die 20 Jahre alt oder jünger. Aber es fehlt nicht an Selbstbewusstsein und an Talent. Besonders Roman, wohl der talentierteste, ist höchst von sich eingenommen.

Ein Jahr lang hat der Regisseur die Gruppe begleitet. Besuch im norwegischen Trondheim, der Partnerstadt von Darmstadt, und Musizieren mit dortigen jungen Künstlern. Oder Besuch in Krakau, einer europäischen Kulturstadt von Rang. Beim Erklingen der neu komponierten modernen Musikstücke immer wieder auch schöne Begleitbilder.

Sowohl von Roman und Christoph als auch von Michelle und Bina liegen erste Werke vor: eine Arie für Koloratursopran, Trios und Quartette für Streicher, Klavierwerke. Feierlich werden sie in Konzerten zu Gehör gebracht. Eine Opernkomposition von Meijering zur hl. Elisabeth von Thüringen fehlt ebenfalls nicht.

Eines erscheint sicher: Eingefleischte und jahrelang erprobte Klassik-Hörer, die diesen erstrangigen Dokumentarfilm sehen, fangen vermutlich an, über moderne Musik anders zu denken.

Dokumentarfilm über vier junge Komponisten und ihren Lehrer. Ein kulturell äußerst beachtliches Stück. Interessierten sehr zu empfehlen.

Thomas Engel