Kleine Germanen

In ungewöhnlicher Form – Tricksequenzen abwechselnd mit realen Interviewbildern – geht es um Kinder, die in einem rechtsradikalen Umfeld aufwachsen. Anhand von Gesprächen mit überzeugten Rechtspopulisten, Aussteigern, Psychologen und Soziologen werden unterschiedliche Strukturen einer Erziehung deutlich, die in Ausgrenzung, fehlender Empathie und Hass gegen alles Andersartige ihre schlimmsten Auswirkungen zeigt. Dieser Film kommt zur richtigen Zeit, seine Wirkung beruht auf der Kombination von Fakten, unverbrämten Äußerungen und Originalinterviews mit einer wahren Geschichte: Die Filmemacher decken auf, sie analysieren und suchen nach Erklärungen und Lösungsmöglichkeiten, aber sie sparen dabei auch Emotionen nicht aus. Ein aufrüttelnder, handwerklich sehr gelungener Film.

Webseite: www.littledream-entertainment.com

Dokumentarfilm
Deutschland 2018
Regie: Mohammad Farokhmanesh & Frank Geiger
Drehbuch: Mohammad Farokhmanesh, Frank Geiger & Armin Hoffmann
85 Minuten
Verleih: Little Dream Entertainment GmbH
Kinostart: 09.05.2019

FILMKRITIK:

Die kleine Elsa wächst liebevoll behütet auf – der Opa ist ihre wichtigste Bezugsperson. Ihm vertraut sie, und wenn sie ihren kleinen Stahlhelm trägt und mit ihm Krieg spielen kann, ist sie selig. „Für Führer, Volk und Vaterland“, piepst sie und grüßt mit erhobenem rechtem Arm. Als Erwachsene heiratet sie einen Neonazi, mit dem sie in einem von der Außenwelt abgeschotteten Dorf voller Gleichgesinnter lebt. Nachdem ihr Mann wegen rechter Gewalttaten inhaftiert wurde, sieht sich Elsa allein gelassen mit ihren Kindern, von denen eines behindert ist. Sie baut sich unter den misstrauischen Blicken der Dorfgemeinschaft eine eigene Existenz auf, setzt sich zur Wehr, als sie ihren behinderten Sohn ins Heim geben soll und trennt sich schließlich von ihrem Mann. Heute ist sie noch immer auf der Flucht vor ihren ehemaligen Gefährten, die Vergangenheit hat bei ihr tiefe Narben hinterlassen.

Elsas Lebensgeschichte ist einer der beiden Erzählstränge des Films. Er zeigt in animierten Bildern, wie Elsa aufwächst – in einem Umfeld von Hass und Lügen. Parallel dazu stehen die realen Bilder der Gegenwart, die unterschiedliche Aspekte einer rechtsradikal ideologisierten Erziehung zeigen. Misstrauen und Abneigung gegen alle, die anders sind, bestimmen das Leben. Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und eine auf unbedingtem Gehorsam aufgebaute Erziehung gehören dazu. Nur die eigene Gruppe bietet Schutz und Sicherheit. Nach außen hin brave Bürger bekennen sich offen zu ihrer demokratiefeindlichen Gesinnung. Aussteiger, Psychologen und Soziologen zeigen unterschiedliche Richtungen innerhalb der rechten Szene sowie die Vorgehensweisen, mit denen Kinder zu einem Leben in Hass und Lügen erzogen werden. Staatliche Regelwerke und Institutionen werden abgelehnt – lediglich Kitas und Schulen sind in Ermangelung anderer Möglichkeiten geduldet, wobei rechtsradikale Eltern hier eher zu unauffälliger Zurückhaltung neigen. Die christliche Religion wird als „von Fremden eingeschleppt“ denunziert, stattdessen werden aus der Mottenkammer der Geschichte alte Rituale wiederbelebt. Doch wo liegen die Grenzen? Ist schon die Teilnahme an einer Sonnenwendfeier bedenklich? Wo hört Disziplin auf, und wo fängt Dressur an? Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger gehen in Deutschland und Österreich auf Spurensuche, sie zeigen mögliche Ursachen und Auswirkungen einer Entwicklung, die gelegentlich eine offenkundige Nähe zu sektenähnlichen Strukturen verrät. Und ähnlich wie in einer Sekte kann von außen nur Aufklärung betrieben werden – für ihre Befreiung müssen die Betroffenen selbst tätig werden. Doch was lässt sich für die betroffenen Kinder tun?

Die Bedeutung dieses Films kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Während in weiten Teilen der Gesellschaft die Fähigkeit zum Diskurs im gleichen Maße abnimmt wie die offenkundige Neigung zu einem sehr schlichten Schwarz-Weiß-Denken zunimmt, mischt sich scheinbar der Wertkonservativismus des schwindenden kleinbürgerlichen Mittelstandes mit dem Hurra-Patriotismus und dem Kadavergehorsam vergangener militaristischer Zeiten. Die Spaltung der Gesellschaft schreitet fort, an allen Ecken und Enden wird eine kaum verbrämte Nazi-Ideologie salonfähig. Wohin ein solcher verquaster Nationalstolz führt, wenn er sich über ein ganzes Land oder über die gesamte Welt ausbreitet, sollte eigentlich jedem Menschen klar sein. Woher diese Einstellung unter anderem ihre Nahrung bezieht und wie die Mechanismen der Indoktrination schon bei den Kleinsten funktionieren, wird im Film deutlich. Angst, der Drang nach absoluter Sicherheit und Geltungsbedürfnis gehören ebenso dazu wie Hass auf Andersdenkende und Andersartige. Zusätzlich zu seinen inhaltlichen Qualitäten bietet der Film ein extrem hohes handwerkliches Niveau und eignet sich aufgrund seiner Gestaltung auch schon für ältere Kinder. Um Diskussionen in Gang zu setzen, um das Nachdenken über den Zustand der Republik und die Richtung einer künftigen Entwicklung zu steuern, bietet der Film jedenfalls eine Fülle von Denkansätzen und Gesprächsmöglichkeiten.

Gaby Sikorski