Kleine graue Wolke

Sie lässt sich nicht unterkriegen: Sabine Marina erfährt, dass sie Multiple Sklerose hat, und macht was draus, unter anderem einen Dokumentarfilm darüber. In mehreren Jahren Drehzeit ist ein unaufgeregter, kleiner Film entstanden, der sich vor allem an Betroffene und ihre Angehörigen wendet. Er zeigt Sabine Marinas Umgang mit der eigenen Krankheit keinesfalls als betroffenheitsduseliges Statement, sondern als kreative und nachdenkliche Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit.

Webseite: http://kleinegrauewolke.wfilm.de

Deutschland 2014 – Dokumentarfilm
Regie und Buch: Sabine Marina
Kamera: Jonas Hieronimus
Länge: 85 Minuten
Verleih: W-film
Kinostart: 24. September 2015
 

Festivals/Preise:

2015: 19. Filmfest Schleswig-Holstein
2015: Deutscher Engagement Preis, Nominierung
2014: 25. Internationales Filmfest Emden Norderney, Nominierung, AOK Filmpreis
2014: 31. Kasseler Dokfest
2014: Hertie-Preis für Engagement und Selbsthilfe, Auszeichnung

FILMKRITIK:

Am Anfang steht die Diagnose MS – Multiple Sklerose, für eine Frau von Mitte 20 nicht nur unerwartet, sondern auch lebenserschütternd. „Eine kleine graue Wolke an deinem blauen Himmel“, nennt ihr Arzt die Krankheit, und Marina, die mitten in ihrem Medienstudiengang steckt, beschließt aus naheliegenden, therapeutischen Gründen, ihre Krankheitserfahrungen zum Thema eines Films zu machen. Sie sucht den Kontakt mit anderen Betroffenen und findet überall in Deutschland Menschen, die ebenfalls MS haben, in unterschiedlichen Stadien der Krankheit.
 
Die Entwicklung einer jungen Frau, die aufgrund einer Diagnose erwachsen wird. So könnte man den Weg der Sabine Marina beschreiben. Anfangs sind ihre Gedanken eher alltäglicher Natur, wenig tiefschürfend, doch bevor die Gefahr von Langeweile droht angesichts von Überlegungen, welches Schicksal ihr wohl drohen wird und wie ungewöhnlich es doch ist, dass man als junger Mensch überhaupt mit dem Thema Krankheit konfrontiert wird, kriegt die Filmemacherin die Kurve: Sie lernt auf ihren Reisen Menschen kennen, die voller Optimismus sind, die Lebensfreude verkörpern, und zwar trotz teilweise schwerer Einschränkungen. So geht auch Sabine Marina ihren neuen Weg: Sie nimmt sich mehr Zeit für sich, lernt mit den Krankheitsschüben klarzukommen, und am Ende ist die „kleine graue Wolke“ zu einem Teil ihres Lebens und ihrer Persönlichkeit geworden.
 
Einerseits ist es nachvollziehbar, dass viele Menschen einen kleinen oder größeren Stupser brauchen, um sich dessen bewusst zu werden, dass das Leben auch ohne MS kurz genug ist und es daher sinnvoll sein könnte, es zu genießen. Andererseits ist es natürlich schrecklich, dass ausgerechnet eine unheilbare Krankheit der Auslöser für diese Erkenntnis sein soll. An einer Stelle des Films sagt Sabine Marina, dass alle Frauen mit MS einander irgendwie ähnlich seien. Vor dem Ausbruch ihrer Krankheit waren sie, so wie sie selbst, oft extrem agil bis hyperaktiv, und sie haben sich mehr um andere als um sich selbst gekümmert. Das mag typisch sein für die moderne, junge Frau, aber tatsächlich hat sie erst die Auseinandersetzung mit der Multiplen Sklerose zum Nachdenken und zum Innehalten gebracht. Sie haben gelernt, die Krankheit zu akzeptieren, und dadurch zu einer neuen Art von Lebensqualität gefunden. Glücklicherweise geht es der Regisseurin hierbei nicht um die Krankheit als Weg – eine zweifelhafte Theorie, die von vielen Psychologen sogar als gefährlich abgelehnt wird, und zwar u. a. wegen der kaum verhüllten Schuldfrage. Doch Sabine Marina bleibt erfreulich vernünftig: Sie nimmt die Multiple Sklerose weder als Strafe noch als Folge ihres bisherigen Daseins, sondern sie macht das Beste daraus und findet für die schönen wie für die schrecklichen Tage ihres neuen Lebens gute, bisweilen wirklich kinotaugliche Bilder. So liegt sie schlammbedeckt und beinahe erstarrt im endlosen graubraunen Wattenmeer, eine gestrandete Nixe, die sich nicht mehr selbst befreien kann – als sehr schöne und sehr grausame Symbolik für ihre Ängste. Dass Sabine Marina insgesamt Zweifel und Rückschläge nicht ausspart, macht sie ebenso glaubwürdig wie die Selbstverständlichkeit, mit der sie Einblicke in ihr Privatleben gewährt, ohne sich dabei zu stark zu offenbaren.
 
Ihr Anliegen ist es unter anderem, Öffentlichkeit zu schaffen für eine Krankheit, die bisher meist verborgen bleibt – sei es durch die Scham der Betroffenen, sei es durch die Tatsache, dass MS oftmals von außen nicht erkennbar ist. Die kleinen, grauen Wolken sind unsichtbar. Aber trägt nicht beinahe jeder ein solches Wölkchen mit sich herum? So wird aus der Frage nach dem „Warum?“ ein „Warum eigentlich nicht?“, und das macht den Film ebenso sympathisch wie seine Protagonistin.
 
Gaby Sikorski