Kleine Helden

Kinder gehen anders mit den Themen „Tod“ und „Krankheit“ um als die Erwachsenen. Anstatt in Schwermut und Depression zu versinken, nehmen sie ihr Schicksal an und stürzen sich ins Leben. Das Hier und Jetzt zählt, nicht die Angst vor der nächsten OP oder Dialyse. Dies alles sind wichtige und lehrreiche Botschaften, die Anne-Dauphine Julliand mit ihrer Doku „Kleine Helden“ vermittelt. Darin begleitet sie fünf Kinder, die trotz immenser gesundheitlicher Einschränkungen ihre Hoffnung nicht verloren haben. Entstanden ist ein lebensbejahender Film, der uns die Welt aus der Sicht von Kindern näher bringt. Bewegend, hoffnungsvoll und zutiefst ehrlich.

Webseite: www.littledream-entertainment.com

Frankreich 2016
Regie & Drehbuch: Anne-Dauphine Julliand
Darsteller: Ambre, Camille, Tugdual, Charles, Imad
Länge: 80 Minuten
Kinostart: 20. September 2018
Verleih:  Little Dream Entertainment

FILMKRITIK:

Ambre, Camille, Charles, Imad und Tugdual sind die „Kleinen Helden“ dieser Doku. Sie alle teilen dasselbe Schicksal: Sie sind todkrank und wissen, dass sie vielleicht nicht lange leben werden. Das hält die zwischen sechs und neun Jahre alten Kinder aber nicht davon ab mit Freunden zusammen zu sein, Quatsch zu machen, Fangen oder Fußball zu spielen. Dazwischen stehen für die Fünf immer wieder Untersuchungen, Therapien oder mehrmonatige Aufenthalte in Kliniken an. „Kleine Helden“ taucht in diese Welt zwischen Optimismus, Humor und dem Kampf gegen die Krankheit ein.

Die Regisseurin des Films, Anne-Dauphine Julliand, arbeitet eigentlich als Journalistin und Autorin. Auf die Idee für „Kleine Helden“ kam sie durch ihr Buch „Deine Schritte im Sand“, das 2011 veröffentlicht wurde. Darin schildert die Französin das kurze Leben ihrer Tochter Thaïs die 2007 im Alter von drei Jahren starb. Im Jahr davor hatten Ärzte eine seltene, erblich bedingte Stoffwechselkrankheit bei dem Mädchen diagnostiziert.

Obwohl es um Themen wie Krankheit  und Vergänglichkeit geht, wird der Film von einer gelösten Stimmung dominiert und vermittelt fast ununterbrochen Lebensfreude. Julliand gelingt dies, da sie mit ihrer Kamera Ambre, Camille, Charles, Imad und Tugdual auf Schritt und Tritt folgt. Der Zuschauer nimmt so den uneingeschränkten Blickwinkel der Fünf ein und befindet sich beim Spielen und Herumtoben auf Augenhöhe mit ihnen.

Ein von Zuversicht und Fröhlichkeit geprägter Blick auf die Welt ist es, den die fünf Porträtierten teilen. Wenn etwa Camille mit seinen Freunden Fußball spielt, haben Themen wie „Schmerzen“ oder „Tod“ keinen Platz. Oder Ambre. Sie spielt leidenschaftlich gern Theater. Julliand begleitet sie zu einigen Proben und es ist offensichtlich, wie viel Freude das kleine Mädchen beim Schauspielen hat. Ihr Auftreten auf der Bühne ist geprägt von Sorgenlosig- und Leichtigkeit, obwohl sie stets einen Rucksack mit sich herumtragen muss. Darin ist ihr lebenswichtiges medizinisch-technisches Gerät enthalten, das ihren Blutdruck überwacht. Eine – im wahrsten Sinne – enorme Last, die Ambres fröhlichem Gemüt aber nichts anhaben kann.

Dennoch zeigen sich die Kinder in einigen sehr intimen Gesprächsmomenten ungemein überlegt und reif, da sie ihre Situation klug und mit Bedacht reflektieren – stets im Wissen um ihre schweren Krankheiten. Und der Erkenntnis, dass sie anders sind als die meisten Gleichaltrigen. Einer der Jungen bringt es auf den Punkt wenn er schlussfolgert: „Wir können glücklich sein, obwohl wir krank sind“. Und Ambre ergänzt: „Wir lassen den Dingen ihren Lauf und leben mit der Krankheit.“ Dies alles offenbart, wie ungezwungen und wenig verkopft die Kinder mit all dem umgehen. Sie denken nicht an die Zukunft und das Morgen, sie leben im Heute und kosten jeden Tag aus.

Es wäre ein leichtes, bei einem Film mit derartigem Inhalt in Schwermut und Pathos zu verfallen. Julliand aber macht genau das Gegenteil. Keine Spur etwa von kitschiger, übertrieben melancholischer Musik. Ebenso wenig hört man zwar gut gemeinte, aber letztlich oft inhaltsleere Phrasen und Durchhalteparolen von Angehörigen oder Medizinern. In „Kleine Helden“ kommen ausschließlich die Kinder zu Wort. Sie stehen einzig und allein im Fokus des Interesses. Auch weil gar nicht erst erwähnt wird, an was sie genau leiden. Damit vermeidet Julliand einen unangebrachten Voyeurismus sowie eine Verschiebung des inhaltlichen Schwerpunkts auf die Krankheiten.

Björn Schneider