Kleine Wunder in Athen

Die jüngsten politischen Nachrichten aus Griechenland boten zuletzt ja wenig Anlass zum Jubeln. Wunder sind indes auch von dieser melancholischen Komödie aus Athen nicht zu erwarten. Als Kommentar auf die Verhältnisse im Land der großen Philosophen kann man das Werk durchaus verstehen. Die im Zentrum stehenden Griechen haben sich darin in Lethargie und Motivationslosigkeit eingerichtet, schimpfen über Albaner und staunen über den Eifer von Chinesen. Pate gestanden haben könnten Slacker-Filme von Kevin Smith.
In Locarno 2009 ausgezeichnet mit dem Preis der ökumenischen Jury.

Webseite: www.kleinewunderinathen.de

OT: Akadimia Platonos
Griechenland/Deutschland 2009
Regie: Fillipos Tsitos
Darsteller: Antonis Kafetzopoulos, Anastasis Kozdine, Yorgos Souxes, Maria Zorba, Kostas Koronaios
103 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 29.7.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Das Athener Stadtviertel Akadimia Platonos ist Hauptschauplatz dieser melancholischen Komödie von Fillipos Tsitos – und gab auch der Originalversion dieses Films seinen Namen. Mit dem deutschen Titel wiederum wird angeknüpft an „Kleine Verbrechen“, jene griechische Komödie, die im vergangenen Jahr für heitere Stunden während des Kinosommers sorgte. Die typische Griechenlandidylle mit strahlend blauem Himmel und weißer Architektur hat hier jedoch nichts zu suchen. Die Stadt scheint in einen Dornröschenschlaf versunken, zumindest gehen die Geschäfte für den Kioskbetreiber Stavros (Antonis Kafetzopoulos) und seine Kumpel und Geschäftsnachbarn in einen offenbar vom Niedergang geprägten Viertel schlecht. Privat versucht Stavros immer wieder auch Kontakt zu seiner Ex-Frau aufzunehmen, obwohl die bereits mit einem anderen Mann zusammenlebt. So sitzen er und seine Landsleute denn tagsüber vor ihren Läden, starren in die Luft, dampfplaudern oder spielen Fußball auf dem Platz. Auf die Idee, ähnlich den schräg gegenüber einziehenden Chinesen Initiative zu zeigen und ein Business aufzuziehen, kommen sie nicht. Selbst der Vorschlag, ihnen den Laden doch zu verpachten und so wenigstens eine gesicherte Einnahme zu erhalten, lehnt Stavros ab. Lieber wird gelästert, was insbesondere dann markante Formen annimmt, sobald es um Albaner geht.

Doch dann stürzt Stavros eines Tages in eine Identitätskrise. Ein Albaner (Anastasis Kozdine) kreuzt auf und wird von Stavros dementer Mutter für ihren vergessenen Sohn gehalten, einen Bruder Stavros also, von dem nie die Rede war. Als ob dies aber nicht schon genug des Unwahrscheinlichen wäre, fängt die Mutter beim Anblick des Fremden auch noch an, perfekt albanisch zu sprechen. Stavros ist irritiert, fällt aus allen Wolken, mehr noch, als Marengelen (der Name des Albaners ist ein Konstrukt aus den ersten Silben von Marx, Engels und Lenin) wie er ein großer Fan der Rockband Status Quo (deren angespielter Song „Gerdundula“ durchaus einen griechisch-folkloristischen Einschlag hat) zu sein scheint. Als er mit seinen Kumpel ein Fußballländerspiel zwischen Griechenland und Albanien beim Public Viewing verfolgt, ist er sich schon nicht mehr sicher, für welche Seite er jubeln soll.

Ja, Griechenland steht ein gesellschaftlicher wenn nicht gar politischer Wandel bevor. So richtig durchgesickert allerdings ist das noch nicht. Stavros und seine Kumpel, von denen einer aussieht wie Silent Bob bei Kevin Smith, stehen sinnbildlich für den Niedergang ihres Landes, schwelgen in Erinnerungen an ihre rockmusikalischen Helden und schwärmen von deren längst nicht mehr aktueller Lebenseinstellung mit dem Ziel, auf der Bühne alles zu zerlegen. Vor ihren Augen wird derweil ein Denkmal für interkulturelle Solidarität errichtet. Quittiert wird das von der Männerclique mit Worten des Wählerzorns: „Ihr baut, wir zerstören.“

Der Humor in dieser Komödie von Fillipos Tsitos – er lebt seit 1991 in Deutschland und drehte u.a. einige Folgen von „Tatort“ und „KDD“ – kommt auf leisen Sohlen, ist eher nachdenklicher Natur und alles Fremde zu allererst einmal suspekt. Erst die Situation, selbst in die Rolle eines Albaners gedrängt zu werden und die festgefahrenen Ansichten zu hinterfragen, lässt Stavros seine von Vorurteilen geprägte Welt von einer anderen Seite betrachten. Auch seine Freunde müssen nun Position beziehen, soll es nicht zur Tragödie kommen. Ein Ansatz, der nicht allein nur in Bezug auf Griechenland Anwendung finden sollte. In Locarno wurde diese charmant vorgetragene Sicht im vergangenen Jahr mit dem Preis der ökumenischen Jury ausgezeichnet.

Thomas Volkmann

Stavros betreibt in einer Nebenstraße Athens einen kleinen Kiosk. Viel ist nicht los hier, meistens sitzt der Tabakhändler mit seinen Kumpels vor dem Laden oder spielt mit ihnen Fußball auf dem Vorplatz.

Trinken die Griechen trinken möglicherweise lieber etwas, als dass sie hart arbeiten würden? Voller Bewunderung – und Abscheu – schauen sie einem Dutzend Chinesen zu, die ein paar Häuser weiter schuften, als ging es um ihr Leben.

Stavros pflegt seine Mutter, die (angeblich) einen Schlaganfall hatte. Sie redet so gut wie nicht, Stavros muss alles übernehmen, sie an- und auskleiden, sie zum Arzt fahren, sie zu Bett bringen.

Ein Fremder taucht auf. Wer ist er? Ist er gar ein zweiter Sohn der Mutter, den sie einst in Albanien krank zurücklassen musste? Ist er Grieche oder Albaner? Nicht unwichtig, denn die Albaner scheinen in Griechenland nicht besonders beliebt zu sein. Ist gar Stavros Albaner?

Die Mutter ist jetzt wie verwandelt. Plötzlich plappert sie albanisch, ist zu dem „Fremden“ äußerst zuvorkommend, macht sich zurecht, will ausgehen, feiern.

Stavros ist hin- und hergerissen. Er weiß nicht mehr, wer er ist, wie er sich verhalten soll. Seine geschiedene Frau Dina will ihn auch nicht zurück.

Die beiden Männer kommen sich schließlich etwas näher – aber nur etwas. Die Mutter stirbt. Hat Stavros jetzt die Mutter verloren, dafür aber einen Freund oder gar einen Bruder gewonnen`?

Auf teils schrullige, teils verwunderliche, teils verschrobene, teils komödiantische, teils zerdehnte Weise wird ein gewisser Alltag in der griechischen Hauptstadt, wird das Problem der Fremdenfeindlichkeit, wird (durch ein kleines Denkmal) die Notwendigkeit des interkulturellen Zusammenwachsens, wird die psychische Unsicherheit eines Menschen, wird ein möglicher Ausweg aus Problemen vorexerziert.

Der Hauptdarsteller glänzt. Mürrischer, verlorener, unsicherer, dumpfer, trüber kann man das nicht spielen. Eine unglückliche, aber gut beherrschte Rolle.

Thomas Engel