Königreich Arktis

15 Jahre drehten Adam Ravetch und Sarah Robertson für ihre Dokumentation über die Bewohner des Nordpols. Im Gegensatz zum verwandten Film „Der weiße Planet“, steht hier kinderfreundliches Entertainment im Vordergrund, das mit einer Geschichte um ein Eisbärjunges und ein Walrossbaby für niedliche Momente sorgt, dennoch auf das zunehmende Schmelzen der Polarkappen aufmerksam macht.

Webseite: www.koenigreicharktis-film.de

OT: Arctic Tale (Call Of The North)
Regie: Adam Ravetch & Sarah Robertson
90 Minuten
Verleih: Universum
Kinostart: 31.10.2007

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der kleine Eisbär Knut ist kaum von der Bildfläche verschwunden, da taucht er schon im Kino auf. Mag man beinahe annehmen, wenn man die arktischen Bilder des Regisseurehepaars Adam Ravetch und Sarah Robertson sieht, aber nein, der kleine Knut ist mittlerweile ein stattlicher und großer Eisbär geworden, für einen Film ist er noch nicht gebucht worden. In der Arktis sind Geburten von Polarbären nicht unbedingt eine Seltenheit, es sei denn – und darauf will natürlich auch diese Naturdoku von National Geographic Films hinaus – der Mensch kommt nicht endlich zur Vernunft und stoppt die Klimaerwärmung, die den Bewohnern der Arktis mächtig zusetzt.

 

Die Regisseure folgen in ihrem Film zwei von ihnen: dem Eisbärjungen Nanu und dem Wallrossbaby Seela, die sie von Geburt an über mehrere Jahre begleiten. Nanu kommt in einer dunklen Eishöhle zur Welt und verbringt mit seiner Mutter dort noch volle sechs Wochen, bevor beide gemeinsam mit dem zweiten Neugeborenen durch die Öffnung klettern und zum ersten Mal die arktischen Sonnenstrahlen zu Gesicht bekommen. Die Nahrungssuche erweist sich schwieriger als gedacht, denn frische Robben warten nicht an jeder Ecke, außerdem muss die Mutter sich in Acht nehmen vor männlichen Eisbären, die – man mag es kaum glauben – mit Vorliebe ihre kleinen Jungen zerfleischen würde. Walrosse gehören ebenfalls zur präferierten Leibspeise, doch die schwergewichtigen Meeresbewohner sind verdammt zähe Kämpfer und keineswegs leichte Beute.  

Ganz ähnlich wie in der französischen Doku „Der weiße Planet“ von Stéphane Milliére und Thierry Piantanida, die Anfang des Jahres in den deutschen Kinos zu sehen war, geht es auch hier um den Kreislauf des Lebens und die Bedrohung durch die Klimaerwärmung in der Arktis. Neben den zwei Protagonisten tauchen noch Polarfüchse, Seehunde, Möwen, anmutigen Narwale und Dickschnabellummen auf, allerdings besitzt „Königreich Arktis“ eher den leicht ungestüm wirkenden Charme einer Entertainment-Doku, die mehr auf Unterhaltung als auf sachliche Informationen setzt. So betitelt der deutsche Verleih den Film als „die erste Naturdoku für Kinder“, vor allem deshalb, weil im Film zwei jugendliche Stimmen die Erzähler sprechen (im Original: Queen Latifah). Darüber hinaus sorgen amerikanische Folk- und Rocksongs für stimmungsvolle Feelgood-Momente, in denen die Tiere auf dem Eis Pirouetten drehen oder Wettrennen veranstalten. Albern wird es dagegen, wenn die Walrosshorde nach einem ausgedehnten Muschelessen auf sonnigen Felsen lümmelt und angeblich um die Wette furzt, so laut, dass es von der Leinwand knattert.

Dennoch kann der Film, für den die Regisseure 15 Jahre lang Material in der Arktis sammelten, als beeindrucksvolle Tierbilderschau herhalten, auch wenn einem des Öfteren das Gefühl beschleicht, die Aufnahmen in ähnlicher Form doch schon häufiger im Fernsehen gesehen zu haben. Mit der naiv-menschelnden „Reise der Pinguine“ hat „Königreich Arktis“ nur wenig gemeinsam, denn hier steht eine größere Auswahl von Arktisbewohnern im Mittelpunkt, die alle die globale Klimaerwärmung fürchten – und dem Zuschauer warnend in die Kameralinse blicken.

David Siems

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Vor allem drei Betrachtungen sind an diesem Film bemerkenswert. Erstens dauert es Jahre, die außergewöhnliche Naturlandschaft der Arktis filmisch in den Griff zu bekommen; die Jahreszeiten abzuwarten; die Schneestürme zu erfassen; die Unterwasseraufnahmen zustande zu bringen; die Eisbären, die Seehunde, die Narwale oder die Polarfüchse zu beobachten; die nötige Geduld zu haben; die Strapazen auf sich zu nehmen; in der verlorenen Einsamkeit ein Team zu bilden, das trotz aller Schwierigkeiten das einmal gesteckte Ziel verfolgt.

Zweitens haben sich die Autoren eine Geschichte als Filmhandlung zurechtgezimmert: die des Eisbärenjungen Nanu, der, im Winter auf die Welt gekommen, im Frühjahr aus der Schneehöhle schlüpfen und die Welt erkunden kann; der drei Jahre lang der Führung durch seine Mutter bedarf; der seinen Zwillingsbruder wegen Hunger und Erschöpfung verliert; der schließlich seine Existenz allein sichern muss; der, als er groß ist, selbst dafür sorgt, dass wieder ein Junges zur Welt kommt und so der ewige Kreislauf sich fortsetzt.

Und die der jungen Seela, einer kleinen Seekuh, die zu Beginn ihres Lebens von der Mutter und einer „Tante“ beschützt wird; die lernen muss, sich vor den Eisbären zu hüten; die wegen Eismangels mit ihrer Herde Hunderte von Kilometern schwimmen muss und dabei fast verloren geht; die nach entsprechender Zeit ebenfalls dafür sorgen wird, dass ihre Gattung nicht ausstirbt.

Drittens entlässt der von der National Geographic Society unterstützte Film den Zuschauer nicht, ohne auf die unabwendbaren Folgen der Erderwärmung, das mögliche Schmelzen des Polareises, die damit zusammenhängende Überschwemmungsgefahr, alle anderen Konsequenzen der Klimakatastrophe und das mögliche Aussterben der arktischen Tierarten warnend hinzuweisen. Die Botschaft ist unüberhörbar und stellt wohl einen der Zwecke dieses Films dar.

Der ist als solcher künstlerisch eher brav zusammengestellt und wirkt zuweilen ganz schön konstruiert. Immerhin besitzt er schöne Naturaufnahmen und wirkt im Gegensatz zu vielen vergleichbaren neutralen Fernsehdokumentationen durch sein ernsthaftes und dringendes Anliegen. Für Liebhaber.

Thomas Engel