Kolyma

Die Reise durch Sibirien auf der „Straße der Knochen“ ist ein absurd schräger Trip, eine Art Tour de Farce. Mit seinem sehr eigentümlichen, bärbeißigen Humor erzählt Stanislaw Mucha in seiner Filmcollage von den merkwürdigen Leuten, die dort leben, wo bis in die 80er Jahre sowjetische Straflager waren. Der ironische, beinahe spröde Film bietet sicherlich keine massenkompatible Kinokost: nichts für den schnellen Konsum, eher was zum Nachdenken und zum Staunen, manchmal zum ungläubigen Lachen – ein kunstvolles, manchmal rätselhaftes Dokument über Menschen am Ende der Welt.

Webseite: kolyma.wflim.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2017
Buch, Regie: Stanislaw Mucha
85 Minuten
OmU (russisch, deutsch)
Verleih: W-film
Kinostart: 21. Juni 2018

FILMKRITIK:

„Man darf nichts zu verlieren haben, um heute hier leben zu wollen.“ So lautet das Motto über diesem Film, in dem Lachen und Verzweiflung dicht beieinanderliegen. Die „Straße der Knochen“, so genannt nach den sibirischen Zwangsarbeitern, die hier ums Leben kamen oder ermordet wurden, ist auch im modernen Russland eine vergessene Region. Der Sommer ist kurz, der Winter lang – sehr lang – und die Menschen, die sich der Kamera stellen, sind manchmal vielleicht einfach froh, dass sich jemand mit ihnen unterhält. Die Landschaft ist karg, der Permafrost-Boden taut manchmal auf, hier und da liegt Schnee, in der Tundra regnet es häufig, nur selten ist mal die Sonne zu sehen. Die Fahrt beginnt in der Hafenstadt Magadan, einem gottverlassenen Nest, inzwischen Hauptstadt der Region. Links und rechts der Straße sind die Spuren der Sowjetherrschaft zu sehen: die Ruinen der Arbeitslager, verlassene Minen, halb fertige Wohnhäuser. Doch im Mittelpunkt stehen die Menschen, die hier leben. Manche sind hier gestrandet, einige kamen als Flüchtlinge, andere waren Häftlinge, nur wenige haben ihre Wurzeln hier. „Ihr fahrt über einen Friedhof, vergesst das nicht“, sagt der alte Mann, der vielleicht ein Ex-Häftling ist. Früher war Kolyma ein Synonym für den Gulag, für das unmenschliche System der so genannten „Besserungslager“, die als sowjetische Tradition von den Zaren übernommen wurden und bis Ende der 80er Jahre in Betrieb waren. Hunderttausende von Menschen wurden hierher verbannt, viele aus politischen oder religiösen Gründen, aber auch Schwerkriminelle sowie straffällig gewordene Menschen, die je nach Auffassung des jeweiligen Regimes als „sozial schädlich“ galten. Das konnten Adlige sein, aber auch Geschäftsleute. Als Häftlinge leisteten sie Zwangsarbeit, arbeiteten unter elenden Bedingungen in Goldminen oder im Uranabbau, ohne Strahlenschutz. So wird die Fahrt über 2000 Kilometer entlang dem Kolyma zur Reise in die Vergangenheit.
 
Ähnlich wie in seiner Schwarzmeer-Reise „Tristia“ hat Stanislaw Mucha wieder ein Roadmovie als Filmcollage gedreht. Die Kamera bleibt meist statisch, was ganz gut ist, denn das, was zu sehen ist, muss manchmal erstmal sacken. Die Gesprächspartner, die Stanislaw Mucha gefunden hat, sind eine Auswahl exquisiter Originale, lauter schräge Typen. Da gibt es einen Hobbyphysiker, der seinen Vater mithilfe von Strom verjüngen möchte – das sollte man übrigens keinesfalls versuchen nachzumachen. Eisangler sind zu sehen, Goldgräber mit selbstgebauten Werkzeugen, ein Mann, der ein privates Straflagermuseum aufgebaut hat, Flüchtlinge aus der Ukraine, ein ehemaliger Schwerverbrecher und Zwangsarbeiter, ein zorniger Ex-Soldat lässt sich nur durch Akkordeonklänge beruhigen … Dazu liefert Stanislaw Mucha originelle Bilder aus dem sibirischen Alltag: tiefgekühlte Pferdeköpfe auf dem Markt, Kunst aus Eis, wovon es hier reichlich gibt. Alles ohne Kommentar und Erklärungen, was manchmal etwas verwirrend wirkt, zumal die Chronologie ganz collagetypisch im Hintergrund bleibt. Unterbrochen werden die Interviews von beinahe bizarren Hobby-Kulturpräsentationen. Häufig sind es Kindertanzgruppen, die – ganz im Stil der Ex-Sowjetunion – Tänze und Songs zeigen. Diese skurrilen Revuenummern, gleichzeitig rührend und komisch, tragen ein bisschen Leichtigkeit in den Film, der im Grunde vom Leben mit einer traurigen Vergangenheit handelt, vom Wissen darüber, was Menschen hier anderen Menschen angetan haben. Am Ende gibt es dazu ein interessantes Statement, und vielleicht war die gesamte Reise von 2025 Kilometern bis Jakutsk nur die Vorbereitung für den Schluss. Wie stark strahlt das Leid über dem Land auf die folgenden Generationen ab?
 
Aber sogar in Sibirien ist die neue Zeit eingezogen: Die fröhliche junge Frau am Hot Dog-Stand kann mit dem Begriff „Gulag“ gar nichts mehr anfangen. Sie versteht „Gulasch“.
 
Gaby Sikorski