Kommen Rührgeräte in den Himmel?

Der kultige DDR-Küchenmixer„RG28“ bildet den Ausgangspunkt für die Reise einer Thüringer Studentin zu den Menschen, die in einem DDR-Elektrogerätewerk einst die zuverlässigsten technischen Geräte des Landes produzierten. Ausgehend davon, wirft der Film allgemeine Frage auf, die unserem verschwenderischen Konsumverhalten auf den Grund gehen. „Kommt das Rührgerät in den Himmel“ ist eine aufwendig recherchierte, charmante Doku mit vielen unterschiedlichen Sichtweisen und Erklärungsversuchen. Im Zentrum stehen Aspekte von gesellschaftlicher Bedeutung, die jeden betreffen.

Webseite: www.gmfilms.de

Deutschland 2015
Regie: Reinhard Günzler
Drehbuch: Reinhard Günzler
Darsteller: Laura Palacios, Bernd Kellner, Adelheid Angrik,
Werner Triebel, Irmgard Weinberger, Rainer Chejlawa
Länge: 94 Minuten
Verleih: Gmfilms
Kinostart: 29. September 2016

FILMKRITIK:

Eines Tages gibt der neue Mixer der Studentin Carmen (Laura Palacios) den Geist auf, sie findet auf einem Flohmarkt aber zufällig Ersatz: den „RG28“, ein orangefarbener DDR-Kult-Mixer. Fasziniert davon, dass dieser noch funktioniert, begibt sie sich auf die Suche nach den Menschen die das Modell einst bauten: in die Stadt Suhl, in der im ansässigen Elektrogerätewerk einst technische Gegenstände für die ganze DDR hergestellt wurden. Bald kommen ihr noch ganz andere Fragen, die das Verhältnis zu den von uns geschaffenen Erzeugnissen betreffen: In welchem Verhältnis stehen wir zu unseren Produkten und wie hat sich dieses verändert? Wie kommt es, dass wir uns heute alle paar Jahre ein neues Smartphone kaufen, während wir früher jahrzehntelang mit ein und demselben Gegenstand auskamen? Gespräche mit Ökonomen, Psychologen und Historikern, sollen dies klären.

Unserer Wegwerfmentalität und verschwenderischen Gesellschaft versucht Regisseur und Autor Reinhard Günzler mit seiner Dokumentation auf den Grund zu gehen. Als Aufhänger benutzt er die fiktive Geschichte der Studentin Carmen, die von der Theaterschauspielerin Laura Palacios verkörpert wird. Alles andere als fiktiv ist die Erfolgsgeschichte eines der langlebigsten Küchengeräte der DDR: des Mixers „RG28“, der bis 1993 in Suhl produziert und bis heute in vielen ostdeutschen Küchen nicht durch ein moderneres Gerät ausgetaucht wurde.

Auf sympathische, charmante Art und Weise, versucht der Film herauszufinden, woran es liegt, dass sich unser Konsumverhalten ebenso wie die heutige Haltbarkeit vieler (technischer) Gegenstände, so sehr geändert haben. Das beginnt schon mit dem liebenswerten Aufhänger des Films, in dem sich eine wissbegierige Studentin, die eigentlich nur einen Kuchen für ihre neue Liebe backen wollte, Antworten auf diese wichtigen gesellschaftlichen Fragen finden will. So zeugen z.B. schon der Einstieg sowie den Spielszenen im Film von  Kreativität und Einfallsreichtum, schließlich hätte man auch allzu trocken und rein informativ – und damit weniger spielerischer – in diesen Film starten können.

Der erste Teil des Films spürt der Geschichte des Elektrogerätewerks Suhl nach, ebenso wie den Menschen, die u.a. für die Produktion des „RG28“ zuständig waren. Die Gespräche mit ehemaligen Technikern und Montiererinnen machen klar, wie eng die Bindung der Menschen zu den robusten, verlässlichen Geräten damals war. Dies bestätigen auch die Umfragen mit Suhler Bürgern, die heute noch von der Langlebigkeit des Produkts schwärmen. Ein ehemaliger Vertriebsleiter bringt es auf den Punkt: „Das Ding sollte rühren und mixen, mehr nicht. Der Gebrauchswert stand im Vordergrund.“ 

Ihre weiteren Recherchen führen Carmen u.a. ins Staatsarchiv Suhl, zu Sammlern alter  technischer Geräte der DDR, Historikern, Wirtschaftsprofessoren, in eine Töpferei sowie ins Leipziger Grassi Museum. Dort spricht sie mit einem Kulturjournalisten, der erklärt, dass die Menschen in der DDR eine engere Bindung zu den von ihnen erzeugten Produkten hatten, als die Verbraucher der westlichen Warenkultur. Woran dies lag, erklärt u.a. ein Professor für Designtheorie, ein weiterer befragter Experte.
Es ist vor allem jene Fülle an unterschiedlichen Sichtweisen, Interviewten und aufgesuchten Drehorten, die den Film so bunt und vielseitig machen. Schnell wird klar, dass ein Wirtschaftssystem wie das der DDR, die zentralisierte Planwirtschaft, heute nicht mehr bestehen könnte. Ging es damals noch rein um Funktionalität, stehen beim Erwerb neuer Produkte heute vielmehr Innovation, Statussymbol und technischer Fortschritt im Mittelpunkt.  An einer Stelle des Films stellt ein ehemaliger Mitarbeiter des Suhler Werks die rhetorische Frage: „Wenn alle Geräte heute ewig halten würden, woher soll dann das Wirtschaftswachstum kommen?“. Auch wieder wahr.

Björn Schneider