Krautrock 1

Etwas despektierlich mutet die Bezeichnung Krautrock zwar an, doch für Musikexperten ist mit diesem Begriff eine der einflussreichsten musikalischen Strömungen verbunden, die Deutschland hervorgebracht hat. In ihrer Dokumentation „Krautrock 1“ führt das Regie-Duo Adele Schmidt und José Zegarra Holder mit einem reichen Fundus an Archivmaterial und Interviews in die Materie ein.

Webseiten: www.filmkinotext.de & www.progdocs.com

Dokumentation
Romantic Warriors IV: Krautrock (Part I)
USA 2019
Regie & Buch: Adele Schmidt & José Zegarra Holder
Länge: 129 Minuten
Verleih:  Film Kino Text
Kinostart: 12. März 2020

FILMKRITIK:

Seit gut zehn Jahren arbeitet das Regie-Duo Adele Schmidt und José Zegarra Holder an einer Reihe von Dokumentationen mit dem Titel „Romantic Warriors.“ Thema sind stets genau abgegrenzte Musikrichtungen, deren Geschichte und vor allem Einflüsse penibel nachgezeichnet wird. Um amerikanischen Progressive Rock ging es da, oder um die so genannte RIO-Bewegung, Rock in Opposition. Mit „Krautrock 1“ legt das Duo nun den ersten einer auf drei Teile angelegten Reihe über die schon dem Namen nach deutscheste aller Musikrichtungen vor. 
 
Die nach dem besonders in England einst gebräuchlichen Slang-Ausdruck für Deutsche – Kraut – benannte Stilrichtung entstand Ende der 60er Jahre am Rhein in Köln. Dort arbeitete und unterrichtete in den 60er Jahren Karlheinz Stockhausen, dessen frühes Experiment in elektronischer Musik „Gesang der Jünglinge“, den in klassischer Musik ausgebildeten Irmin Schmidt so beeindruckte, dass er bei Stockhausen studieren wollte. Zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Holger Czukay formte er 1968 schließlich Can, den Anfang des Krautrocks und auch der Anfang der Dokumentation.
 
So penibel, wie sie auch in früheren Filmen jeweils einen Bereich der Musik beschrieben, arbeiten Schmidt und Zegarra Holder sich auch durch die reiche Geschichte des Krautrocks, stringent, schnörkellos, ohne jedes filmische oder narrative Mätzchen. Man mag es asketisch finden, nichts weiter zu sehen als Musiker, die über ihre Karriere berichten, dazu Ausschnitte von frühen Proben, ersten Konzerten, vereinzelten aktuellen Aufnahmen von Studios und anderen Orten an denen Musikgeschichte geschrieben wurde. Vor allem ist es aber angenehm unprätentiös einfach nur dem gewählten Thema zu vertrauen und die Künstler und ihre Musik für sich stehen und sprechen zu lassen.
 
Nach Can geht es mit Floh de Cologne weiter, eine Gruppe, die im Gegensatz zu anderen Bands nicht aus Musikern bestand, sondern aus Schauspielern, die Musik spielten, bevor es zu der international wohl bekanntesten und auch einflussreichsten Band der Szene geht: Kraftwerk. Mit Konzept-Alben wie „Autobahn“ oder „Die Mensch-Maschine“ beeinflussten das Quartett aus Düsseldorf praktisch alle elektronische Musik, die folgte und wurde dementsprechend einmal von der New York Times als „Beatles der elektronischen Musik“ bezeichnet.
 
Was folgt sind Würdigungen von Gruppen wie Neu!, La Düsseldorf oder Faust aber auch des einflussreichen Sounddesigners Conny Plank. Wenn schließlich die enorm dichten und informativen zwei Stunden von „Krautrock 1“ zu Ende sind, ist die Reise noch nicht zu Ende. In den beiden weiteren Teile der Reihe, die ebenfalls bald ins Kino kommen sollen, stehen nach den Bands aus dem Rheinland, die Gruppen aus dem süddeutschen Raum wie Amon Düll und Embryo, bzw. der Berliner Szene im Mittelpunkt. Angesichts des enormen Reichtums an Bildern und Tönen, die Adele Schmidt und José Zegarra Holder schon in diesem ersten Teil zusammengetragen haben, darf man auf diese Fortsetzungen mehr als gespannt sein.
 
Michael Meyns