Kroos

Der Dokumentarfilm über den Fußballstar ist Toni Kroos in vielem recht ähnlich: Scheinbar unspektakulär, aber mit viel Raffinesse, Begeisterung für den Sport und Liebe zum Detail porträtiert Manfred Oldenburg das Leben und die bisherige Karriere des zurückhaltenden Norddeutschen. Für Fußballfans ist der unterhaltsame Film auch deshalb unverzichtbar, weil Trainer, Spieler und Journalisten zu Wort kommen, die sich problemlos als Ikonen bezeichnen lassen: Pep Guardiola, Zinédine Zidane, Luka Modrić, Sergio Ramos, Matthias Sammer, Marcel Reif …

Webseite: www.kroos-derfilm.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2019
Regie: Manfred Oldenburg
Kamera: Johannes Imdahl
mit: Zinédine Zidane, Pep Guardiola, Jupp Heynckes, Uli Hoeneß, Florentino Pérez, Robbie Williams, Wolfram Eilenberger, Marcel Reif, Matthias Sammer, Sergio Ramos, Luka Modrić,
Felix Kroos, Jessica Kroos, Roland Kroos, Birgit Kroos u. v. m.
Musik: Gert Wilden jr.
Länge: 113 Minuten
Verleih: NFP, Vertrieb: Filmwelt
Kinostart: 4. Juli 2019

FILMKRITIK:

Toni Kroos putzt seine Schuhe. Nach dem Spiel, wenn der Adrenalinspiegel langsam sinkt, steht er mit den Töppen am Waschbecken und reinigt sie gründlich. Andere Stars von Real Madrid überlassen das dem Zeugwart, oder vielleicht haben sie sogar extra dafür einen persönlichen Schuhputzer eingestellt, aber Toni Kroos putzt sie selbst, wie in einem Ritual. Dann würden sie länger halten, erklärt er, und er wechsele nicht gern die Schuhe. Wie ein roter Faden wird sich diese Einstellung durch den ganzen Film ziehen. Der Pragmatismus, dazu ein leicht spröder Charakter, das zurückhaltende Wesen. Er steht nicht gern im Licht der Öffentlichkeit, macht lieber seinen Job und bleibt ansonsten unauffällig. Die anderen nennen ihn „Ice Man“, ein Spitzname, der in seiner Übertreibung doch liebevoll ist. Er bezieht sich nicht nur auf die Person Toni Kroos, sondern auch auf seine Spielweise, die unspektakulär und gelassen ist, scheinbar emotionslos und hochgradig effektiv. Schon als Kind war er so, damals, als er gemeinsam mit seinem Bruder Felix beim Greifswalder FC zu spielen beginnt. Seit Jahren ist er einer der Stars bei Real Madrid und lebt mit seiner Familie abgeschottet in einer Villa etwas außerhalb der Stadt. Doch Toni Kroos war nicht immer der Liebling der Medien und der Kollegen. Es gab hässliche Kommentare, er wurde für das Scheitern der Nationalelf 2018 verantwortlich gemacht. Doch heute überschlagen sich die Fußballexperten mit ihren Kommentaren zu seinen Fähigkeiten und zu seiner Spielweise: Wolfram Eilenberger nennt ihn ein Genie, Matthias Sammer bezeichnet ihn als „Dirigenten im klassischen Sinne“. Marcel Reif vergleicht ihn mit einem Landvermesser, so ruhig und unbeeindruckt von den Emotionen, die um ihn herumtoben, zieht Toni Kroos auf dem Platz seine Bahnen. Er verteilt Bälle, und seine Passquote liegt bei über 90 Prozent. Die spanische Presse nennt ihn „Kellner“, weil er alle bedient. Trotzdem stehen andere im Mittelpunkt, vor allem die Stürmer, die sich auf ihn verlassen, die Lautsprecher und die Publikumslieblinge, die mit ausgestellten Emotionen auf die ständige Anwesenheit der Kameras reagieren. Jede Bewegung auf dem Platz wird verfolgt, Millionen von Augen sind auf die Spieler gerichtet. Wie geht man mit diesem Druck um? Marcel Reif sagt über das Bernabeu-Stadion: „Da kann man sehr gut verrückt werden … oder scheitern.“ Es scheint, als ob Toni Kroos vollkommen unbeeindruckt bleibt. Und woher er die Ruhe hat? – Nicht einmal seine Familie weiß das.
 
Manfred Oldenburg, unter anderem bekannt für Sportdokumentationen und Politikerporträts, präsentiert die Biographie des Fußballstars mit einiger Raffinesse. Statt sich brav an die Chronologie zu halten, verfolgt er in mehreren Erzählsträngen das Privatleben, die Karriere und die sozialen Aktivitäten des Spielers und versucht dabei, das Phänomen Toni Kroos zu erklären. Dabei sprechen alle anderen mehr als der Porträtierte, der sich sowohl in privaten als auch in Karriere-Fragen zu seiner Person wie gewohnt zurückhält. Felix Kroos, der Bruder, der ihm so ähnlich sieht und gerade mit dem 1. FC Union Berlin aufgestiegen ist, spricht an seiner Stelle, aber auch die Eltern und die Ehefrau Jessica. Ikonen des Fußballsports, große Trainerpersönlichkeiten, wie Pep Guardiola, Zinédine Zidane und Jupp Heynckes, und bekannte Journalisten, Manager und Fußballkollegen sorgen dafür, dass die Sportdoku niemals langweilig wird.
 
Während Toni Kroos auf dem Platz „absolute Kontrolle, absolute Leichtigkeit und absolute Seelenruhe“ verkörpert, ist der Film über ihn deutlich emotionaler als der Porträtierte und hält sowohl visuell als auch inhaltlich eine angenehme Distanz, ohne dabei verklärend zu wirken. Bisweilen bringt der Soundtrack aus Gitarre, Schlagzeug und Piano sogar romantisch verklärende Töne mit ins Spiel. Handwerklich souverän wechselt Manfred Oldenburg oft die Perspektive, behält aber dennoch eine klare dramaturgische Linie bei. Er klopft zunächst den sportlichen Weg des Toni Kroos ab, zeigt ihn von Kindheit an, aufgewachsen in einer Sportlerfamilie, geführt und vielleicht sogar getrieben von einem Vater, der selbst Trainer ist und sein eigenes Leben dem seines begabten Sohns untergeordnet hat. Manfred Oldenburg zeigt den Spieler auf dem Platz, davor und danach – zahlreiche Szenen und Kommentare belegen seine Spielweise, wobei auch Niederlagen ihren Platz haben. Dazu gehört auch der Medienhype, die erwartete Präsenz in der Öffentlichkeit. Und Manfred Oldenburg zeigt, in wenigen, aber deutlichen Bildern, auch den Privatmann Toni Kroos: gemeinsam mit der Ehefrau und den Kindern. Dabei wird alsbald klar, wie wenig Toni Kroos von sich preisgeben möchte. Die Rationalität seines Spiels setzt sich auch außerhalb des Platzes fort. Und wie es wirklich in ihm aussieht, kann man nur vermuten. Er zeigt sich als Wohltäter mit seiner Stiftung für kranke Kinder, aber er erzählt kaum etwas von sich selbst. Das überlässt er anderen. Symptomatisch für seine Persönlichkeit ist das bekannte „Selfie“ aus der Kabine der Nationalmannschaft, dass die Spieler zusammen mit der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten zeigt. Toni Kroos ist zunächst unsichtbar – doch auf einem Foto kann man ihn im Hintergrund entdecken. Er sitzt auf der Kabinenbank und öffnet seine Schuhe. Ganz am Schluss wird die Szene vom Anfang wieder aufgenommen. Toni Kroos putzt seine Töppen – doch diesmal zeigt sich noch ein Detail, das ebenso unauffällig ist wie Toni Kroos auf dem Mannschaftsfoto, das aber viel über seine Persönlichkeit sagt.
 
Gaby Sikorski