Krystal

Als Darsteller gibt William H. Macy gern die klassisch kauzigen Verlierertypen. Mit „Fargo“ brachte er es bin ins Oscar-Rennen – und verlor prompt wieder. Anno 1988 präsentierte er sein Regiedebüt mit einem TV-Film. Die Karriere auf dem Regiestuhl lief höchst gemächlich. Die aktuelle RomCom ist erst sein dritter Spielfilm in 30 Jahren. Die Story klingt konventionell, könnte gleichwohl niedlich ausfallen: Herzkranker Teenager aus gutem Haus verliebt sich gar heftig in eine viel ältere Ex-Prostituierte. Schnell wird klar: Die Probleme des 18-jährigen Lovers wirken winzig im Vergleich zu jenen seines 68-jährigen Regisseurs. Hölzerne Figuren ohne Entwicklung, schwache Darsteller sowie die einfallslose Dramaturgie lassen die Malen-nach-Zahlen-Komödie allenfalls als Trash-Vergnügen durchgehen.

Webseite: www.kinostar.com

USA 2017
Regie: William H. Macy
Darsteller: Nick Robinson, Rosario Dawson, Grant Gustin, William H. Macy
Filmlänge: 93 Minuten
Verleih: Kinostar Filmverleih GmbH
Kinostart: 18. Oktober 2018

FILMKRITIK:

Ich-Erzähler gehören gemeinhin zu den zuverlässigen und schnellen Brückenbauern zum Publikum. Dieser eher schlichte Kunstgriff wird gleich zum Auftakt gründlich verpatzt, quasselt der junge Held den Zuschauern mit langweiligen „Liebes Tagebuch“-Gedanken doch gehörig die Ohren voll. Nach viel Bla-Bla-Ballast endlich der springende Punkt. Der herzkranke Teenie erleidet am Strand einen Schwächeanfall und wird von einer schrillen Lady widerwillig ins Krankenhaus gebracht. Wo ein verpeilter Arzt gelangweilt zu Hilfe eilt. Die Herzrhythmus-Störungen des jungen Patienten sind schnell geheilt, der bloße Anblick seiner knapp bekleideten Retterin Krystal (Rosario Dawson) lässt den Puls von Taylor jedoch heftig ansteigen.
 
Als Weichei hat der schwer verliebte Bubi keine Chance bei der resoluten Ex-Stripperin. Prompt macht Taylor auf Macho. Erzählt bei den Anonymen Alkoholikern protzend von seiner Säuferkarriere oder setzt sich in Ledermontur auf sein frisch gekauftes Moped. Aber Krystal hört nicht die Signale, sie hängt lieber ihrem gewalttätigen Ex-Lover nach. Für den Teenie bleibt nur noch Plan B: Er muss sich mit dem zwei Jahre jüngeren Sohn seiner Angebeteten anfreunden. Der sitzt, nicht lachen, durch die Schuld des fiesen Vaters im Rollstuhl und hadert heftig mit dem Schicksal. Zum Glück ist Taylors kiffender Bruder ein Künstler. Dessen Bilder geben dem Rolli-Fahrer fortan neuen Sinn. Zudem versorgt dessen, nicht lachen, im Endstadium an Krebs erkrankte Galeristin den liebeskranken Teenie mit wertvollen Lebensweisheiten.
 
Irgendwie, irgendwo, irgendwann kommen Taylor und Krystal sich schließlich doch näher. Der Anstandsbesuch bei der Familie des Teenagers endet freilich im Fiasko. Ausgerechnet der ach so religiöse Papa hatte mir der neuen Freundin seines Sohnes bereits ein altes, bezahltes Sex-Vergnügen. Mutti findet die Nutte auf dem Sofa plötzlich wenig sympathisch. Vati sucht Halt an der Whiskey-Flasche (gespielt wird das Paar von Macy und seiner Ehefrau). Für Taylor zählt gleichwohl allein die Liebe.  
 
Treffen Anonyme Alkoholiker, Teenager mit Herzproblemen oder Frauen mit Prostitutions-Hintergrund lassen wenig Kreatives bei einem Drehbuch erhoffen. Gelegenheitsfilmer William H. Macy verheddert sich bei seiner Inszenierung hoffnungslos im Gestrüpp von Klischees und Trivialitäten. Den eindimensionalen Figuren fehlt jede Entwicklung. Selbst den Darstellern steht die Langeweile bei solchen Rollen sichtlich ins Gesicht geschrieben. Ohne Wendungen und Höhepunkte schleppt sich die lahme Story dahin. Zu den verplapperten Dialogen gesellt sich angestrengte Situationskomik und selbst jener schlichte Running Gag mit einem schrulligen Notarzt verpufft bereits beim ersten Einsatz. Ganz zu schweigen von einer, laut Drehbuch vermutlich leidenschaftlichen Liebeserklärung, die wie das Vorlesen eines Telefonbuchs klingt.
 
Als Regisseur hat der oscarnominierte Schauspieler Macy sich und seinen Fans mit dieser Stümper-Komödie keinen Gefallen getan. Knapp 40.000 Dollar Einspiel in den US-Kinos sind die bittere Bilanz. Für sein nächstes Werk möge sich der Maestro gern noch mehr Jahrzehnte Zeit lassen. Bis dahin könnte „Krystal“ als Lehrmaterial für Filmhochschulen dienen. Oder als Trash vielleicht unfreiwillig Kultstatus bekommen.
 
Dieter Oßwald