Kubo: Der tapfere Samurai

Sprechende Fabelwesen, rachsüchtige Geister, allgegenwärtige Ahnen und eine Welt, in der sich die Wege der Lebenden und Toten immer wieder kreuzen – das Szenario von "Kubo – Der tapfere Samurai" erinnert zunächst wenig an das eines Kinder- oder Familienfilms. In Wirklichkeit ist es den Animationskünstlern von Laika ("Coraline", "ParaNorman") aber gelungen, das bislang von Pixar, Disney und Dreamworks besetzte Genre um eine fantasiereiche, wundervolle Facette zu erweitern. Nicht nur entführen sie uns in das geheimnisvolle, feudale Japan – für eine US-Produktion ein doch mehr als ungewöhnliches Szenario -, auch ihr klassischer Stop-Motion-Ansatz, der auf die fernöstliche Origami-Faltkunst anspielt, unterscheidet sich wohltuend vom 3D-Einheitslook anderer Produktion. Ein Glücksfall nicht nur für das Animationskino!

Webseite: www.kubo-film.de

OT: Kubo and the Two Strings
USA 2016
Regie: Travis Knight
Drehbuch: Marc Haimes, Chris Butler
Stimmen: Art Parkinson, Charlize Theron, Ralph Fiennes, Matthew McConaughey, Rooney Mara
Laufzeit: 101 Minuten
Kinostart: 27.10.2016
Verleih: Universal Pictures

FILMKRITIK:

Alles beginnt mit einer flüsternden Erzählstimme, die uns dazu auffordert, ganz genau den Geschehnissen zu folgen. Selbst ein Blinzeln könnte schon zu viel der Ablenkung sein. Wer da zu uns spricht, ist der junge Kubo (Originalstimme: Art Parkinson), der noch als Baby zusammen mit seiner Mutter in einer stürmischen Nacht über das raue Meer vor seinem Großvater, dem mächtigen Mondkönig (im Original: Ralph Fiennes), fliehen musste. Dieser hatte ihm zuvor eines seiner Augen genommen. Hätte Kubos Vater seinerzeit nicht eingegriffen und sein Kind mit dem eigenen Leben verteidigt, wäre der Kleine vermutlich längst erblindet. Die Erinnerungen an die damaligen Ereignisse bleiben Kubo, der seitdem eine Augenklappe trägt, vor allem durch die Warnungen seiner Mutter im Gedächtnis. Heute leben beide ein Einsiedlerleben abseits der Dorfgemeinschaft. Einzig der Junge besucht gelegentlich den Markt, um dort mit seinen Künsten als Shamisen-Spieler etwas Geld zu verdienen. Als er einmal später als üblich nach Hause zurückkehren will, wird er sofort von den auf Rache sinnenden Schwestern (Rooney Mara) seiner Mutter angegriffen.
 
Angesichts dieser düsteren Einleitung fällt es schwer zu glauben, dass sich hinter „Kubo – Der tapfere Samurai“ ein familientaugliches Animationsabenteuer mit viel Witz und einer auch für Kinder interessanten Geschichte verbergen soll. Ebenfalls erstaunlich ist die Herkunft und Entstehung des Films, dessen Optik kaum weiter von den glattgebügelten 3D-Computerwelten aus dem Hause Dreamworks oder Pixar entfernt sein könnte. Denn anders als vielleicht vermutet, entstammt die mittels der klassischen Stop-Motion-Technik entworfene Welt des alten, feudalen Japans nicht der Vorstellung Hayao Miyazakis. Vielmehr geht dieses in sich absolut geschlossene Universum, in dem jederzeit der Respekt für die japanische Kultur und die im Shintoismus zelebrierte Verehrung der Ahnen zu spüren ist, komplett auf das Konto der Trickspezialisten von Laika („Coraline“). Auch die Optik von „Kubo“, welche stark von der japanischen Origami-Faltkunst inspiriert wurde, lässt sich als Verbeugung vor dem fernöstlichen Themen- und Symbolkreis des Films verstehen.
 
Die mit besonderer Sorgfalt choreografierten Martial-Arts-Kampfszenen sind ein weiterer Ausweis für Laikas Liebe zum Detail. Mögen sie für die ganz jungen Kinobesucher zweifellos zu aufregend sein – immerhin treten darin ein riesiger Totenschädel und andere Geistergestalten auf –, virtuos sind sie allemal. Das Autorenduo Marc Haimes und Chris Butler erdachte dazu einen vielschichtigen Plot mit durchaus ernsten Untertönen, der weder auf einer japanischen Vorlage basiert noch eine bloße Kopie bekannter Miyazaki-Ideen darstellt. Verpackung und Inhalt finden sich in „Kubo“ – vor allem in der 3D-Fassung – statt dessen zu einem plastischen, intensiven Seherlebnis zusammen.
 
Wenn Kubo schließlich drei Teile einer magischen Rüstung finden muss und sich hierzu mit einem verwunschenen Käfer (Matthew McConaughey) und einem sprechenden Affen (Charlize Theron) in ein groß(artig)es Abenteuer stürzt, beginnt auch für den Zuschauer eine cineastische Reise voller Emotionen, Komik und Magie. Tatsächlich wachsen einem die animierten Figuren in „Kubo“ mehr ans Herz als die allermeisten Charaktere in den üblichen Oscar-Kandidaten. Seit „Toy Story 2“ hat zudem kein Trickfilm seine genuine Künstlichkeit derart souverän ablegen können. Vergessen sind schon nach wenigen Minuten alle technischen Schranken. Was bleibt, ist Kino in seiner konzentriertesten Form.
 
Marcus Wessel