L.A. Crash

USA 2004
Regie: Paul Haggis
Buch: Paul Haggis und Robert Moresco
Kamera: J. Michael Muro
Schnitt: Hughes Winborne
Musik: Mark Isham
Darsteller: Sandra Bullock, Don Cheadle, Matt Dillon, Brendan Fraser, Jennifer Esposito, Ryan Phillippe, Thandie Newton, William Fichtner
113 Minuten; Format 1: 2,35 (Scope)
Verleih: Universum Film
Kinostart: 4. August 2005

Alltäglicher Rassismus in Los Angeles, der multikulturellen Hochburg Amerikas – kein einfaches Thema, dass sich Paul Haggis, vor allem bekannt als Drehbuchautor von Clint Eastwoods Million Dollar Baby, für sein Regiedebüt ausgesucht hat. Doch dank eines vielschichtigen Drehbuchs und eines brillanten Darstellerensemble gelingt ihm ein exzellenter, komplexer Film, der in Amerika zu den großen Überraschungserfolgen des bisherigen Kinojahres zählt.

Die Qualität des Films ist umso bemerkenswerter, hält man sich vor Augen, dass Haggis die denkbar schwierigste Herangehensweise an sein Sujet gewählt hat. Keine der zahlreichen Figuren, deren Schicksale mehr oder wenige lose miteinander verbunden sind, ist ein Klischee. Keine Figur ist ein vollkommener und somit offensichtlich verachtenswerter Rassist, aber auch unglaubwürdig idealistische Weltverbesserer findet man nicht. In einem Film der eine Welt zeigt, in der Menschen allein wegen ihrer Hautfarbe getötet werden, vermeidet Haggis jede schwarz-weiß Zeichnung und zeigt statt dessen vielfältigste Schattierungen von Grau. Die weiße Jean Cabot (Sandra Bullock) etwa reflektiert über die unterschwelligen Vorurteile gegenüber schwarzen Männern und das Problem sich in einer von politischer Korrektheit geradezu besessenen Gesellschaft angemessen zu verhalten. Einen Moment später stehlen zwei Schwarze ihr das Auto, auch wenn sie kurz zuvor noch über die diskriminierende Behandlung gesprochen haben, die ihnen von der dominierenden weißen Bevölkerung entgegenschlägt und in der schwarze Männer in erster Linie als Gangster wahrgenommen werden. In einer anderen Szene spricht der Staatsanwalt Flanagan (William Fichtner) die Tatsache an, dass die schwarze Bevölkerung überproportional viele Straftaten begeht, einen Moment später sieht man willkürliche Polizeikontrollen und offensichtlichen Rassismus.

Immer wieder zeigt Haggis, welche große Rolle Vorurteile bei der Wahrnehmung anderer Ethnien spielen, wie schwer es ist, vollkommen unvoreingenommen zu handeln, zumal wenn man dann Vorurteile bestätigt sieht und diese von einem Individuum auf die Ethnie als Ganzes überträgt. Ein persischer Ladenbesitzer wird da automatisch zum potentiell verdächtigen Araber, aber auch der Perser selbst hegt Vorurteile gegen einen hispanischen Schlosser, der mit seinen Tattoos und rasierten Haaren dem Klischee eines Bandenmitglieds entspricht.

Es ist eine schwierige Gradwanderung, die meistens – wenn auch nicht immer – gelingt. Mitunter geht Haggis in seinem Bemühen, zu erklären wie rassistische Ansichten entstehen und aus bisweilen nachvollziehbaren Erfahrungen resultieren, zu weit. Wenn etwa ein von Matt Dillon gespielter Polizist eine schwarze Frau aus einem brennenden Autowrack zieht, die er zu Beginn des Films, während einer nicht gerechtfertigten Fahrzeugkontrolle, noch unsittlich berührt hatte, spürt man allzu sehr den Versuch zu zeigen, dass auch ein latent rassistischer Mensch positive Eigenschaften haben kann. Doch solche übermäßig konstruierten Momente sind rar, dass Verhältnis von starken und schwachen Szenen – letztendlich immer der Qualitätsmaßstab für Episodenfilme – ist hoch, auch wenn Crash nicht die Brillanz von Meisterwerken des Genres wie Short Cuts oder Magnolia erreicht. Dennoch, trotz mancher misslungener Szene (und einer etwas aufdringlichen, unnötig sentimentalen Musik) ist Crash einer der überraschendsten amerikanischen Filme der jüngeren Vergangenheit.

Michael Meyns