La Misma Luna

Gerade erst brachte Senator „Crossing Over“ ins Kino, da startet schon der nächste Film, der sich mit mexikanischen Immigranten in Los Angeles beschäftigt. Mit seiner episodischen Erzählstruktur wirkt Patricia Riggens Film wie eine jener kitschigen, pathetischen mexikanischen Soap Operas, die mit absurden Wendungen einen vollkommen vorhersehbaren Ausgang endlos hinauszögert. Politisch korrektes Kino von der Stange.

Webseite: www.senator.de

Regie: Patricia Riggen
Buch: Ligiah Villalobos
Kamera: Checco Varese
Schnitt: Aleshka Ferrero
Musik: Carlo Siliotto
Darsteller: Adrian Alonso, Kate del Castillo, Eugenio Derbez, Maya Zapata, Carmen Salinas, Maria Rojo
Mexiko/ USA 2006, 111 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: Senator
Kinostart: 9. Juli
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Jeden Sonntag um zehn Uhr ruft Rosario ihren neunjährigen Sohn Carlitos an. Seit vier Jahren ist dies der einzige Kontakt zwischen Mutter und Sohn, abgesehen von den regelmäßigen Checks, die Rosario nach Hause schickt. Sie lebt in Los Angeles, ihr Sohn in Mexiko, getrennt durch die Grenze, die tägliche tausende Mexikaner in Richtung Amerika überqueren. Auch Rosario hat gehofft, in Amerika ihr Glück zu finden, eingebürgert zu werden und dann ihren Sohn nachholen zu können. Doch die Realität sieht anders aus. Mit zwei Jobs als Putzfrau hält sie sich gerade so über Wasser, schickt dennoch regelmäßig Geld an ihre alternde Mutter, die auf Carlito aufpasst. Als die Großmutter stirbt, beschließt Carlito auf eigene Faust nach Amerika, zu seiner Mutter zu fahren. Es ist Dienstag früh, am Sonntag wird seine Mutter ihn wieder anrufen und damit sie sich keine Sorgen macht, will Carlito vorher da sein.

Man muss kein Soap Opera Experte sein, um nach fünf Minuten zu wissen, wie dieser melodramatische Film enden wird. Allzu konventionell und vorhersehbar entwickelt sich das Drehbuch Ligiah Villalobos, die, wenig überraschend, bislang vor allem fürs Fernsehen gearbeitet hat. Wenn da erwähnt wird, dass Carlitos entfremdeter Vater in Tucson lebt, dann bekommt Carlito auf seiner Odyssee durch Amerika natürlich einen Lift, der ihn genau in Tucson absetzt. Eine Episode mit dem Vater folgt, dann geht die Reise weiter, die nächste Etappe auf dem Weg zur Vereinigung von Mutter und Kind. Um Authentizität oder Glaubwürdigkeit scheren sich die Macher dabei in keinem Moment. Immer wenn Carlitos auf seiner Reise ein neues Hindernis vor sich sieht, begegnet er einer guten Seele, die ihm weiterhilft. Bezeichnenderweise ist das allerdings nie ein weißer Amerikaner, die durchweg negativ gezeichnet werden. Sobald ein Polizist oder ein anderer Uniformierter zu sehen sind, schwillt die ohnehin unsubtile Musik bedrohlich an, von differenzierter Analyse der verzwickten Situation keine Spur. Selbst der ähnlich gelagerte „Crossing Over“ vermochte es bei allen Schwächen zumindest ansatzweise, die Komplexität der Einwanderung nach Amerika darzustellen, die einerseits verachtet werden, andererseits existenziell notwendiger Teil der Wirtschaft sind. „La Misma Luna“ dagegen beschränkt sich auf das durchspielen plakativer Situationen, die nicht mehr tun, als das absolut unvermeidliche Ende immer wieder hinauszuzögern. Allein der enorm sympathische Hauptdarsteller Adrian Alonso sorgt mit seiner ungekünstelten Art, die niemals altklug oder aufgesetzt wirkt, für genuin überzeugende Momente.

Michael Meyns

Sie leben “unter dem gleichen Mond”, aber die Mutter, die Mexikanerin Rosario, in Los Angeles, um Geld zu verdienen, und ihr Junge Carlitos bei der Großmutter in Mexiko. Der Trennungsschmerz ist groß. Jeden Sonntag um 10 Uhr ruft Rosario von einer öffentlichen Telefonzelle aus, deren Standort sie Carlitos genau beschrieben hat, ihren Buben an. Meistens geht es nicht ohne Tränen ab. Schon vier Jahre arbeitet Rosario in L. A., ein Ende ist nicht abzusehen.

Die Großmutter, die leidend war, stirbt. Carlitos lässt durch die Vermittlung der Menschenschieberin Doña Carmen „Babyschmugglern“ sein Erspartes zukommen und schafft es so über die Grenze. Allerdings nicht weiter. Auf welche Weise soll er jetzt nach L.A. kommen?

Obwohl noch ein Kind, arbeitet er kurz auf einer Gemüseplantage – bis durch eine Razzia die illegalen Arbeiter aufgestöbert werden. Carlitos entkommt – und auch Enrique, ein aufbrausender rabiater Einzelgänger. Die beiden, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sollen nun ihren Weg gemeinsam fortsetzen? Schwerlich.

Carlitos fällt beinahe in die Hände eines Rauschgiftsüchtigen, der ihn an einen Zuhälter verkaufen will. In letzter Sekunde wird er gerettet.

Schließlich schlagen sich Enrique und Carlitos, nachdem sie sich in einem Restaurant etwas Geld verdient haben, doch gemeinsam im Bus nach L. A. durch. Später wird Enrique sich sogar für den Buben opfern.

Rosario, jetzt ab und zu arbeitslos, hat die Wahl: entweder in den USA einen von ihr nicht wirklich geliebten Mann zu heiraten, um die richtigen amerikanischen Papiere zu bekommen, oder endlich zu ihrem Sohn nach Mexiko zurückzukehren. Hin- und hergerissen fühlt sie sich. Sie erfährt durch Doña Carmen, dass Carlitos auf und davon ist. Aber wohin?

Als sie bereits den Rückweg angetreten hat, kommt ihr der Gedanke, dass Carlitos sich vielleicht nach L. A. durchgeschlagen hat. Da könnte die frühere Beschreibung des Standortes ihrer Telefonzelle zu etwas gut gewesen sein.

Dass ärmere Mexikaner sich in den reichen Vereinigten Staaten ein besseres Leben verschaffen wollen, ist bekannt. Ebenso, dass damit unendlich viele Schicksale und Probleme verbunden sind. In den vorlegenden Film wurden wie zur Manifestation an die Adresse aller die typischen Schwierigkeiten und Vorkommnisse vollständig hineingepackt: die schmerzliche Trennung; die sprachlichen Hindernisse; die Flucht; die Verfolgung an der Grenze; die Razzien auf der Suche nach Illegalen; das Risiko, sich Menschenschmugglern anzuvertrauen; die Gefahr durch Gangster; die Tatsache, in den USA als Illegaler um den Verdienst betrogen zu werden; das Verlorensein im fremden Land; das Heimweh; die naheliegende Möglichkeit, aus der Not heraus falsche menschliche Bindungen einzugehen; das Ringen um den richtigen Entschluss und vieles andere mehr.

Das – übrigens mit viel mexikanischer Folklore-Musik ausgestattete – Drama ist so etwas wie eine Zurschaustellung alles dessen, was im Argen liegt. Der Film ist sentimental im guten Sinne, konstruiert, etwas zu gewollt und dick aufgetragen, aber brauchbar und eben in vielem wirklichkeitsnah – als Möglichkeit allgemeiner Bewusstwerdung durchaus des Anschauens wert. Zudem sind die Darsteller des Carlitos, der Rosario und des Enrique erste Klasse.

Ein mexikanisches Drama – und geradezu ein Lehrbeispiel.

Thomas Engel