La Vérité – Leben und lügen lassen

Ein Japaner in Paris: Hirokazu Kore-eda hatte bislang in seiner Heimat gedreht. Jetzt ist er nach Frankreich gegangen und hat mit Catherine Deneuve den größten französischen Filmstar verpflichtet. Ihre Rolle? Eine französische Filmdiva, die anlässlich ihrer soeben veröffentlichen Memoiren Besuch von ihrer Tochter – Juliette Binoche! – aus New York erhält. Und die kommt nicht, um zu gratulieren, sondern um die Fakten im Buch zu checken. Angenehm dahinfließende Komödie um Familien, Generationskonflikte, Älterwerden und die eigene Vergangenheit, damit verbunden Lügen und Geheimnisse. Und ganz nebenbei geht es auch ums Filmemachen, in Paris, der Hauptstadt der Cinephilie.

Webseite: la-verite-derfilm.de

Frankreich/Japan 2019
Regie: Hirokazu Kore-eda
Darsteller: Catherine Deneuve, Juliette Binoche, Ethan Hawke, Clémentine Grenier, Ludivine Sagnier
Länge: 106 Min.
Verleih: Prokino
Kinostart: 5.3.2020

FILMKRITIK:

Hirokazu Kore-eda ist hierzulande vor allem durch seine Filme „Nobody Knows“, „Like Father, Like Son“ und zuletzt „Shoplifters“ bekannt geworden. Jetzt hat er erstmals im Ausland gedreht, in einer fremden Sprache, nämlich französisch, mit einer französischen Crew. Man ahnt gleich, warum: Mit Catherine Deneuve, Juliette Binoche und Ludivine Sagnier (in einer Nebenrolle) versammelt er gleich drei weibliche Filmstars aus drei Schauspielgenerationen. Da liegt es irgendwie nahe, dass es im Folgenden auch um die Schauspielerei, um das Kino gehen wird.

Deneuve spielt einen französischen Filmstar namens Fabienne Dangeville. Sie ist eine glamouröse Diva, die grünen Tee trinkt, natürlich nicht heiß genug, und fragende Journalisten am langen Arm versauern lässt. Außerhalb von Paris lebt sie in einem schönen Landhaus mit großzügigem Garten, durch den eine große Schildkröte wandert. Anlässlich der Veröffentlichung von Fabiennes Memoiren, kurz „La Verité“, also „Die Wahrheit“, genannt, kommt ihre Tochter Lumir (Juliette Binoche) extra aus New York angereist, im Schlepptau ihren amerikanischen Ehemann Hank (Ethan Hawke), einen Fernseh-Schauspieler, und die gemeinsame Tochter Charlotte (Clémentine Grenier). Die Begrüßung ist kühl, niemandem ist nach Feiern zu Mute, zumal der Anlass – die Veröffentlichung eines Buches – eher gering ist. Lumir ahnt allerdings, dass sie den Inhalt des Buches auf seine Faktentreue hin genau überprüfen muss. Daran, dass ihre Mutter sie stets freudig in den Arm genommen habe und Hand in Hand mit ihr durch den Garten spaziert sei, erinnert sie sich jedenfalls nicht. Die nächsten Tage werden also ungemütlich, zumal Fabienne ihren Mund nicht halten kann. Für ihren Schwiegersohn, diesen zweitklassigen Serienstar, hat sie nur Verachtung übrig – zumal er kein Französisch spricht. Und so kommt es der kleinen Charlotte zu, das Herz der alten Hexe zu erweichen.

Wenn ein französischer Filmstar einen französischen Filmstar spielt, ist hier eine kleine Gefahr verborgen. Geht es hier etwa um Catherine Deneuve? Oder führt diese Idee auf die fasche Fährte? Natürlich ist die Deneuve eine Figur in einem Kore-eda-Film. Und doch spielt sie auch souverän mit ihrer Leinwand-Persona als schwieriger, verletzlicher und ungeduldiger Star. Die Souveränität, mit dem sie dieses Image in den Film einfließen lässt und so einen doppelten Boden in die Erzählung einzieht, ist jedenfalls bewundernswert. Doch zu allererst ist dies ein Film von Hirokazu Kore-eda, mit den Themen, die ihn immer wieder beschäftigen: Generationskonflikte, unvollständige oder durch Traumata gefährdete Familien, Zusammenleben, Älterwerden und Sterben. In „La Verité“ kommt noch die eigene Vergangenheit dazu und wie man auf sie zurückblickt, es geht um Geheimnisse und Lügen. Ein Schatten in der Vergangenheit führt hier dazu, dass sich Mutter und Tochter miteinander auseinandersetzen müssen. Dazu passt es natürlich, dass Fabienne gerade in einem Film mitspielt, bei dem es auch um eine problematische Mutter-Tochter-Beziehung geht. Mit erzählerischer Einfachheit und bewundernswerter Lebensklugheit treibt der Regisseur seine Erzählung ebenso unterhaltsam wie komisch voran. Und Catherine Deneuve ist eine Wucht.

Michael Ranze