La Vie En Rose

Der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale: Herausragend ist in erster Linie die exzellente Leistung der Hauptdarstellerin Marion Cottilard in der Rolle des Spatz von Paris: Edith Piaf.

Webseite: www.piaf.film.de

OT: La Môme
Frankreich 2006
Regie und Buch: Olivier Dahan
Kamera: Tetsuo Nagata
Schnitt: Richard Mrizy
Darsteller: Marion Cottilard, Sylvie Testud, Pascal Greggory, Emmanuelle Seigner, Gerade Depardieu
140 Minuten, Format 1:2,35 (Scope)
Verleih: Constantin
Kinostart: 22. Februar 2007

PRESSESTIMMEN:

Zum Glück ist Olivier Dahans „La vie en rose“ mehr als ein opulent ausgestatteter, mit gut zwei Dutzend Piaf-Klassikern angereicherter Kostümfilm in Cinemascope, mehr auch als die szenische Illustration von Chansons wie „Padam“, „Milord“, „L’hymne à l’amour“, „Mon Dieu“ oder „Je ne regrette rien“.
Marion Cotillard spielt den Spatz von Paris. Die kokette 18-Jährige, die launische 30-Jährige, die verhärmte 47-Jährige, die aussieht wie eine Greisin. Furchtlos wagt Cotillard es, am Mythos Piaf zu kratzen und der Göttin menschliche Züge zu verleihen. Eine Achterbahnfahrt der Temperamente: Mal bockt die Piaf, mal gurrt sie, mal stößt sie alle vor den Kopf, wirft die beste Freundin (Sylvie Testud) im Affekt aus ihrem Leben, ist impulsiv, elegant, ordinär, himmelhochjauchzend, besoffen, allein. Großartig, wie Cotillard jeden Blick, jede Geste in den Dienst dieser Unberechenbarkeit stellt.
Tagesspiegel Berlin

Der gesamte Film ist ein beeindruckendes, zutiefst bewegendes Unterfangen, das elegant durch die unterschiedlichen Lebensphasen des "Spatz von Paris" gleitet, um ein bestechendes Porträt einer vom Leben gezeichneten Frau zu geben. Einzelne Szenen sind regelrecht brillant.
Blickpunkt:Film

 

FILMKRITIK:

Ihre Chansons sind unsterblich. Lieder wie „Milord“, „La Vie en Rose“ und natürlich „Non, je ne regrette rien“ sind auf der ganzen Welt bekannt und beliebt. Dass hinter der glanzvollen Fassade Edith Piafs eine von Schicksalsschlägen gebeutelte Person steckte, blieb lange Jahre verborgen. Ihre Mutter hatte Edith Piaf verlassen, der Vater benutzte sie als Haushälterin, später sang sie auf der Straße, bis sie entdeckt wurde und eine große Karriere begann. Doch Krankheiten, enormer Alkoholkonsum und später Drogensucht, die ihr das Auftreten unmöglich machten. 1963 starb Edith Piaf im Alter von nur 47 Jahren.
Es ist und bleibt das fundamentale Problem von fast jedem Biopic: Ein sich über Jahrzehnte erstreckendes Leben und sei es noch so wechselhaft und aufregend, entwickelt sich in aller Regel nicht den geringsten dramaturgischen Anforderungen eines Spielfilms entsprechend. Manchmal wird das Problem gelöst indem man sich auf einen sehr kurzen Zeitabschnitt beschränkt, meistens jedoch ist das kaum möglich. Dann hangelt sich der Film von einem wichtigen Moment im Leben des Porträtierten zum nächsten, der oft Jahre später liegt und kaum etwas mit der vorhergegangenen Sequenz zu tun hat. Vielleicht war Regisseur und Autor Olivier Dahan dieses Problem bewusst. Anders ist kaum zu erklären, dass er die einzelnen Episoden von Piafs Leben, auf völlig willkürlich anmutende Weise anordnet. Da springt man schnell mal zehn Jahre in die Zukunft, um dann 20 Jahre zurück zu gehen. Kein Wunder also, dass sich keine wirkliche Linie einstellen will, die einzelnen Momente Stückwerk bleiben.
Dass ist umso bedauerlicher als Marion Cottilard eine beeindruckende Darstellung abliefert, auch wenn sie die Lieder der Piaf nicht selber singt. Auch dank einer exzellenten Maske gelingt es ihr den körperlichen Verfall Edith Piafs überzeugend darzustellen, nur leider fehlt es auch hier an Substanz. Als einfache Marker für späteres Verhalten bietet der Film die schwierige Kindheit an, auch die unglückliche Beziehung mit dem verheirateten Profiboxer Marcel Cerdan findet Erwähnung, eine wirkliche emotionale Entwicklung wird durch die sprunghafte Erzählweise jedoch verhindert. Das gilt erst recht für die zahlreichen prominent besetzten Nebenrollen, deren Motivation und Intention völlig im Dunkeln bleibt. Gerard Depardieu etwa taucht auf, entdeckt die auf der Straße singende Piaf, gibt ihr ihren Bühnennamen und ist eine Szene später Tod. Berühmte Bekannte der Piaf wie Yves Montand oder Jacques Cocteau werden beiläufig erwähnt, irgendwann tritt Marlene Dietrich für eine Minute die Leinwand, aber das hat alles keine Bedeutung über einen kurzen Wiedererkennen-Moment hinaus. Dass es sich der Film schließlich nicht nehmen lässt mit der Darbietung von „Non, je ne regrette rien“ zu Enden, muss nicht weiter erwähnt werden. Es ist zu bedauern, dass Olivier Dahan nicht in der Lage war, seiner ausgezeichneten Hauptdarstellerin, der peniblen Ausstattung und Kostümen und vor allem der zeitlosen Musik ein Umfeld zu geben, das mehr ist als das bloße Abhaken von Stationen. Edith Piaf hätte besseres verdient.

Michael Meyns

Obwohl Edith Piaf eine der bedeutendsten französischen Chanson-Sängerinnen war, war es um sie still geworden. Bis Olivier Dahan sie in dreijähriger Arbeit wieder von den Toten auferstehen ließ, und dies in einem Film, der formal Respekt verdient und der dieses Jahr die Berlinale eröffnete.

Dahan, der auch das Drehbuch schrieb, hätte nun linear und chronologisch eine Künstlerbiographie gestalten können mit Höhepunkten um die Piaf auf der Bühne, aber auch Höhepunkte, weil sie Charlie Chaplin, Jean Cocteau, Yves Montand oder Charles Aznavour kannte. Doch das wollte er nicht. Ihm lag erklärtermaßen daran, die private, persönliche, glücklich-unglückliche, nicht vom Scheinwerferlicht ins Übernatürlich- Geschönte, Geblendete gerückte Piaf zu zeigen. Das ist gut gelungen.

Schon als Kind hatte es die Piaf schwer. Zwischen einer verwahrlosten Mutter und einem als billiger Kleinartist in der Welt umherstreunenden Vater wurde sie hin- und hergerissen. Als sie zwischen vier und sieben Jahre alt war, erblindete sie aufgrund einer Augenkrankheit. Zur heiligen Therese von Lisieux gingen die Fürbitten, damit sie wieder sehen könne.

Zeitweise wuchs sie bei der Mutter ihres Vaters auf, die ein Bordell betrieb. Früh riss sie aus, um als Straßensängerin in Paris zu reüssieren. Aber auch da war ihr Leben alles andere als gesichert und glücklich. Sie musste laufend Geld an einen Zuhälter zahlen und kam, als ihr Entdecker Louis Leplée einem Raubmord zum Opfer fiel, unter Tatverdacht.

Später allerdings kam die Zeit der Berühmtheit in Frankreich, der Tourneen nach Amerika, der weltberühmten Erfolge wie „La vie en rose“, „Milord“ oder „Non, je ne regrette rien“.

Das Leben der Piaf war ein ständiges auf und ab: die Höhepunkte auf der Bühne vor Zehntausenden, aber auch die schweren Krankheiten, das Glück mit dem Boxweltmeister Marcel Cerdan, aber auch dessen Tod bei einem Flugzeugabsturz, die ausgelassenen Feiern, aber auch ihre völlig ungezügelte Persönlichkeit, die interessanten Reisen, aber auch der körperliche Ruin durch Alkohol und Drogen.

In durch einen intelligenten Schnitt ineinander gleitenden Passagen, mit einer phänomenalen Ausstattung, in einer diskreten, aber wirkungsvollen Regieleistung und mit ausgesuchten Schauspielern wird dies alles lebendig gemacht.

Marion Cotillard als Edith Piaf bringt von der Maske und der Gestik, von der Piafschen Präsenz und der durchgehend überzeugenden Ausdruckskraft her eine Glanzleistung, der die übrigen Darsteller sich anpassend folgen. Thematisch mag der Film weit hergeholt und ausgefallen sein, künstlerisch ist er mehr als sehenswert.

Thomas Engel