Labor Day

Mit „Labor Day“, einem aufwühlenden Beziehungsdrama und spektakulären Coming-of-Age-Geschichte aus der amerikanischen Provinz, gelingt dem kanadischen Independent-Regisseur Jason Reitman ("Up in the air") ein fesselndes Melodram der leisen Zwischentöne. Konsequent zelebriert der 36jährige Kanadier subtil den Reiz des Unausgesprochenen, die Symbolik von Gesten und Blicken und inszeniert so sensibles Gefühlskino. Vor allem die hervorragende Besetzung mit dem Schauspielerpaar, der Oscar-Preisträgerin Katrin Winslet und Josh Brolin, verleiht seiner ungewöhnlichen Liebesgeschichte zwischen einem entflohenen Häftling und einer geschiedenen Frau die Aura einer empfindsam tragischen Romanze.

Webseite: www.laborday-film.de

USA 2013
Regie: Jason Reitman
Drehbuch: Jason Reitman
Kamera: Eric Steelberg
Länge: 111 Minuten
Darsteller: Kate Winslet, Josh Brolin, Gattlin Griffith, Tobey Maguire, Dylan Minnette, Clark Gregg, James van der Beek, Brooke Smith
Verleih: Paramount Pictures Germany
Kinostart: 8.5.2014

FILMKRITIK:

Ein heißes Sommerwochenende Ende der 1980er Jahre in der amerikanischen Provinz. Seit der Trennung von ihrem Mann lebt Adele Wheeler (Kate Winslet) völlig zurückgezogen. Ihr 13jähriger Sohn Henry (Gattlin Griffith) wohnt bei ihr. Verzweifelt versucht der Junge den einsamen Schmerz seiner Mutter, die kaum mehr das Haus verlässt, zu lindern und die Fassade einer funktionierenden Familie aufrecht zu erhalten. Kurz vor Beginn des neuen Schuljahres kann Henry die scheue, verstörte Frau zu einer ihrer seltenen Einkaufstouren in den Supermarkt überreden.
 
Ein Ausflug, der beider Leben gravierend verändert. Denn ein Fremder (Josh Brolin) spricht Henry dort an. Er verlangt Hilfe. Frank Chambers, ein verletzter Häftling ist auf der Flucht vor der Polizei. Eingeschüchtert nimmt Adele den Entflohenen im Auto mit und fährt ihn zu sich nachhause. Aber nach der ersten Welle von Panik kippt die bedrohliche Situation. Zwischen beiden entwickelt sich eine sehnsüchtige Anziehung. Gemeinsam backen sie einen Pfirsich-Pie nach Franks Rezept. Väterlich gibt der neue Mann seine besten Baseball-Tipps an Henry weiter.
 
Und völlig überraschend entdeckt Adele verloren geglaubte Gefühle und ihre Liebe für das Leben neu. Ihr Sohn freilich ist damit überfordert. Auch wenn er sich seit langem sehnlichst eine Veränderung für seine Mutter wünscht, bleibt er dem Fremden gegenüber misstrauisch. Vor allem nachdem er selbst gerade seine ersten pubertären Erfahrungen mit der Liebe macht. Unerbittlich steht dadurch das zerbrechlich, wagemutig individuelle Glück seiner Mutter, das nichts als sich selber will, auf dem Prüfstand.
 
Doch bis dahin webt der kanadische Independent-Regisseur Jason Reitman für seine fast klassische „Amour Fou“  in der Hitze des Spätsommers Sequenz für Sequenz empfindsame Metaphern von Liebe in betörende Bilder. Streckenweise wirkt seine einfühlsame Adaption des Bestsellers „Der Duft des Sommers“ von Joyce Maynard wie eine Hommage an das Werk des legendären Hollywoodregisseurs Douglas Skirk. Auch in dessen US-amerikanischen Melodramen im üppigen 1950er-Jahresstil kämpft der Einzelne um einen Platz für seine Gefühle.
 
Seine emotional geschilderten Frauenschicksale der so genannten „Women's Pictures“, kurz „Weepies“ genannt, – Filme zum Weinen schön – galten in Hollywoods Blütezeit als das Genre des Frauenfilms. Nun belebt Reitman mit seiner Kunst der Schauspielerführung, jenseits seiner ironischen Brechungen, dieses fast in Vergessenheit geratene Gefühlskino. Freilich fand der Kanadier mit der Oscar Preisträgerin Kate Winslet in der Hauptrolle die ideale Darstellerin. Schließlich sorgte die uneitle Britin nicht umsonst mit „Titanic“ für eine der unsterblichen Liebesgeschichten des Kinos.
 
Reitmans langsames Erzähltempo gibt dem Schauspielerpaar Winslet und Josh Brolin („True Grit“) außerdem Zeit, glaubwürdig mit wenig Worten, sparsamen Gesten und zurückhaltender Mimik, die intensiven Gefühle der beiden Hauptfiguren auszudrücken. Die zahlreichen Rückblenden im Retro-Look erhellen dabei jedoch nicht immer sofort den Hintergrund der Handlung. Besonders, da sein fesselnde Melodram eigentlich aus der Sicht eines Teenagers geschildert wird. Dass die spektakuläre Coming-of-Age-Story deshalb manchmal nicht mehr so sehr im Mittelpunkt steht, tut der dichten Atmosphäre jedoch keinen Abbruch.
 
Luitgard Koch