Lady Chatterley

Kann man D. H. Lawrewnce’ „Lady Chatterley’s Lover“ verfilmen, ohne in die Fallen zu tappen, die eine einseitige Rezeption des Romans als obszönes Werk und eine Soft-Porno-Adaption fürs Kino mit Sylvia Kristel bereithalten? Man kann. Die französische Regisseurin Pascale Ferrand hat das Kunststück vollbracht, aus der Vorlage die Geschichte einer unschuldigen, leidenschaftlichen Liebe zu destillieren und in einen Bilderreigen von verblüffender Sinnlichkeit zu übersetzen. Die brillante Arbeit wurde mit fünf Césars, unter anderem für den besten Film und die beste Hauptdarstellerin, belohnt.

Webseite: www.filmkinotext.de

Frankreich, Belgien 2006
Regie: Pascale Ferran
Buch: Pascale Ferran, Roger Bohbot nach dem Roman von D. H. Lawrence
Darsteller: Marina Hands, Jean Louis Coulloc’h, Hippolyte Girardot
168 Minuten
Verleih: Filmkinotext
Kinostart: Herbst 2007

PRESSESTIMMEN:

Die Regisseurin Pascale Ferran hat den Klassiker als keusche und zugleich tabubrechende Liebesgeschichte verfilmt… Ein grandioser Film über die Liebe… Erstaunlicherweise ist diese "Lady Chatterley" trotz ihrer unbedingten Loyalität zur Vorlage mehr als die kongeniale Verfilmung eines literarischen Klassikers.
Der Spiegel

Eine zärtliche und glaubwürdige Neuverfilmung.
Brigitte

Herausragend. … meisterliche Adaption des Romans von D. H. Lawrence … So genau haben Liebende einander auf der Leinwand lange nicht mehr kennenlernen dürfen.
tip Berlin

Die Liebe leuchtet in Pascale Ferrans gefeierter Literaturverfilmung … Eine Mischung aus Chereaus „Intimacy“ und der klassischen Merchant-Ivory-Produktion ist Pascale Ferran gelungen: ein hinreißender Historienfilm – und ein radikal moderner Beziehungsfilm, der jenseits von Standesgrenzen und Zeitrücksichten zeigt, was für ein Abenteuer die Liebe ist. Immer.
Der Tagesspiegel

Vielleicht liegt das auch am weiblichen Blick – nie voyeuristisch sondern immer von zärtlicher Intimität und gleichzeitig von größtmöglicher Offenheit.
Berliner Zeitung

Der ergreifendste Film des Berlinale Panoramaprogramms, weil er einen ebenso überraschenden wie überzeugenden Weg findet, das Aktuelle im Alten zu entdecken.
Frankfurter Rundschau

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FILMKRITIK:

Man muss sich Zeit nehmen für Lady Constance Chatterley und den Wildhüter Oliver Parkin. Nicht nur weil der Film knapp drei Stunden dauert, sondern weil er einen Gutteil seiner Wirkung aus dem Vergehen der Zeit bezieht. Ferrand erzählt nicht nur langsam, sondern gelegentlich in Echtzeit. Das ist etwa bei einigen der Liebeszenen der Fall, die in der Ausgestaltung und Darstellung ihresgleichen suchen. Die erste Liebesbegegnung des ungleichen Paares verfolgt die Kamera detailliert in all ihrer Unsicherheit und Scheu. Die Kamera ist nah dran, aber kein voyeuristischer, sondern höflicher und zärtlicher Beobachter. Dass die Szene nicht in beliebige Sex-Gefilde abrutscht, verdankt sie der Inszenierung. Denn die Bemühungen der beiden Unbedarften enden kläglich. Das ist so rührend wie nah dran am Leben – und der Beginn einer Education Sentimentale, bei der sechs Liebeszenen die Wegmarken bilden, Begegnungen, in denen Liebenden ihre Körper mehr und mehr in Einklang bringen, in aller Unschuld, mit kleinen Gesten und wohldosierter Nacktheit.

Der Eros in Aktion füllt jedoch nur wenige Minuten. Neben der scheuen Leidenschaft steht die Sehnsucht und das Begehren, und hier kommt wieder die Zeit ins Spiel. Constance spaziert oft durch den Garten, voller Unruhe und mit Herzklopfen, das man ihrem Gang und ihrem Gesichtsausdruck förmlich ansehen kann. Und dem beherrschten Oliver ist während seiner täglichen Arbeit anzumerken, wie seine Gedanken davonfliegen. Die Liebe ist hier oft im Wartestand, anders als in gewöhnlichen Liebesfilmen, die ihre Geschichte zu einer Aneinanderreihung dramatischer Höhepunkte komprimieren. Insofern lässt sich Lady Chatterley als naturalistische Adaption bezeichnen. Zumal bei allem Liebestaumel  der gesellschaftliche Kontext nicht unterschlagen wird. Oliver misstraut Constance lange, von der er durch Klassenschranken getrennt ist. Constance sieht bei aller Unbedingtheit ihres Wollens ein, dass sie Verantwortung für ihren im Rollstuhl sitzenden Mann trägt. Und die gesellschaftliche Unmöglichkeit des ganzen Unternehmens zeigt sich daran, dass die Liebenden nie Pläne schmieden, weil sie keine Pläne schmieden können. Sie machen trotzdem weiter – in einer gelebten Utopie, für die es kein Beispiel und keinen Rahmen gibt. Ferran hat auch diese utopische Dimension eingezogen in ihren Film und der Freiheit und Absolutheit der Liebe durch einen Nackttanz ihrer beiden Helden auf regennasser Wiese Ausdruck verliehen.
Dass der Roman vom Ballast einer festzementierten Rezeption befreit wurde und sehr modern wirkt, verdankt sich sowohl dem Drehbuch als auch den beiden außerordentlichen Hauptdarstellern. Marina Hands verkörpert Sinn und Sinnlichkeit in ihrer ganzen Bandbreite. Jean Louis Coulloc’h wandelt sich vom eher unansehnlichen verschlossenen Klotz zum feinsinnigen Mann, der irgendwann aussieht wie der junge Brando. Ein ganz großes Filmpaar.

Volker Mazassek

P.S.: Bei dieser Version handelt es sich um die deutlich kürzere Kinofassung ("Director’s Cut") des Arte-Fernsehzweiteilers. Diese Kinofassung lief auf den Berliner Filmfestspielen 2006 und erhielt in Frankreich die Cesar-Auszeichnungen.