Landrauschen

Fantasielose Förderbürokraten sowie risikoscheue Fernseh-Redaktionen sind die chronische Crux des deutschen Kinos. Zum Glück sorgt Crow-Funding bisweilen für ein bisschen frischen, frechen Wind. So auch bei dieser Lovestory in Bubenhausen (ja, den Ort gibt es tatsächlich!). Dort mischt die Berlin-Heimkehrerin Toni das Dorfleben in der schwäbischen Provinz gehörig auf. Beim Max Ophüls-Festival von Saarbrücken hat das wilde Werk rigoros abgeräumt – und mehr Preisgelder kassiert, als für die gesamte Produktion ausgegeben wurden! Dank authentischer Figuren, unverkrampfter Spielfreude und  origineller Dialoge dürfte der Ophüls-Hype sich auch im Kinoalltag fortsetzen.

Webseite: www.arsenalfilm.de

D 2018
Regie: Lisa Miller
Darsteller: Kathi Wolf, Nadine Sauter, Heidi Walcher, Volkram Zschiesche, Rupert Markthaler
Filmlänge: 101 Minuten
Verleih: Arsenal Film
Kinostart: Frühjahr 2018

PREISE/AUSZEICHNUNGEN:

Filmfestival Max Ophüls Preis: Bester Spielfilm / Fritz-Raff-Drehbuchpreis / Preis der ökumenischen Jury

FILMKRITIK:

„Zehn U-Bahn-Linien, dazu 152 Bus-Linien. Ein Club für jeden Tag im Jahr. Immer neue Designer-Drogen. Sechs Startups täglich. 3 Millionen Menschen. Unendlich viele Geschlechter und viel Verkehr. Und jetzt habe‘ ich keine Wahl mehr.“ Die Berlin-Bilanz von Toni (Kathi Wolf) fällt nicht besonders brillant aus. „Sobald du stehen bleibst, wirst du überholt!“, vertraut die Heldin sich gleich zum Auftakt dem Publikum an. Mit zwei Hochschulabschlüssen, doch ohne Job und ohne Geld, kehrt die junge Frau zurück in die schwäbische Provinz nach Bubenhausen.
 
Im nahegelegenen Ulm hofft Toni auf eine Stelle als Journalistin. Der schmierige Chefredakteur bietet ihr gönnerhaft jedoch lediglich ein Praktikum im Lokalteil an. Der erste Auftrag: Ein ganzseitiger Lobgesang auf das Treiben am Faschingsdienstag im Dorf. Die kritischen Töne der Reporterin kommen in der Zentrale gar nicht gut an. Prompt bekommt jener überaus ehrgeizige Kollege den Auftrag, aus dem Text vom Vorjahr einen frenetisch feiernden Bericht zusammen zu schustern. Für Frust hat Toni indes gar keine Zeit: Mit der wilden Rosa (Nadine Sauter) findet sie eine Freundin, die ganz neuen Schwung in ihr lahmes Leben bringt. Je intensiver die Beziehung sich entwickelt, desto happiger geraten freilich so manche Probleme. Für die Tratsch-Tanten im Dorf sind Lesben allemal ein gefundenes Fressen beim gemeinsamen Eierlikör-Besäufnis.   
 
Regisseurin und Drehbuchautorin Lisa Miller kennt sich bestens aus mit dem Leben im Dorf, ist sie doch selbst in Bubenhausen aufgewachsen. Damit nicht genug: Die Darsteller sowie das Team stammen gleichfalls aus dem kleinen Kaff. Das ganze Dorf ist hier mit dabei – mehr Authentizität und dokumentarischer Realismus geht also kaum. Lediglich bei den beiden trotteligen Landpolizisten und ihrer leidenschaftlichen Aufklärungsmission könnte ein klein wenig geflunkert worden sein.
 
Man kann dem Filmchen einiges vorwerfen: Von der bisweilen mangelnden Struktur über die manchmal arg holprigen Laiendarsteller bis zum uralten Witz über Helene Fischer. Aber genau das macht eben zugleich seinen entwaffnenden Charme aus: Einfach machen. Einfach lachen. Beim Publikum, das zeigte sich beim Max Ophüls-Festival sehr deutlich, ging diese Formel der Unbekümmertheit bestens auf. Wahrhaftigkeit, Frechheit samt Mut zum Risiko lässt die weichgespülten, blassen Dramen der Förderbürokatie ziemlich alt aussehen.
 
Dieter Oßwald