Lassie – Eine abenteuerliche Reise

15 Jahre nach der letzten „Lassie“-Adaption wagt sich mit Hanno Olderdissen nun ein Experte auf dem Gebiet des Familienkinos an die berühmte Vorlage und verlagert das Schicksal rund um die clevere Collie-Hündin nach Deutschland. Das Ergebnis ist ein ganz starker Beitrag des deutschen Familienkinos.

Website: www.warnerbros.de

Deutschland 2020
Regie: Hanno Olderdissen
Darsteller: Sebastian Bezzel, Anna Maria Mühe, Nico Marischka, Bella Bading, Matthias Habich, Christoph Letkowski, Jana Pallaske, Justus von Dohnanyi
Verleih: Warner Bros.
Länge: 100 Min.
Start: 20. Februar 2020

FILMKRITIK:

Für den zwölfjährigen Flo (Nico Marischka) bricht eine Welt zusammen: Er muss seine geliebte Collie-Hündin Lassie abgeben, weil die Familie (Sebastian Bezzel und Anna Maria Mühe) in eine kleinere Wohnung ziehen muss, in der keine Tiere erlaubt sind. Der kluge Vierbeiner kommt in die Obhut des Grafen von Sprengel (Matthias Habich) und dessen Enkelin Priscilla (Bella Bading). Beide nehmen Lassie mit an die Nordsee, wo sie bald die Flucht ergreift. Für die Hundedame beginnt eine abenteuerliche Reise quer durch Deutschland. Eine Reise zurück zu Flo.

Wenngleich mit Hatchiko, Marley und Bella mittlerweile eine ganze Armada aus Filmhunden Angriff auf die Zuschauerherzen genommen hat, so bleibt der Border Collie Lassie immer einer der Mitbegründer des felligen Abenteuerkinos. Der britisch-US-amerikanische Schriftsteller Eric Knight machte die aufgeweckte Hündin 1938 zum Mittelpunkt einer Kurzgeschichte in der Saturday Evening Post, zwei Jahre später wurde schließlich ein Roman daraus. Darauf basierend folgten zahlreiche Bücher sowie Adaptionen für Fernsehen und Kino. Zu den wohl bekanntesten gehört bis heute die Realfilmserie zwischen 1954 und 1973. Zuletzt interpretierte Regisseur Charles Sturridge die „Lassie“-Storys für einen abendfüllenden Spielfilm, bevor mit „Lassie – Eine abenteuerliche Reise“ nun zum ersten Mal eine deutsche Variation des bekannten Stoffes erscheint. Der Film ist das nächste Projekt der „Traumfabrik“-Produktionsfirma Traumfabrik Babelsberg, die sich bereits mit dem romantischen Liebesmärchen als Nostalgie-Experten für große Kinobilder bewiesen hatten. Genau dieses spielt Regisseur Hanno Olderdissen („Rock my Heart“) nun auch für „Lassie“ aus. Sein familiengerechter Abenteuerfilm arbeitet die Seele der Originalvorlage kongenial heraus und verpackt sie in ein zeitgemäßes Gewand für Jung und Alt, das mit Herz(blut), Drama, Spannung und einer umwerfenden Mensch-Tier-Interaktion besticht.

Das Besondere an Lassie war neben ihrem markanten Äußeren eines Border Collies immer ihre grenzenlose Intelligenz. Und auch, dass es auf der anderen Seite natürlich einen Zweibeiner gab, der diese Intelligenz für sich zu nutzen wusste. So war die Hündin bereits Lebensretterin, Abenteurerin und dabei schon mal komplett auf sich allein gestellt; in „Lassie“ von Hanno Olderdissen kommen all diese Wesenszüge nun auf nicht mehr ganz so konstruierte Weise zusammen, da Drehbuchautorin Jane Ainscough („Gut gegen Nordwind“) sie in ein lebensecht-klassisches Familienfilmgefüge transportiert. In diesem ist Lassie erst einmal „nur“ Familienhund und bester Freund von Spross Flo, der seine Hündin über alles liebt entsprechend am Boden zerstört ist, als seine Eltern gezwungen sind, Lassie vorerst wegzugeben. All das geschieht innerhalb der ersten zehn Filmminuten. Und es ist schon interessant, mitzuerleben, was sich für eine ungewohnte Dynamik ergibt, wenn das, was in anderen Familienfilmen dieses Kalibers sonst gern mal der Hauptkonflikt wäre, hier direkt zu Beginn abgehakt wird. Zumal Ainscoughs Skript zudem auf sehr greifbaren Problemen fußt, wenn Vater Andreas seinen Job als Glasbläser nicht mehr ausüben kann, weil das Handwerk ausstirbt und die Familie Maurer der Rausschmiss aus ihrer Wohnung droht, weil dort keine Tiere erlaubt sind. Und so geht es in „Lassie“ nicht etwa darum, wie es dem jungen Flo gelingen kann, dass Lassie eben doch bei ihm bleibt (dass am Ende natürlich wieder beisammen ist, was zusammengehört, ist Genrestandard). Stattdessen greift jener Part, für den die „Lassie“-Abenteuer so bekannt wurden: Der Hund hilft sich selbst. Und die titelgebende abenteuerliche Reise unternimmt die Hündin im Alleingang von der Nordsee bis nach Süddeutschland.

Dass dabei nur mit einem einzigen Hund als Lassie gedreht wurde, ist zwar unüblich (normalerweise lässt man mehrere, für unterschiedliche Dinge geschulte Filmtiere eine einzelne Figur verkörpern), tut der Mensch-Tier-Bindung jedoch sichtlich gut. Die Interaktion zwischen Lassie und ihrem Flo ist auch ohne abgefahrene Tier-Tricks zuckersüß; man glaubt einfach in jeder Minute, wie nahe sich de beiden stehen. Auch sonst ist der Vierbeiner – nicht nur aufgrund seiner ausufernden Screentime (teilweise bestreitet Lassie ihre Szenen ja auch komplett alleine) der große Star des Films. Ganz so, wie es schon in den zahlreichen Vorlagen so war. Aber auch der Rest des (zweibeinigen) Ensembles nutzt sämtliche Möglichkeiten, um sich ihre Rollen zu eigen zu machen. Neben Sebastian Bezzel (Eberhofer-Filme) und Anna Maria Mühe („Jugend ohne Gott“) als aufopferungsvolles Elternpaar und der äußerst talentierte Newcomer Nico Marischka („Mord in bester Gesellschaft“) in der Rolle des Sohnes punktet „Lassie“ insbesondere in den Nebenrollen. Hier sieht man mit Christoph Letkowski („Lindenberg! Mach dein Ding“), Jana Pallaske („Fack ju Göhte“), Johann von Bülow („Lara“), Matthias Habich („Narziss und Goldmund“) und Justus von Dohnányi („Der Vorname“) eine Schauspielkonstellation mit Seltenheitswert. Sie alle stellen sich voll und ganz in den Dienst ihrer Figuren und sorgen mit für den hohen Sympathiewert des Films, der stark davon lebt, dass man all diese Darsteller nicht ständig auf der großen Leinwand zu sehen bekommt. Egal ob familiäre oder freundschaftliche Bindung: Dass diese Menschen hier – auf welche Art auch immer – miteinander verbandelt sind, glaubt man sofort. Selten hat das Casting eines deutschen Films zuletzt ein solch abwechslungsreiches Ergebnis zustande gebracht wie „Lassie“. Und ganz nebenbei: Bella Bading („Tschick“) sieht ihrer Schwester Emma einfach zum Verwechseln ähnlich.

Ihre Priscilla ist es auch, die gemeinsam mit Nico Marischkas Flo mühelos als Identifikationsfigur für die jüngeren Zuschauer funktioniert. Wenn die beiden parallel zu Lassies allein angetretener Heimreise ebenfalls zur Odyssee aufbrechen, um den geliebten Hund wieder zu finden, dann legen die beiden Kinder eine angemessene Cleverness an den Tag, um als Helden eines Abenteuerfilms ebenso zu funktionieren wie als ganz normale, junge Menschen. Mit dem regelmäßigen Zugriff auf soziale Netzwerke, in denen beispielsweise eine Suchgruppe eingerichtet oder Videos von Lassie geteilt werden, ist das auch bereits das einzige Zugeständnis an die moderne Technikaffinität unserer Jüngsten. Hanno Olderdissen inszeniert zwar klar ein an die ganze Familie gerichtetes Abenteuer und passt den Film inszenatorisch an moderne Sehgewohnheiten an; Kameramann Martin Schlecht („Traumfabrik“) sorgt für berauschende Hochglanzpanoramen zu jeder Tageszeit, die „Lassie“ klar im Kino verorten. Doch darauf, sich mittels Jugendsprech, Hip-Hop-Mukke und Co. bei den Kids anzubiedern, wie es heutzutage nahezu jede (schlechte) deutsche Kinderfilmproduktion tut, verzichtet Olderdissen komplett. Sogar der obligatorische Slapstick hält sich in Grenzen, löste in den entsprechenden Momenten im Kino aber Gelächter bei der Zielgruppe aus. All das macht den „Lassie“ von 2020 zu einem Highligh, nicht nur unter vergleichbaren Filmen, bei dem sich die Kleinen genauso amüsieren dürften wie die Großen. Und dafür braucht man noch nicht einmal in nostalgischen Sphären schwelgen. Das hier ist einfach richtig gut produziertes Familienkino.

Gut gemacht, groß gedacht und mit Freude vorgetragen: Hanno Olderdissens “Lassie – Eine abenteuerliche Reise” ist eine Abenteuerkomödie für die ganze Familie, an der es absolut nichts auszusetzen gibt.

Antje Wessels