Last Days

Kurt Cobain ist tot – es lebe Kurt Cobain. Regisseur Gus Van Sant („Elephant“, „Good Will Hunting“) hat dem 1994 durch Selbstmord in den Rock’n’Roll-Himmel aufgestiegenen Frontmann der Grunge-Band Nirvana in „Last Days“ ein ebenso ungewöhnliches wie kontroverses filmisches Denkmal gesetzt. Inspiriert durch Cobains Biografie zeichnet Van Sant ein sehr frei interpretiertes und das Delirium von Cobains Drogenkonsum spürbar machendes Porträt der letzten Tage des Grunge-Poeten. Das hinsichtlich seiner Bild- und Tongestaltung ebenso reizvolle wie verstörende Porträt feiert seinen Helden jedoch weniger als dass es mit ihm leidet.

Webseite: www.alamodefilm.de

USA 2005
Regie: Gus Van Sant
Darsteller: Michael Pitt, Lukas Haas, Asia Argento, Scott Green, Nicole Vicius, Harmony Korine
104 Minuten
Verleih: Alamode
Start am 11.1.07

PRESSESTIMMEN:

Einer der besten Filme über Jugendkultur und Todessehnsucht. Regisseur Gus van Sant erzählt von einem Musiker, der heimkommt, um zu sterben. – Herausragend!
tip Berlin

FILMKRITIK:

Bei Gus Van Sant heißt der Held nicht Kurt Cobain, sondern Blake. Zu Beginn sieht man ihn durch einen Wald nahe Seattle einen Abhang hinunter zu einem kleinen Fluss schwanken und ein Bad nehmen. Vögel zwitschern, ein Wasserfall rauscht, klassischer Choralgesang ertönt – nicht unbedingt der Sound, den man mit einer Rockikone assoziiert. Blake wirkt abwesend, führt Selbstgespräche und murmelt unverständliches Zeug vor sich hin. Daran wird sich bis zur letzten Einstellung von „Last Days“ nichts ändern. Auch fehlt es an einer erkennbaren Handlung – was dem 2005 in Cannes vorgestellten Film mehrfach schon das Prädikat von Langeweile eingebracht hat. Wer sich aber auf die langen Einstellungen einlässt, wird belohnt.

 

Blake ist dargestellt als Schatten seiner selbst, ein von Sex, Drogen und dem Rock’n’Roll gezeichneter Mensch, der sich mehr und mehr in seine innere Einsamkeit zurückzieht. Weder Vertreterbesuche an der Haustüre noch den mit ihm in einer alten Villa wohnenden Musikerkollegen gelingt es, sich dem apathischen Wrack zu nähern. Allein die Kamera scheint Blakes Komplize zu sein, indem sie oft minutenlang in gleicher, eher distanzierter denn naher Einstellung verharrt. Als interessant erweist sich mit der Zeit aber die Anordnung des Materials. Bereits bekannte Szenen werden aus einem anderen Blickwinkel betrachtet und fügen sich nun wie Puzzleteile zusammen. Die von Gus Van Sant bereits im vorausgegangenen „Elephant“ praktizierte und hier noch subtiler erfolgende elliptische Erzählweise macht es jedoch nicht leicht, diese Teile in ihrer chronologischen Abfolge immer auch sofort einzuordnen.

Doch darum geht es letztlich gar nicht, denn „Last Days“ ist mehr filmisches Gedicht denn Chronik eines viel zu frühen Todes. Wichtiger Bestandteil dieser Poesie ist dabei auch die Tonspur, die oft Naturgeräusche liefert, wo gar keine zu sehen ist und knarrende Türen den Eindruck eines Gespensterhauses vermitteln. Das Sounddesign erhielt denn auch seinerzeit in Cannes eine Auszeichnung. Auch entwickelt die sparsam eingesetzte Musik, so sie endlich erklingt, einen ungemeinen Sog, gibt gerade dadurch ein Gefühl vom immensen musikalischen Potenzial Cobains.

Gerade weil man vielleicht so lange darauf warten muss, entwickelt das exakt zur Hälfte des Film vom bis in die Haarspitzen als Cobain-Epigone authentisch wirkenden Darsteller Michael Pitt improvisierte Gitarrenstück (immerhin ganze fünf Minuten lang) jene unter die Haut gehende Power, die man von Nirvana-Songs kennt. An anderer Stelle setzt Lou Reeds „Venus in Furs“ einen magischen Akzent. Am Ende wird man Zeuge, wie sich Blakes Geist vom toten Körper des Helden löst und den „Stairway to Heaven“ erklimmt. Mag sein, dass Nirvana-Fans eine andere Huldigung erwartet hätten. Für eine  künstlerische Auseinandersetzung mit der Musikerlegende und dem von Van Sant auch schon in seinen letzten Filmen angeschnittenen Thema Tod ist „Last Days“ ein gelungener Independent-Film.

Thomas Volkmann