Last Night

Sensibel und glaubwürdig inszeniert die gebürtige Iranerin Massy Tadjedin in ihrem Regiedebüt „Last Night“ eine Romanze der erwachsenen Art um Liebe, erotische Anziehung, Vertrauen, Treue, Eifersucht und Seitensprung. Eigentlich nichts Neues. Doch ihre stilistische Finesse einer stimmigen Parallelmontage steigert die dramaturgische Spannung. Nicht zuletzt macht die hochkarätige Besetzung mit zwei starken Frauenfiguren, verkörpert von Eva Mendes und Keira Knightley als Gegenspielerinnen, die subtil beobachtete Beziehungsgeschichte und kluge Studie über die Versuchung sehenswert.

Webseite: www.drei-freunde.de

USA/Frankreich 2010
Regie: Massy TadjedinDrehbuch: Massy Tadjedin
Länge: 90 Minuten
Darsteller: Keira Knightley, Eva Mendes, Sam Worthington, Guillaume Canet, Daniel Eric Gold, Griffin Dunne, Scott Adsit, Stephanie Romanov
Verleih: Drei-Freunde/NFP, Vertrieb: Warner Bros.
Kinostart: neu 30.12.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die Beziehung von Mann und Frau, die erotische Anziehung, Liebe, Eifersucht und Rivalitäten – das ist der Stoff, aus dem das feinsinnige Drama gesponnen ist. Ein junges Paar im Big Apple erleidet die Versuchungen des Ehebruchs. Durchaus nichts Weltbewegendes. Doch Regisseurin und Drehbuchautorin Massy Tadjedin versteht es diese Vierecksgeschichte spannend bis zum Schluss zu inszenieren. Grund: In einer genialen Parallelmontage zeigt die 32jährige abwechselnd gezielt die jeweilige Stimmung und Gefühlslage der voneinander getrennten Partner auf Abwegen.

Besonders die Intelligenz des psychologisch ausgefeilten Skripts und die Dialoglastigkeit überrascht für einen Hollywoodfilm. Denn hinter dem, was ihre Figuren äußern, lauert immer auch das Nichtgesagte, Verschwiegene. Mit jeder Szene wird der Zuschauer mehr in den Reigen der Möglichkeiten hineingezogen. Verführung, Entzweiung und Verzicht liegen in der Luft. Die Faszination, die der Film ausstrahlt, entsteht auch aus dem Wechselspiel zwischen dem Blick der Kamera und den Blicken, die sich die Hauptfiguren zuwerfen.

Der wunderbar offene Schluss dieses Liebensabenteuers auf der Bühne des modernen Alltags erinnert fast an französische Autorenfilme. Beinahe gelingt der jungen Filmemacherin Massy Tadjedin mit dem durchaus virtuos gehandhabtem Stilmittel, der Gestus des Improvisierten, als wäre ihr Film dem alltäglichen Leben abgelauscht. Niemals verrät die gebürtige Iranerin ihre Charaktere oder bezieht Stellung. Sie beobachtet, lässt sie ihre eigenen Positionen finden, und so erhält jede ihre Berechtigung.

Hektisch machen sich Michael (Sam Worthington) und Joanna Reed (Keira Knightley) auf den Weg zu einer Party. Dem jungen, verheirateten Paar in seinem trendigen Loft in Manhattan scheint nichts zu fehlen, was man zu einem perfekten Leben braucht. Doch an diesem Abend gibt es einen kurzen Moment, der alles ändert. Joanna beobachtet ihren Mann Seite an Seite mit seiner attraktiven, neuen Kollegin Laura (Eva Mendes). Ein Bild, das sich ihr einprägt. Sie sieht nichts Eindeutiges. Trotzdem beginnt sie zu zweifeln. Stellt ihn auf dem Nachhauseweg zur Rede. Warum hat er nie von ihr erzählt?

Sie lässt sich beruhigen. Am nächsten Tag freilich fliegt Michael wegen geschäftlicher Verpflichtungen zwei Tage nach Philadelphia. Seine Kollegin Laura, für deren Reize er nicht unempfänglich ist, begleitet ihn. Joanna quält sich. Eifersucht macht sie fast krank. Als sie fluchtartig ihre Wohnung verlässt, trifft sie zufällig Alex (Guillaume Canet), einen verflossenen Liebhaber, von dem sie glaubte, ihn längst vergessen zu haben. Plötzlich haben beide eine Gelegenheit für einen Seitensprung. Wer von ihnen widersteht der Versuchung? Was passiert in dieser Nacht, die sie getrennt voneinander verbringen? Lohnt es sich dem Reiz des Augenblicks, der erotischen Begegnung hinzugeben? Ein romantischer Showdown beginnt.

Alex überredet Joanna zu einem gemeinsamen Abendessen mit Freunden. Schließlich ist das sein letzter Abend bevor der smarte französische Buchautor nach Paris zurückkehrt. In Philadelphia ist der Geschäftstermin beendet. Offen flirtet Laura mit Michael, der von ihrer offensiven und autonomen Weiblichkeit total verunsichert ist. Jeder Augenaufschlag, jedes Lächeln, jede Geste zeigt, was ihn erwarten könnte. Bald sitzen beide gemeinsam in einer Bar. Um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen ruft Michael seine Angetraute kurz von der Toilette aus an. In N.Y. hingegen genießt Joanna den Abend. Das Klingeln ihres Handys ignoriert die Freelancerin. Als Alex sie einlädt auf eine Feier mit zu kommen, lehnt sie zunächst standhaft ab. Trotzdem, der Abend ist noch nicht gelaufen und die Nacht noch lang. Moralische Ansprüche an sich selbst werden dabei auf eine harte Probe gestellt.

In der Rolle der reifen Verführerin brilliert die erfrischend unprätentiöse Eva Mendes mit entwaffnendem Charme, Intelligenz und Schlagfertigkeit. Nicht selten spielt die in Miami geborene Tochter kubanischer Eltern Frauen, die in Männerdomänen vordringen: mit Sex, Schläue und Witz. Kein Wunder, dass Hollywoods umtriebiger Shootingstar Sam Worthington, der nach „Avatar“ in kürzester Zeit in die Liga der Topschauspieler aufstieg, der Latin-Diva in der wunderbaren Sequenz am Swimmingpool des Hotels kaum widerstehen kann. Obwohl dem leidenschaftlichen Surfer angeblich Actionsequenzen mehr Freude bereiten als zärtliche Liebesszenen.

Der Megastar des internationalen Kinos Keira Knightley bezaubert dagegen nach wie vor mit einer Spur Ironie gepaart mit sensibler Verletzlichkeit. Die unangefochtene Königin des Kostümfilms zeigt einmal mehr, dass sie nicht nur in opulenten historischen Roben glänzen kann. Das schauspielerische Talent der aparten Britin offenbart sich selbst in modernen Beziehungsgeschichten wie dieser mit der Dimension eines psychologischen Kammerspiels. Freilich wirkt die grazile 25jährige in manchen Szenen schon arg zerbrechlich. Nach dem Motto „Real Woman have curves“ würden ein paar Kilo mehr ihrer anmutigen, femininen Ausstrahlung nur gut tun.

Luitgard Koch

Joanna und Michael sind noch nicht lange und anscheinend ziemlich glücklich verheiratet. Sie gehen natürlich auch gemeinsam aus. Da trifft es sich, dass Michael der „Kollegin“ Laura begegnet, die früher einmal für ihn geschwärmt haben soll. Und jetzt werden sie auf einer Geschäftsreise erneut miteinander zu tun haben.

Joanna reagiert eifersüchtig. Schon Blicke kommen ihr verdächtig vor – obwohl Michael sich nicht das Geringste zuschulden kommen ließ.

Sie beruhigt sich wieder. Michaels – und Lauras – Reise nach Philadelphia steht bevor. Am Abend eines geschäftigen Tages tasten sich die beiden ab, ziehen von Lokal zu Lokal, reden lange miteinander, können ihre Gefühle nur schlecht verbergen, fühlen sich Momente lang zweifellos zueinander hingezogen.

Michael muss am nächsten Tag wieder abreisen. Wird es zum One-Night-Stand kommen oder nicht?

Joanna vertreibt sich die Zeit, geht einkaufen. Kurze Telefonate mit Michael. Sie trifft auf der Straße zufällig Alex, einen Ex-Geliebten.

Joanna denkt zunächst gar nicht daran, alte Gefühle wieder aufkommen zu lassen. Allerdings ist Alex ein überaus sympathischer Kerl. Sie lässt sich dann doch einladen zu einem kleinen Essen mit Freunden. Der Abend wird außerordentlich anregend.

Was tun mit dem Rest der Nacht? Alex und Joanna bleiben zusammen. Die früheren Empfindungen sind zurückgekehrt. Wird es zum Sex kommen oder nicht? Wird Joanna ohne durchhalten?

Ein Kammerspiel, das durchaus plausibel abrollt. Wie eng und fest ist die Liebe zum jetzigen, wie zum früheren Partner? Wie steht es mit der „modernen“ Auffassung, die einen kurzen Seitensprung offenbar nicht mehr als so gravierend ansieht? Wie wird das Leben „danach“ sich abspielen?

Das alles wird hier – in formal tadelloser Weise – vorgeführt. Selbstverständlich kommt es darauf an, mit welchen Nuancen derlei gezeigt, eingepackt, betont und gespielt wird. Keira Knightley (Joanna) und Eva Mendes (Laura) sind die beiden rivalisierenden Damen, und das garantiert schon, dass gute Qualität vorherrscht. Sam Worthington (Michael) und Guillaume Canet (Alex) spielen die männlichen Parts, wobei letzterer sich besser aus der Affäre zieht.

Ein halbwegs spannendes, gut gespieltes, „modernes“ Ehe- und Beziehungskammerspiel, das konventionellen Moralvorstellungen (in unterhaltsamer Weise) nicht ganz gerecht wird.

Thomas Engel